Cineastische Qualität
Es passiert nicht alle Jahre, dass Tortoise ein neues Album veröffentlichen. Zuletzt durfte man sich 2016, also vor zehn Jahren, über »The Catastrophist« freuen. Seit Gründung der Band 1988 durch John Herndon und Douglas McCombs ist das neue »Touch« erst das achte Studioalbum – zur Diskographie der Band gehören Klassiker wie »TNT«, das jazzige Postrock-Glanzstück von 1998.
Gut Ding will anscheinend Weile haben; schließlich ist das der Band ihren Namen gebende Tier, die Schildkröte, auch nicht bekannt dafür, besonders schnell zu sein. Doch damit enden auch schon die Assoziationen mit dem trägen Panzerträger.
Charmant-verspielter Sound
Die US-Amerikaner, die seit 1997 in unveränderter Besetzung zusammenspielen, haben keinen behäbigen Longplayer herausgebracht. Wollte man in der Welt der Tierassoziationen bleiben, dann müsste man vielleicht eher an eine Gazelle denken, um den charmant-verspielten Sound des Quintetts zu beschreiben.
Aber ohne »Brehms Tierleben« weiter zu bemühen: »Touch« gehört zu den besten Alben, die 2025 erschienen sind. Es lädt dazu ein, es immer wieder zu hören, denn immer wieder gibt es neue Details zu entdecken.
Neben Einflüssen aus Jazz, elektronischer Musik und Krautrock haben viele der Songs auch cineastische Qualitäten.
Jedes einzelne der zehn Instrumentalstücke wirkt perfekt durchdacht und ideenreich, ohne dabei in hyperaktive akustische Überforderung des Hörers oder schnöde Formelhaftigkeit zu verfallen. Das ganze Album ist geprägt vom klaren Tortoise-Sound, aufgepeppt mit noisigen Einschüben.
Neben Einflüssen aus Jazz (zum Beispiel bei »Works and Days«), elektronischer Musik und Krautrock – Neu! lassen bei »Axial Seamount« grüßen – haben viele der Songs auch cineastische Qualitäten: »Night Gang« weckt Assoziationen an einen Western, während »Oganesson« einen Agentenfilm der Sechziger evoziert. Es bleibt also zu hoffen, dass Tortoise nicht wieder neun Jahre auf ein solches Album warten lassen.
Tortoise: Touch (International Anthem)
