»Gesundheit ist kein nationales Gut, sondern ein globales«
Welche Erfahrung haben Sie im Bereich der internationalen Gesundheitshilfe?
Ich bin Fachärztin für Allgemeinmedizin und seit rund zehn Jahren in der internationalen Gesundheitsarbeit aktiv. Mein Schwerpunkt ist Afrika. Ich habe von 2009 bis 2012 in Tansania ein Krankenhaus im Busch geleitet. Ich war dort die einzige Ärztin für 120 Betten. Eigentlich komme ich aus der Chirurgie, ich habe dort also viel operiert und Geburtshilfe geleistet, war aber auch mit der Personalleitung und Pharma-Lieferketten befasst. Außerdem war es mir wichtig, medizinisches Wissen weiterzugeben.
Wie sah es zu jener Zeit mit HIV-Therapien aus?
Damals gab es bereits Therapiemöglichkeiten von HIV in Afrika. Wir haben dafür gekämpft, dass Patient:innen wohnortnah versorgt werden. Wohnortnah bedeutet, dass im Umkreis von 30 Gehminuten eine medizinische Versorgungsstelle ist und wir mit Outreach-Programmen die umliegenden Dörfer erreichen.
Sie waren gerade wieder dort. Was waren Ihre Beobachtungen?
Ich war 16 Tage in Uganda und dann in Kenia unterwegs. Ich war in sechs Krankenhäusern in Uganda, über das ganze Land verteilt, und fünf Krankenhäusern im Westen Kenias. Das waren ganz unterschiedliche Einrichtungen in kirchlicher, privater und auch staatlicher Trägerschaft. Ursprünglich ging es bei der Reise um Frauengesundheit. Ich habe Projekte besucht, die in der Vergangenheit gefördert wurden, und wollte Daten im Bereich der Palliativmedizin und der Onkologie sammeln.
Man muss allerdings sagen, dass das angesichts des weitgehenden Zusammenbruchs der HIV-Versorgung nur noch ein Randthema war. Uganda war bislang gut ausgestattet mit Mitteln aus Pepfar, die jetzt weg sind. Das belastet das gesamte Gesundheitssystem. Die wohnortnahe Versorgung ist zusammengebrochen. Es ist kein Geld mehr da, um in die Dörfer zu fahren.
»Wenn multiple Resistenzen auftreten, weil die Menschen wieder ansteckend sind, dann kommt das auch letztlich zu uns.«
Wie war die Stimmung in den Krankenhäusern?
Die schwankt zwischen Kampfgeist und Resignation, es hat die Einrichtungen unvorbereitet getroffen. Gemeindegesundheitshelfer wurden von einem auf den anderen Tag entlassen. Es wurde gesagt: Ihr könnt morgen noch kommen, aber ihr werdet nicht mehr bezahlt. Ein Krankenhaus wurde von 108 auf 78 Mitarbeiter:innen reduziert. Das sind Menschen, die teilweise Jahrzehnte in den Programmen gearbeitet haben. Manche sind auch ohne Bezahlung weiterhin gekommen, in einem staatlichen Krankenhaus waren es drei. Aber je nach Standort müssen 1.000 bis 3.000 Menschen regelmäßig betreut werden.
Wir wird das den Patient:innen vermittelt?
Es wird ihnen gesagt, wie wichtig es ist, dass sie weiterhin kommen, und dass das Angebot aufrechterhalten wird. Unsicherheit hat große Auswirkungen auf Patient:innen. Zum Beispiel beginnen sie dann, Medikamente zu sparen, wodurch ihre Viruslast steigt.
Hat man sich zu sehr auf die USA verlassen?
Man hat gesehen, was alles möglich ist, wenn man Geld reinsteckt. Das waren exorbitante Summen und jetzt ist da ein Loch. In der Öffentlichkeit gab es erst einen Aufschrei wegen der Kürzungen, jetzt wo es wehtut, schaut niemand mehr hin. Es braucht globale Solidarität, das hilft letztlich uns allen. Wenn multiple Resistenzen auftreten, weil die Menschen wieder ansteckend sind, dann kommt das auch letztlich zu uns. Gesundheit ist kein nationales Gut, sondern ein globales. Auch Deutschland muss einen Teil der internationalen Gesundheitsfinanzierung tragen, und zwar deutlich mehr als bisher.