01.01.2026
Eine Ausstellung der Urban Sketchers Gdansk mit Kreuzberger Beteiligung

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Kunst im Stadion

Kurz bevor das Jahr zu Ende geht, fahren Julia und ich mit dem Zug nach Danzig. Wir wollen unsere Freundin Dominika Wróblewska besuchen. Außerdem findet dort eine große Ausstellung der Urban Sketchers Gdańsk statt, auf der auch Bilder von uns hängen. Der Zug ist voll. Es stehen sogar Leute auf dem Gang. Wir sitzen in einem Abteil mit drei Frauen und einem sehr süßen Hund.

Sie fahren nach Polen, um ihre Familien zu besuchen. Mit den Jüngeren sprechen wir überwiegend Englisch, mit der Älteren Deutsch. Die Frau ist sehr groß und ungefähr in meinem Alter. Früher war sie Krankenschwester, jetzt arbeitet sie als Putzfrau in Hotels. »Ich kenne alle Hotels in Berlin«, sagt sie.

»Berlin ist zu links für Weihnachten«

»Ist denn Danzig schön weihnachtlich dekoriert? So mit Licht überall?« will Julia ­wissen. »Ja, sicher«, antworten die Frauen. Weihnachten sei in Polen eine große Sache. »Bei uns in Kreuzberg ist gar nicht geschmückt. Ich glaube, außer am Ku’damm gibt es überhaupt keine Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt«, sagt Julia etwas enttäuscht. »Ja, Berlin ist zu links für Weihnachten«, antwortet die Ältere.

Am Bahnhof in Danzig steht bereits Dominika. Wir verbringen den Samstag zusammen und fahren am Sonntag Mittag zum Stadion, wo die Urban-Sketchers-Aus­stellung stattfindet. Die nach einer polnischen Unternehmensgruppe benannte Arena liegt am Stadtrand und ist tatsächlich ein Fußballstadion.

Jetzt ist natürlich nichts los. Nur eine Handvoll junger Frauen steigt mit uns aus der Tram und geht in Richtung Stadion. In einem großen ­Innenraum mit Blick auf das Spielfeld hängen rund tausend auf Display-Karton kopierte farbige Bilder an dünnen Fäden von der Decke. An kleinen Ständen stellen sich die Urban Sketchers Gdańsk mit ihren Werken vor.

Auch Dominika hat einen eigenen Tisch, an dem sie ihre Skizzenbücher, ihre bereits veröffentlichten Bücher und einige Drucke anbietet. Am Nachmittag hält sie in einem Saal im Untergeschoss einen Vortag über Zeichnen in Höhlen und zeigt ihre Arbeiten auf ­einem Bildschirm.

Das ganze Event wurde großzügig von der Stadt gesponsert, der Besuch ist kostenlos. Ich finde es sehr in­spirierend zu sehen, wie sich hier in großem Rahmen eine Szene vorstellt, die überwiegend Amateurcharakter hat.

Obwohl wir kein Polnisch sprechen, erahnen wir etwas von den schwierigen Bedingungen, unter denen sie in den engen Höhlengängen auf Plastikkarten zeichnet. Im zweiten Teil des Vortrags berichtet Dominika über eine literarische Karte Danzigs, auf der sie in ihrem detail- und dialogreichen Reportagestil Buchhandlungen, Literaturclubs und Antiquariate vorstellt.

Das ganze Event wurde großzügig von der Stadt gesponsert, der Besuch ist kostenlos. Ich finde es sehr in­spirierend zu sehen, wie sich hier in großem Rahmen eine Szene vorstellt, die überwiegend Amateurcharakter hat. Natürlich präsentieren auch einige professionelle Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten, aber sie sind die Ausnahme.

Julias Lieblingswerk in der Ausstellung ist ein Kinderbild. Es zeigt eine Straßenbahn, gemalt mit wenigen, bunten Wachsmalstrichen. Ich weiß, warum es ihr so gefällt. Es ist real. Von 1.000 Bildern ist es das realste. ­Dominika kennt das Kind, es ist mit seinen Eltern vor kurzem aus dem Iran gekommen. Bald müssen sie ­wahrscheinlich zurück in den Iran, die Arbeit der Eltern in Polen ist beendet.

Kurz bevor wir aufbrechen, sagt ­Dominika: »Da ist übrigens das Mädchen, das dein ­Lieblingsbild gemalt hat.« Julia läuft sofort hin und stellt sich der Familie vor. Das Mädchen ist sehr schüchtern, aber es freut sich über Julias Lob. Der Vater macht stolz ein Foto mit Julia, dem Mädchen und der Straßenbahn.