Tausende stehen vor dem Nichts
Es waren katastrophale Szenen, die sich Anfang des Monats in der nördlichen Hälfte von Sumatra, der größten Insel Indonesiens, abspielten. Nirgendwo sonst in Südostasien hat die jüngste Flut so verheerend gewütet wie im weitgehend autonomen Aceh und den benachbarten Provinzen. Noch zwei bis drei Monate werde es dauern, bis in den betroffenen Gebieten Normalität zurückkehre, sagte Prabowo Subianto, der rechtskonservative Präsident Indonesiens, am 15. Dezember. Am selben Tag erreichte die amtliche Zahl der Todesopfer mit 1.030 einen vierstelligen Wert. Endgültig ist dies noch immer nicht, denn mehr als 200 Personen galten noch als vermisst. Hoffnung, sie noch lebend aufzufinden, besteht kaum noch.
Indonesien ist der bevölkerungsreichste Staat und die größte Nationalökonomie Südostasiens. Der heftige Tropensturm brachte Tod und Zerstörung über einen Teil des ausgedehnten Inselreichs, überflutete riesige Flächen und löste heftige Erdrutsche aus. Tagelang waren viele Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten. Erst allmählich ergibt sich ein Überblick über die immensen Sachschäden. Zehntausende Menschen, die zumindest ihr nacktes Leben retten konnten, stehen vor dem Nichts. Straßen, Bahnstrecken und öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser sind schwer in Mitleidenschaft gezogen.
3,6 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau
Die Regierung habe 60 Billionen Indonesische Rupien, umgerechnet 3,6 Milliarden US-Dollar, im Haushalt 2026 für den Wiederaufbau vorgesehen, meldete am 17. Dezember unter anderem die Zeitung Jakarta Globe unter Berufung auf Finanzminister Purbaya Yudhi Sadewa. Es ist eine riesige Summe für eine ebenso gigantische Aufgabe. Das Kabinett, so der Minister, habe Mittel aus weniger dringlichen Programmen umgeschichtet. Auch für die schon angelaufene Hilfe bestünden bis Jahresende keine Finanzierungsprobleme, bekräftigte Purbaya.
Zudem sicherte er zu, dass die Zentralregierung die Mittel für das kommende Jahr den Regionalverwaltungen zügig bereitstellen werde. Das versteht sich in einem von immenser Bürokratie geplagten Land nicht von selbst. Allerdings besteht die Gefahr, dass im notorisch korrupten Indonesien ein Teil der Gelder in dunklen Kanälen versickert, statt bei den Bedürftigen anzukommen oder in die Reparaturen zu fließen.
Prabowo, ein ehemaliger General, der sein Amt vor mehr als einem Jahr angetreten hat, steht nun unter Druck. Seine Regierung habe zunächst nicht angemessen auf die Katastrophe reagiert, werfen ihm viele Landsleute vor. Kritisiert wird vor allem, dass er – anders als sein linker Amtskollege Anura Kumara Dissanayake in Sri Lanka, das sich in einer vergleichbaren Lage befindet – nicht den Notstand ausgerufen und um internationale Hilfe gebeten hat.
Ausländische Hilfsangebote abgelehnt
Kein Zweifel, das ökonomisch als solide geltende Indonesien steht finanziell deutlich besser da als das an Fläche und Bevölkerungszahl deutlich kleinere und nach der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Unabhängigkeit 1948 von Krediten des Internationalen Währungsfonds (IWF) abhängige Sri Lanka. Dass Prabowo sich aber ganz auf die eigenen Ressourcen verlässt, hat für einiges Kopfschütteln gesorgt. Ob es wirklich gelingen wird, ohne internationale Unterstützung binnen kürzester Zeit Hunderte temporäre Unterkünfte zu bauen, wie der Präsident angekündigt hat, ist unklar. Er betonte, man habe ausländische Hilfsangebote »dankend abgelehnt« und sei der Ansicht, allein zurechtzukommen.
In den Küstenregionen von Aceh hatte bereits im Dezember 2004 der – gemessen an der Zahl der Todesopfer – schlimmste Tsunami seit Menschengedenken apokalyptische Zerstörungen hinterlassen. Das Trauma der Überlebenden dieser Katastrophe wurde jetzt neu aufgewühlt. Abermals haben viele Familien alles verloren und schauen auf die Trümmer ihrer Existenz. »Die meisten Häuser sind fort, bis auf die Grundmauern zerstört«, sagte die 50jährige Dorfbewohnerin Sri Lestari, die mit ihren drei Kindern in einem Zelt ausharrt, der Nachrichtenagentur AFP. 1,2 Millionen Menschen mussten ihre Herkunftsorte verlassen.
Dass Überflutungen und Erdrutsche so schlimm waren, führen Fachleute außer auf die immensen Niederschlagsmengen auch darauf zurück, dass Sumatra weitgehend entwaldet wurde. Die Fluten hatten so leichteres Spiel.
Zwar werden sie mit Trinkwasser, Notrationen und einem temporären Dach über dem Kopf versorgt. Dass es überall in den betroffenen Regionen »gute Bedingungen« und »ausreichende Nothilfe« gebe, wie der Präsident nach einem Besuch im Katastrophengebiet Journalisten vollmundig versicherte, darf jedoch bezweifelt werden. Und Meteorologen warnen, Sumatra und anderen indonesischen Gebieten stünden auch in nächster Zeit heftige Regenfälle bevor.
Dass Überflutungen und Erdrutsche so schlimm waren, führen Fachleute außer auf die immensen Niederschlagsmengen auch darauf zurück, dass Sumatra weitgehend entwaldet wurde. Die Fluten hatten so leichteres Spiel. Schuld daran ist unter anderem der Bergbau. Das Umweltministerium will nun eine Reihe von Abbaulizenzen überprüfen, schreckt aber bisher davor zurück, das Problem und die Verantwortlichen klar zu benennen – das konservative Parteienbündnis, das die Regierung Prabowo unterstützt, ist eng mit entsprechenden Lobbys verbunden.