08.01.2026
Der russische Aktionskünstler Pawel Krisewitsch ist frei

Ein Gefühl der Euphorie

Kurz vor Silvester kam der russische Aktionskünstler Pawel Krisewitsch aus dem Gefängnis frei. Er hat nun vorübergehend in Montenegro Zuflucht gefunden.

Den Jahreswechsel durfte Pawel Krisewitsch dieses Mal in Freiheit erleben – keine Selbstverständlichkeit für einen russischen Aktionskünstler. Und schon gar nicht angesichts des Umstands, dass er sich noch wenige Tage zuvor in Polizeigewahrsam befunden hatte mit der Aussicht, bis auf Weiteres dort zu verbleiben. Am 30. Dezember verkündete er in seinem Telegram-Kanal, er sei nunmehr in Sicherheit, und schrieb: »Dieses einzigartige Gefühl der Euphorie, das man empfindet, wenn man das Gebiet der Diktatur und Unfreiheit verlässt, ist mit wenigem zu vergleichen.« Er hat vorübergehend in Montenegro Zuflucht gefunden.

Im Juni 2021 hielt der politische Aktivist auf dem Roten Platz in Moskau eine Pistole mit Platzpatronen an seinen Kopf, schoss und simulierte seinen Tod, nachdem er ein kurzes Manifest verlesen hatte. Dem russischen Polizeistaat prophezeite er darin eine Zukunft als failed state. Den Platz vor dem Kreml konnte Krisewitsch daraufhin zwar quicklebendig verlassen, allerdings in Handschellen und Polizeibegleitung. Ein Gericht verurteilte ihn wegen Rowdytums zu fünf Jahren Freiheitsentzug.

Der russische Sicherheitsapparat wollte den unbequemen Aktionskünstler lieber loswerden.

Nach Ablauf seiner Haftzeit im Januar 2025 hätte Krisewitsch Russland einfach verlassen können, aber er wollte das Unvermeidliche hinauszögern und versuchen, nach der verordneten Zwangspause da weiterzumachen, wo er hatte aufhören müssen. Doch daraus wurde nichts. Er hatte unterschätzt, mit welchem Aufwand der Staat inzwischen dafür sorgt, Freigeister zum Schweigen zu bringen. In den vergangenen elf Monaten erlebte Krisewitsch mehrere kurzzeitige Festnahmen, wurde als »ausländischer Agent« gebrandmarkt und konnte schließlich keinen Schritt mehr unbeobachtet unternehmen. Nach einer unvollendeten Fotosession Ende November folgte auf einen Administrativarrest direkt der nächste – ein unverkennbares Signal dafür, dass demnächst ein weiterer Gerichtsprozess drohte.

Doch der russische Sicherheitsapparat wollte den unbequemen Aktionskünstler lieber loswerden. Um ihm das zu sagen, wurde er in einen abgedunkelten Raum gebracht, mit dem Gesicht zur Wand. Dort warteten zwei Geheimdienstler. Sie hätten ihn gewarnt: »Pack deine Sachen und geh, sonst sperren wir dich ein.« Pawel Krisewitsch ging, im Gepäck einen Koffer mit seinen Zeichnungen. Aber er will irgendwann wieder zurück nach Russland.