Jungle+ Artikel 01.01.2026
Ralf Hoffrogge, Historiker, im Gespräch über die Berliner Mietenbewegung

»Ein Linksruck im Rechtsruck«

Der Historiker Ralf Hoffrogge zeichnet in seinem Buch »Das laute Berlin« die Geschichte der Mietenbewegung nach: von frühen Miet­streiks über verlorene Kämpfe der Nachwendezeit bis zur Kampagne »Deutsche Wohnen & Co. enteignen«. Die »Jungle World« sprach mit ihm über Protestzyklen, Erfolge und Niederlagen, Klassenfragen und strategische Fehler.

Der damalige Vorstandsvorsitzende des Wohnungskonzerns Deutsche Wohnen, Michael Zahn, hatte 2019 Mitglieder der Initiative »Deutsche Wohnen enteignen« (DWE) beschimpft: »Das, was Sie hier zeigen, das ist das hässliche Berlin, das ist das laute Berlin. Und das ist das unseriöse Berlin. Und das ist das Berlin, das meines Erachtens keine Zukunft hat.« Darauf bezieht sich der Titel Ihres neuen Buchs »Das laute Berlin«?
Ja. Das war ein echter PR-Fail. Das Zitat fiel bei einer Podiumsdiskussion. Die war der Versuch der Wohnungswirtschaft, zum Angriff gegen die Berliner Mietenbewegung überzugehen. Zahns Statement war eine Beleidigung. Er hat gezeigt, dass er die Stadt nicht kennt, in der seine Firma von 100.000 Leuten Miete kassiert. Was Deutsche Wohnen danach erlebte, war eines von den Dingen, für die die deutsche Sprache keine Wörter hat, weshalb wir uns mit dem englischen Begriff shitstorm behelfen.

Warum hielten Sie es für sinnvoll, gerade jetzt ein Buch über die Geschichte der Mietenbewegung herauszubringen?
Wir befinden uns in einem Patt. Die Mietenbewegung hat durchaus Erfolge erzielt, sie hat die öffentliche Stimmung gedreht. Bis 2010 hieß es »Privatisieren oder Nichtstun«, mittlerweile wird eher »Neubau oder Vergesellschaftung« debattiert. Es gab Rekommunalisierung und öffentlichen Neubau von Wohnungen. Aber die Forderungen nach Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände wurde nicht erfüllt. Es ist ein guter und notwendiger Moment des Innehaltens, der Reflexion für kommende Kämpfe.

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