08.01.2026
Schließung der Bäckerei Zessin im Prenzlauer Berg

Mit schlappen Schrippen durch die Zeit

Nach 87 Jahren schließt die Bäckerei Zessin im Prenzlauer Berg ihre drei Filialen. Schade, schlimm oder auch egal?

Silvester hieß es: Schlange stehen. Zumindest, wenn man vormittags ein letztes Mal bei Zessin in der Zionskirchstraße im Prenzlauer Berg Backwaren erstehen möchte. Geduldig warten gegen elf Uhr etwa 20 Personen auf dem Gehweg vor dem großen Schaufenster. Vielen davon ist die Wehmut über den Verlust ihrer Kiezbäckerei ins Gesicht geschrieben.

Aber nicht nur das Schlangestehen, auch das spärliche Angebot, das noch übrig ist, als man endlich an der Reihe ist, erinnert an vergangene Zeiten: In Zuckerguss ertränkte Krapfen, Milchbrötchen, einige letzte Misch- und Krustenbrote sowie ein winziger Rest Blechkuchen mit Streuseln tragen zum Ostalgieerlebnis bei.

Bestimmt hat es früher am Tag noch einige Stangen Baguette und die Ostschrippen gegeben, die – so Nachbar Wieland K. – noch nach alter DDR-Industrienorm produziert worden sind. »Geschmeckt hat eigentlich kaum etwas. Aber man hat auch kein Chichi gemacht. Dafür waren die Preise, gerade im Vergleich zum Umfeld, korrekt.«

Bei der Jungle World-Redaktion besonders beliebt war der sogenannte Kokostraum, eine süße Cremetorte mit Birnenstückchen.

Martin W. findet, dass ausgerechnet die vielgerühmten Schrippen mit der Zeit immer schlechter geworden seien. »Die waren salzig und auch ziemlich labbrig. Eigentlich konnte man immer nur den Kirschstreusel kaufen. Der war lecker.« – »Und die Croissants«. kontert seine Frau. Sie stammt ursprünglich aus Mexiko. Die großen, süßen Teile aus Brandteig, die es bei Zessin gab, erinnerten sie an das Gebäck ihrer Heimat, sagt sie.

Bei der Jungle World-Redaktion besonders beliebt war der sogenannte Kokostraum, eine süße Cremetorte mit Birnenstückchen. Zum Einkaufserlebnis trug zudem der etwas rauere Ton im Umgang mit der Kundschaft bei. Von einigen wurde das als Ostberliner Herzlichkeit verklärt, wenn Konsumentenwünsche oder gar Fragen nicht Ein­geweihter eher barsch beantwortet wurden.

» … seit 1938«, wie es auf den Bäckertüten heißt, dem Jahr der Novemberpogrome im Deutschen Reich, versorgte das Familien­unternehmen Zessin den Prenzlauer Berg über einen Zeitraum von 87 Jahren mit Gebackenem. Irgendwann in der Nacht kam der Laster mit dem Mehl und ­morgens um sieben machte der Laden auf – lange vor allen anderen.

Eine richtige Bäckerei im Viertel gehört einfach dazu

Über eines scheint sich die Anwohnerschaft einig zu sein: Die Aufgabe eines weiteren eingesessenen Unternehmens im Viertel ist traurig. »Noch mehr hochpreisige Filialen von irgendwelchen Pizza-Franchises oder Schicki-Cafés brauchen wir jedenfalls nicht«, sagt Sabine S., die zumindest die Rosinenbrötchen immer überzeugt haben. »Oder die Zimtschnecken. Halb so teuer und doppelt so lecker wie bei den angesagten Bio-Backwaren-Ketten.«

Hotte, der Betreiber des ebenfalls kiezbekannten Spätkaufs in der Choriner Straße ums Eck, schildert den Verlust als doppelten Schlag für die Lebensqualität: »Erst mal ist das für uns ein geschäftliches Problem. So günstige Schrippen zum Weiterverarbeiten und Belegen kriegen wir nirgends mehr.« Zwar gebe es gute Aufbackbrötchen, aber selbst die seien teurer. »Die nächste Bäckerei, die noch selbst backt, ist jetzt in der Stargarder Straße. Da einzukaufen, ist für uns logistisch aber viel zu aufwendig.«

Und dann gehe wirklich atmosphärisch etwas verloren. Hotte selbst sei »in Mitte mit dem Sophienbäcker aufgewachsen«. Für ihn gehöre eine richtige Bäckerei im Viertel einfach dazu. »Wenn ich morgens bei Zessin in die Backstube geschaut habe und die Gesellen da ihre Bleche in den Ofen geschoben haben und alles war weiß mit Mehl bestäubt – das war schon ein Frau-Holle-Effekt. Das fehlt jetzt.«