»Ein Linksruck im Rechtsruck«
Ralf Hoffrogge ist Historiker, Publizist und assoziierter Wissenschaftler beim Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Er ist seit über zehn Jahren in der Berliner Mietenbewegung aktiv und war Mitgründer der Kampagne »Deutsche Wohnen & Co enteignen«. In der Reihe »Theorie.org« erschien 2017 seine Einführung »Sozialismus und Arbeiterbewegung«. Im September erschien im Brumaire-Verlag sein Buch »Das laute Berlin« über hauptstädtische Mietenproteste seit der Finanzkrise.
Der damalige Vorstandsvorsitzende des Wohnungskonzerns Deutsche Wohnen, Michael Zahn, hatte 2019 Mitglieder der Initiative »Deutsche Wohnen enteignen« (DWE) beschimpft: »Das, was Sie hier zeigen, das ist das hässliche Berlin, das ist das laute Berlin. Und das ist das unseriöse Berlin. Und das ist das Berlin, das meines Erachtens keine Zukunft hat.« Darauf bezieht sich der Titel Ihres neuen Buchs »Das laute Berlin«?
Ja. Das war ein echter PR-Fail. Das Zitat fiel bei einer Podiumsdiskussion. Die war der Versuch der Wohnungswirtschaft, zum Angriff gegen die Berliner Mietenbewegung überzugehen. Zahns Statement war eine Beleidigung. Er hat gezeigt, dass er die Stadt nicht kennt, in der seine Firma von 100.000 Leuten Miete kassiert. Was Deutsche Wohnen danach erlebte, war eines von den Dingen, für die die deutsche Sprache keine Wörter hat, weshalb wir uns mit dem englischen Begriff shitstorm behelfen.
Warum hielten Sie es für sinnvoll, gerade jetzt ein Buch über die Geschichte der Mietenbewegung herauszubringen?
Wir befinden uns in einem Patt. Die Mietenbewegung hat durchaus Erfolge erzielt, sie hat die öffentliche Stimmung gedreht. Bis 2010 hieß es »Privatisieren oder Nichtstun«, mittlerweile wird eher »Neubau oder Vergesellschaftung« debattiert. Es gab Rekommunalisierung und öffentlichen Neubau von Wohnungen. Aber die Forderungen nach Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände wurde nicht erfüllt. Es ist ein guter und notwendiger Moment des Innehaltens, der Reflexion für kommende Kämpfe.
Noch kein Abonnement?
Um diesen Inhalt zu lesen, wird ein Online-Abo benötigt::