Gegen die Selbstheroisierung des Geistes
Ein Kinderlied bringt das übliche instrumentelle Verhältnis zur Wissenschaft karikierend zum Ausdruck: »Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält. Drum essen wir auf jeder Reise Marmelade eimerweise.« Ein partikularer Zusammenhang wird verabsolutiert, so dass man aus ihm Konsequenzen ziehen kann, die mit dem übereinstimmen, was man sowieso wollte: »Marmelade, die essen wir alle so gern.«
Die Wissenschaft, auf die man sich in dieser Weise berufen zu können meint, ist die Naturwissenschaft, weil deren Wissenschaftlichkeit als hinreichend erwiesen gilt. Andere Bereiche wie die Sozial- und Geisteswissenschaften stehen dagegen unter dem Verdacht der Scharlatanerie und große Teile derselben bemühen sich auch, diesen ihren schlechten Ruf zu bestätigen. Damit ist, wie Adorno feststellte, die gegenwärtige Vorstellung von Wissenschaft »zum Widerspiel dessen« geworden, »was Fichte, Schelling und Hegel unter dem Wort sich vorstellten«.
Der Adorno-Schüler Peter Bulthaup brachte diese Entwicklung einmal auf den Begriff: »Die Vorstellungen von Unbestimmtheit und Omnipotenz des Geistes, vor allem des Geistes der Naturwissenschaften und der Technik, sind komplementär. Sie sind nicht notwendig mit dem Fortschritt von Wissenschaft und Arbeitsteilung verbunden, denn es lassen sich durchaus Bildungsinstitutionen denken, in denen junge Menschen so gebildet würden, dass sie der Entwicklung der Grundbegriffe nach Zugang zu diesen Wissenschaften hätten.«
Bulthaup muss Vorurteile über die klassische Philosophie ausräumen, die sich dadurch ergeben, dass man eine ganze Philosophie mit einem Namen belegt und dadurch meint, sie verstanden zu haben.
In der Vorlesungsreihe »Der Wissenschaftsbegriff des Deutschen Idealismus« aus den Jahren 1980/1981, aus der diese Diagnose stammt, ist das Medium der Bildung die Philosophie, insbesondere diejenige Hegels. Dabei löste Bulthaup den von ihm formulierten Anspruch dadurch ein, dass er einerseits die Hegel’schen Theoreme immer wieder mit Beispielen aus den Naturwissenschaften illustrierte, andererseits die eigenständige Verbindlichkeit des Gedachten demonstrierte. Somit ermöglichen diese Vorlesungen, die nun in Buchform erschienen sind, durch die in ihnen entwickelten Grundbegriffe einen Zugang zu den Naturwissenschaften und sind als solche selbst Modell einer reflexiven Wissenschaft.
Bevor Peter Bulthaup ab 1958 in Frankfurt am Main bei Adorno und Horkheimer Philosophie und Soziologie studierte, hatte er bereits in Göttingen mit dem Studium der Physikalischen Chemie begonnen, worin er 1968 promovierte. Nach einer Professur für die Didaktik der Naturwissenschaften an der TU Darmstadt wurde er 1975 an die damalige TU Hannover berufen. Die hier begonnene Lehrtätigkeit übte er bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2004 aus.
Die wenigen von ihm publizierten Schriften sind in den Aufsatzsammlungen »Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften« sowie »Das Gesetz der Befreiung« enthalten. Diese Schriften sind begrifflich stark verdichtet. Ähnlich wie bei Adorno sind die erhaltenen Vorlesungen Bulthaups vergleichsweise zugänglicher, anders aber als bei Adorno sind sie in weiten Teilen ausformuliert.
Bulthaup, Mensching und das Gesellschaftswissenschaftliche Institut Hannover
Um Bulthaup und seinen Freund und Kollegen Günther Mensching bildete sich in Hannover eine Gruppe von Schülern, die im Sinne ihrer Lehrer weiterdachten und sich dabei an der Tradition der Philosophie abarbeiteten. Von außen betrachtet schien sich diese Schule vor allem durch ihren Bezug auf Kant und dessen Moralphilosophie auszuzeichnen. Tatsächlich war diese Bezugnahme durchaus kritisch, hielt aber anders als viele Linke, die die kantische Philosophie durch Hegel und Marx erledigt glaubten, Unabgegoltenes an ihr fest.
Zu dieser Schule gehörte auch das Gesellschaftswissenschaftliche Institut Hannover, das unter anderem die Vorlesungsmanuskripte Bulthaups archivierte. Diese Handschriften sind zwar schon seit einiger Zeit über die Leibniz-Bibliothek Hannover öffentlich zugänglich, viele lassen sich aber nur mit einiger Mühe lesen, weswegen es erfreulich ist, dass vor kurzem begonnen wurde, sie auch im Druck herauszugeben. Als Erstes wurde die erwähnte Vorlesungsreihe veröffentlicht.
