Im falschen System
»It’s the economy, stupid« war eine der Leitsätze für Bill Clintons US-Präsidentschaftswahlkampf 1992. Die Formel sollte dessen Mitarbeiter daran erinnern, dass für Wähler:innen die wirtschaftliche Lage am wichtigsten sei. Heutzutage wird der Slogan meist bei Forderungen nach Politik im Sinne des Kapitals verwendet, wenn dieses mal wieder in der Krise ist.
Der Satz soll dann ausdrücken, dass man die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft aus dem Blick verloren habe und sie wieder ins Zentrum politischer Entscheidungen rücken müsse. Anders gesagt: Das gesellschaftliche Leben soll stärker kommerzialisiert, Individuen sollen stärker den Marktzwängen unterworfen und die nationale Wirtschaft soll den Notwendigkeiten des Weltmarkts angepasst werden.
Zwei Stunden pro Woche sollen alle Deutschen zwischen Vorschule und Ruhestand mit unternehmerischer Fortbildung verbringen – auch »als verpflichtende Unterrichtseinheit« in den »Unternehmen selbst«.
Dieses Credo treibt auch den Wirtschaftsjournalisten und Medienunternehmer Gabor Steingart an; er hat es als »Wirtschaft zuerst!« eingedeutscht. Der langjährige Chefredakteur und Herausgeber des Handelsblatts und Gründer des Online-Mediums The Pioneer veröffentlicht seit Jahren Bücher, in denen er den Abstieg der »deutschen Wirtschaftsmacht« konstatiert und den jeweiligen Regierungen Versagen attestiert.
Wirtschaftswachstum müsse unbedingt Priorität haben, schreibt er in seinem jüngsten Werk, »Systemversagen – Aufstieg und Fall einer großartigen Wirtschaftsnation«: »Alle anderen Ziele – Deutschland soll gerechter, grüner, bunter, inklusiver, sportlicher und schöner werden – sind diesem Primat unterzuordnen.« Alle politischen Maßnahmen müssten darauf geprüft werden, ob sie die wertschaffenden Bereiche der Gesellschaft stärken, anstatt den Verbrauch der bloßen »Leistungsempfänger« zu steigern.
Steingarts Diagnose der deutschen Gegenwart folgt diesem Grundprinzip. Der Schlüssel für den Aufstieg der Bundesrepublik habe im Wesentlichen in der erfolgreichen Industrie und der technologischen Führungsrolle bestanden. Wissen und »Humankapital« seien die einzigen Rohstoffe, über die Deutschland verfüge. Die entsprechenden Kompetenzen seien vielen jedoch abhandengekommen.
»Was braucht diese Nation? Und diese Frage ist bei uns praktisch verboten«
Zugleich erhöhten technologischen Entwicklungen und der Aufstieg von Ländern wie China den Konkurrenzdruck in der Weltwirtschaft. Die Rettung Deutschlands liege darin, im technologischen Wettkampf zu bestehen, und im Unternehmergeist: Es müsse wieder die Grundlage geschaffen werden, um »die grundlegenden Innovationen, die großen wie die kleinen Erfindungen, die am Beginn jeder Wertschöpfungskette stehen«, in Deutschland zu entwickeln.
Deshalb tritt Steingart mit seinem Buch für eine »große Kampagne« in der Bildungspolitik ein. Das Bildungssystem versage, weil es immer noch der Idee der humanistischen Bildung aus dem 19. Jahrhundert verpflichtet sei, der zufolge Bildung ein Selbstzweck ist, erklärt er dem Bild-Journalisten Paul Ronzheimer in dessen Podcast. »Sie hat keinen Zweck, diese Bildung, keinen ökonomischen Zweck.«
Das führe zu »unfassbar vielen Geisteswissenschaftlern und keinen Erfindungen«, so dass sich die Politiker wunderten, warum es »keine Start-ups um die Unis, keine MINT-Fächer« gebe. Ganz anders sei es in den USA und in China: »Die Chinesen machen Bildung nach Plan. Die fragen nicht, was möchtest du?« Sondern: »Was braucht diese Nation? Und diese Frage ist bei uns praktisch verboten. Das gilt als Eingriff in die Individualität und Ähnliches. Wir sind in einem falschen System.«
Den Widerspruch zwischen Eigennutz und der selbstlosen Bereitschaft, Opfer für das große Ganze zu bringen, löst Steingart auf, indem er immer wieder die Bedeutung des nationalen Kollektivs unterstreicht.
In seinem Buch geht Steingart noch weiter und tritt für eine zweckdienliche Erziehung der Bevölkerung ein. Er will »den gesellschaftlichen Fokus neu justieren« und dafür nicht etwa den Wissenshunger fördern, sondern ihnen die aus seiner Sicht richtige Einstellung zum gesellschaftlichen Leben vermitteln. Für entscheidend hält Steingart vor allem unternehmerisches Denken. Ihm schwebt »für Deutschland eine umfassende Ökonomisierungskampagne« vor, in der Themen des profitorientierten Wirtschaftens »in den Wochenplan jedes Heranwachsenden« eingepflegt werden – und »auch Millionen von Erwachsenen müssen zügig nachgeschult werden«.
Zwei Stunden pro Woche sollen alle zwischen Vorschule und Ruhestand mit unternehmerischer Fortbildung verbringen – nicht nur in den Bildungsinstitutionen, sondern auch »als verpflichtende Unterrichtseinheit« in den »Unternehmen selbst«. Unterrichten sollen nicht professionelle Ökonom:innen oder Pädagog:innen, sondern »Unternehmer, Selbständige, Gründer und Handwerker«. Steingart ist sich sicher: Diese »brauchen keine Bezahlung vom Staat«, sie werden von sich aus zu dieser Arbeit motiviert sein.
Das wirkt paradox: Gerade jene, die das »unternehmerische Denken« exemplarisch verkörpern, sollen Zeit und Energie in Arbeit investieren, die keinen unmittelbaren ökonomischen Nutzen verspricht. Den Widerspruch zwischen Eigennutz und der selbstlosen Bereitschaft, Opfer für das große Ganze zu bringen, löst Steingart auf, indem er immer wieder die Bedeutung des nationalen Kollektivs unterstreicht: Letztlich geht es immer um Deutschland als Ganzes.