Es wird nicht gut ausgehen
»Sol.system ent_humanisiert > Uneingeschränkte SolarHerrschaft«, heißt es am Ende. Die Evolution hat ihre Kinder gefressen, Maschinen haben die Macht übernommen. Die uns bekannte Rechtschreibung ist längst abgeschafft. Die Herrschaft der Technologie erstreckt sich über den Planeten hinaus ins ganze Weltall.
Derart dystopisch lässt der Comiczeichner und Illustrator Jens Harder seine drei Bücher beziehungsweise vier Bände umfassende Natur- und Kulturgeschichte enden. Was mit Urknall und Menschwerdung begann, schließt mit einer ebenso wüsten wie überwältigenden Zukunftsvision.
Harder entwickelt in dem kürzlich erschienenen letzten Band »Gamma« seinen Stil konsequent weiter; der Comic ist eine kunstvolle Kompilation aus opulenten Bildzitaten und knapper Narration.
Damit schließt der Zeichner ab, was er vor über zehn Jahren begonnen hat: 2010 veröffentlichte er den ersten Band »Alpha – Directions«, es folgten 2014 »Beta – Civilisations 1« und 2022 »Beta – Civilisations 2.«
Mit erzählerischem Materialreichtum und freier Gestaltungsgabe balanciert Harder zwischen Kunst und Comic, Naturwissenschaft und Mythologie.
Die Buchreihe hat einen Vorläufer: Schon der Sammelband »Mikromakro« (2007) enthielt mit der Story »Leviathan« eine Art Moby-Dick-Adaption mit immenser mythologischer Aufladung. Da ringt ein Wal mit einem Kraken, verschlingt Urzeitechsen und Fabelwesen. Menschen in Booten tauchen auf, ein Titanenkampf beginnt, der symbolisch ist für den Widerspruch von Natur und Technik. Das Meer wird als Ursuppe dargestellt, aus der das irdische Leben entspringt.
»Alpha« (2010) beginnt mit einem Lichtpunkt. Der Kringel wächst zu etwas heran, was wie der Querschnitt eines Salatkopfs aussieht. Der Urknall explodiert in vielen Bildern, die sich mit Motiven aus Schöpfungsmythen verbinden. Das Foucault’sche Pendel und Billardkugeln versinnbildlichen physikalische Kräfte.
Chaos und Ordnung balancieren sich gegenseitig aus. Verschiedene kosmologische Vorstellungen ziehen durch den Raum, etwa die Schildkröte mit den Elefanten darauf, die die Erdscheibe stützen. Die Traumzeit der Aborigines taucht auf, Menschen empfangen Göttliches, was mit alchemistischen Motiven und fotorealistischen Darstellungen von Radioteleskopen verschnitten wird. Der Mensch war schon immer auf der Suche nach mehr Sinn für sein Leben, so die Botschaft.
Grinsende Primaten und ein zwinkernder Charlie Chaplin
Der Band endet mit einem Affenmenschen, der den Leser anglotzt. Er nimmt die Jägerkultur und deren Katastrophen vorweg. Hier schließt der in zwei Büchern erschienene »Beta«-Teil an. Es geht um die Menschwerdung des Affen, den aufrechten Gang und prinzipielle Fähigkeiten wie die Kooperation, die evolutionäre Vorteile bringen. Empathie und Lachen werden mit vielen Gesichtern vermittelt. Man sieht grinsende Primaten, aber auch einen zwinkernden Charlie Chaplin.
Tausch und Handel werden mit Bildern vom mittelalterlichen Markttreiben, der Geschäftigkeit im Supermarkt und der New Yorker Börse repräsentiert. Mit dem Eigentum und den Stadtgründung zieht der Krieg in die Geschichte ein. Im Schnelldurchlauf bewegt sich Harder bis in die Gegenwart mit ihren globalen Fluchtbewegungen, dem Hunger, der katastrophischen Entwicklung des Klimas, dem Terror. Und alles begleitet vom Fluch und Segen der Technologie, wo der neue Band »Gamma« ansetzt.
Doch wohin treibt die Menschheit, der Planet, das Universum? In »Gamma« wird in die Zukunft geblickt und es geht nicht gut aus. Der Band lotet aus, wohin ein Strang künftiger Geschichte hinauslaufen könnte, nimmt man Warnungen über die kommende Allmacht der Künstlichen Intelligenz und die Folgen des Klimawandels ernst.