Die Methode der Vorlesungen ergibt sich aus ihrem Gegenstand: einer vergleichsweise kurzen Passage aus der Vorrede zu Hegels »Phänomenologie des Geistes«, also einem Text, der erstens vor über 200 Jahren geschrieben wurde und keinen direkten Bezug zur Gegenwart hat, gegenüber dem jedoch zweitens die gegenwärtige Gestalt der Philosophie in vieler Hinsicht einen Rückschritt darstellt, der aber drittens deshalb nicht schon in jeder Hinsicht wahr ist. »Das verlangt dann von der Darstellung einmal eine immanente Bestimmung der Gedanken, also Erläuterung und, da Gedanken, die nicht wahr sind, auch unverständlich bleiben müssen, eine Kritik.«
Gedanken in ihrem historischen Kontext
Die Erläuterung erfolgt über die Immanenz des Textes hinaus in ständigem Rückgriff auf philosophische Theorien der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit. Das ist kein Eklektizismus, sondern der Versuch, die Gedanken aus dem historischen Kontext aufzugreifen, in dem sie zum ersten Mal systematisch bedeutsam wurden. Zugleich richtet sich Bulthaups Kritik auch gegen Vorstellungen, die das Verständnis des Hegel’schen Textes erschweren.
Diese bestehen zum einen in irreführenden Vorstellungen von Wissenschaft: Es gebe in der Wissenschaft einfach unterschiedliche Ansätze, zwischen denen nicht weiter zu vermitteln sei, Wahrheit ergebe sich aus intersubjektiver Verständigung oder die Wirklichkeit sei so komplex, dass sie schlicht nicht zu verstehen sei. Diesen Irrtümern kommt in der wissenschaftlichen Lehre die Praxis entgegen, mit Methoden und Resultaten zu beginnen, ohne die Probleme darzustellen, aus denen sie hervorgegangen sind.
Zum anderen muss Bulthaup Vorurteile über die klassische Philosophie ausräumen, die sich insbesondere dadurch ergeben, dass man nicht der konkreten Gedankenentwicklung folgt, sondern eine ganze Philosophie mit einem Namen belegt und dadurch meint, sie verstanden zu haben. Beispielsweise bemerkt Bulthaup im Zuge der Diskussion einer poetisch anmutenden Passage in Descartes’ »Meditationen« lapidar: »Ganz so einfach scheint es mit der Sinnenfeindlichkeit im Rationalismus ja doch nicht zu sein.«
Kurt Schwitters und der Kalauer des absoluten Geistes
Im Fall der Hegel’schen Philosophie sind jene das Denken blockierenden Namen vor allem »Idealismus« und »Materialismus«. Wie sehr beides bei Hegel ineinander übergeht, zeigt sich an einer Formulierung, die Bulthaup wiederholt aufgreift: Wissenschaft sei das reine Selbsterkennen im absoluten Anderssein. Ziel der Wissenschaft sind die den Gegenstand konstituierenden Prinzipien, die als solche zunächst bloß gedacht sind. »Das Denken erschließt also mit den Prinzipien sich selbst. Die Prinzipien sind aber nicht das Denken selbst«, sondern »das vom Denken radikal Verschiedene«. »Die Prinzipien sind unabhängig vom Denken, aber sie sind nur durch das Denken zu erschließen.«
Hegel spricht dennoch von reinem Selbsterkennen und macht sich damit zunutze, dass jeder konkrete Gegenstand dem Bewusstsein immer nur als Vorstellung erscheint. Damit ist aber der sich in der individuellen Bildung wiederholende historische Prozess zum Verschwinden gebracht, durch den der konkrete Gegenstand in die Vorstellung überführt wurde und der, mit Bulthaups Formulierungen, ein deiktisches oder artistisches Moment beinhaltet, das nicht im Begriff aufgeht. Gegen die in dieser Verdrängung angelegte Tendenz zur Selbstheroisierung des Geistes protestiert Bulthaup in der letzten Vorlesung: »Noch die vollendete Geistlosigkeit wäre ihm Moment seiner absoluten Zerrissenheit und damit Bestätigung seiner selbst.«
Dass Bulthaup ein eher ambivalentes Verhältnis zu seiner finalen Wirkungsstätte hatte, geht aus einer Bemerkung hervor, die die räumliche und zeitliche Punktualität der von Hegel beschriebenen sinnlichen Gewissheit mit dem Dadaismus in Verbindung bringt: »Dass ›Dada‹ hier war, nämlich Kurt Schwitters in Hannover, ist keine List der Vernunft, sondern ein Kalauer des absoluten Geistes.« Hoffentlich war die Tatsache, dass Peter Bulthaup in Hannover war, nicht Ausdruck des Weltgeistes als Weltgericht, sondern eine List der Vernunft, ihre Prinzipien an einem unbeachteten Ort aufzubewahren.
Peter Bulthaup: Der Wissenschaftsbegriff des Deutschen Idealismus. Vierzehn Vorlesungen zur Einführung in die Philosophie, Zu Klampen, Springe 2025, 192 Seiten, 24 Euro
