Jungle+ Artikel 01.01.2026
Im Warschau der dreißiger Jahre publizierten jiddische Zeitungen Hitler-Witze

Lachen, um nicht zu schreien

In den dreißiger Jahren kommentierten jiddische Tageszeitungen in Warschau den Aufstieg des Nationalsozialismus im benachbarten Deutschland mit viel bissigem Witz und oft in Form von Karikaturen. Bis heute ist ein humoristischer Umgang mit Antisemitismus ein sehr wichtiger Bestandteil jüdischer Kultur.

Der Umgang von Jüdinnen und Juden mit Antisemitismus ist vielfältig; ihn zu verlachen, ist dabei besonders wichtig. Die Instagram-Memes der Künstlerin Ruth Lol, die Comedy-Programme von Sarah Silverman oder Mel Brooks’ Kultfilm »The Producers« – Humor als Mittel der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung ist fester Bestandteil jüdischer Kultur. Das gilt auch und insbesondere für die osteuropäisch-jüdische Kultur der Zwischenkriegszeit.

Vor dem Holocaust sprachen weltweit etwa elf Millionen Menschen Jiddisch. Fünf Millionen von ihnen wurden ermordet. Das entspricht rund 85 Prozent aller Opfer der Shoah. Ein Großteil stammte aus dem 1919 wiederhergestellten Polen der Zweiten Republik. Nirgends sonst lebten mehr Jüdinnen und Juden, insgesamt rund dreieinhalb Millionen, und nirgendwo gab es mehr und vielfältigere jüdische Presse.

Allein in Warschau erschienen in der Zwischenkriegszeit acht jüdische Tageszeitungen, sieben davon auf Jiddisch und zu Bestzeiten mit einer Auflage von bis zu 45 000 Exemplaren am Tag.

Allein in Warschau erschienen in der Zwischenkriegszeit acht jüdische Tageszeitungen, sieben davon auf Jiddisch und zu Bestzeiten mit einer Auflage von bis zu 45.000 Exemplaren am Tag. Auch wenn viele von ihnen nach der Weltwirtschaftskrise aufgrund wachsender Armut, erstarkendem Antisemitismus und staatlicher Zensur um ihren Bestand zu kämpfen hatten, blieb ihre Popularität bis zum deutschen Überfall auf Polen im September 1939 ungebrochen. Die Zeitungen repräsentierten bis zum Einmarsch der Wehrmacht die gesamte Bandbreite des politischen Lebens vom Zionismus über den sozialistischen Bundismus bis hin zum orthodoxen Agudismus.

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