Herrschaft der Maschinen
In einigen Jahrzehnten, so die Ausführungen, übernehmen die Maschinen die Herrschaft. Das passiert schleichend. Menschen ziehen sich aus der materiellen Arbeit zurück, neue Naturreligionen entstehen, irgendwann ist die Menschheit überflüssig geworden. Zunächst werden die Erdenbewohner ins All verdrängt, dann sterben sie ganz aus. Immer wieder ergeben sich Chancen zu überleben, aber sie werden nicht genutzt. Kriege und Konflikte verhindern jede Einsicht, jede Umkehr. Der Mensch bekriegt sich selbst und besiegelt sein Schicksal.
Mit erzählerischem Materialreichtum und freier Gestaltungsgabe balanciert Harder zwischen Kunst und Comic, Naturwissenschaft und Mythologie. Seine dystopischen Zeichnungen sind große Mosaike, die mit vielen kleinen, sich teilweise ähnelnden Bildmotiven gefüllt sind. »Verschaltung« nennt Harder das Prinzip, Bilder nebeneinander- und gegenüberzustellen. »Gamma« beginnt mit kleinen Rechtecken, die Figuren aus der Populärkultur zeigen, etwa Außerirdische wie E.T. und das Alien. Dazwischen prangen die Bundys aus »Eine schrecklich nette Familie«, die auf der gegenüberliegenden Seite ganz allein sind. Außerirdisches Leben bleibt Illusion.
Auch an »2001. Odyssee im Weltraum« kommt Harder nicht vorbei. Zeichner wie Jack Kirby sind Inspirationen, wenn der Silver Surfer aus apokalyptischer Perspektive einen brennenden Allkörper in Augenschein nimmt. Neben dem Anime-Kinofilm »Akira« dient die ältere Kunstgeschichte als Vorbild, es gibt Anleihen von Holzschnitten, Alfons Mucha und Gustave Doré. Mehrfach schauen einen »Futurama«-Figuren an. Auch der Science-Fiction-Roman »Am Rande wohnen die Wilden« aus der DDR-Reihe »Spannend erzählt« zählt zu Harders Quellen.
Visuelle Fülle, dichte Atmosphäre und Zeitsprünge
Angesichts der visuellen Fülle mutet die sprachliche Ebene karg an. Jeweils ein, zwei Sätze fallen alle paar Seiten, müssen als Erklärung ausreichen. Das ermöglicht eine dichte Atmosphäre und gleichzeitig Zeitsprünge, wenn Harder beispielsweise in »Alpha« vom Feuer zur Atomenergie und vom menschlichen Auge zur Kameralinse hüpft.
In »Gamma« spielt sich alles vor einem blauen Hintergrund ab, dessen Kraft an die Farbwahl eines Eric Drooker denken lässt. Aber Harder ist im Strich feiner, präziser, mehr um Realismus bemüht, wo der New Yorker Zeichner schablonenhaft arbeitet. Einige Zeichnungen greifen die geometrischen Konstruktionen von M. C. Escher auf.
Zuletzt verschwimmt der Text, beginnt zu halluzinieren. Die Protokolle aus der Zukunft nehmen an Unschärfe zu, je weiter es in die Zukunft geht.
Der beschäftigte sich unter anderen mit Endlosschleifen, Sphären und Globen, die auch bei Harder erscheinen. Es gibt Möbiusbänder und Reminiszenzen an den Comic-Künstler Mœbius, der meisterliche Zukunftsvisionen entworfen hat. Am Ende bevölkern kugelförmige Riesengloben wie der Todesstern aus »Star Wars« das All. Da ist die untergegangene Kopenhagener Meerjungfrau, die von Fischschwärmen umzogen wird, längst Geschichte.
Zuletzt verschwimmt der Text, beginnt zu halluzinieren. Die Protokolle aus der Zukunft nehmen an Unschärfe zu, je weiter es in die Zukunft geht. Zum Schluss schrumpft eine Glühlampe zum Punkt zusammen. Der Letzte wird das Licht nicht mehr ausmachen müssen.
Jens Harder: Gamma. Die große Erzählung 4. Carlsen-Verlag, Hamburg 2025, 192 Seiten, 44 Euro
