Armut de luxe
2. Mai 1931
Fünfzehntausend Menschen drängen sich im Berliner Sportpalast. Die Türen sind bereits seit einer Stunde geschlossen, obwohl noch zwei- oder dreitausend Menschen vergeblich gegen die Tore drücken. Dabei ist der Anlass kein Sechs-Tage-Radrennen, sondern eine politische Versammlung. Der Berliner Faschistenführer, der verhutzelte, klumpfüßige und frenetische Dr. Goebbels, Adolf Hitlers rechte Hand in Berlin, wird eine Rede halten, und wo immer er auftaucht, versammeln sich solche Menschenmengen und zahlen ihre 25-Cent-Eintrittsgebühr. Nur Hitler selbst, der unbeholfene Österreicher mit dem Charlie-Chaplin Schnurrbart, kann eine noch größere Menschenmenge anziehen als Goebbels, der mit seinem Hauptquartier in Berlin – Hitler ist in München – der Anführer des deutschen Faschismus im Norden ist.
Die Halle ist mit Bannern behängt – das schwarze Hakenkreuz in weißem Kreis auf roter Flagge; Rot, Weiß, Schwarz, die alten Reichsfarben, und das Hakenkreuz, Symbol jener eigentümlichen Mischung aus nordischer Mythologie, Antisemitismus, militaristischer Tradition, Desperado-Nationalismus und Sozialismus für Deppen, welche die Philosophie der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ausmachen, die allgemein mit dem Wort Nazi bezeichnet wird.
Das Publikum anheizen
Transparente verkünden, wenn schon kein Programm, so doch eine Hoffnung: »Adolf Hitler führt uns in eine bessere Zukunft.« »Deutschland erwache!« »Lasst euch nicht zu Gewalt verleiten. Bleibt diszipliniert!«
Militärmusik ertönt. Gruppen uniformierter Jugendlicher, die Stoßtrupps der Partei, sind im Saal verteilt, um für Ordnung zu sorgen, oder marschieren unter wehenden Fahnen durch die Gänge. Vor der Rednertribüne stehen ein Verstärker und ein Lautsprecher.
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