15.01.2026
Der Film »Silent Friend« erzählt drei Geschichten über einen Ginko

Mein Freund, der Baum

Ein Spielfilm über einen Baum? Die Regisseurin Ildikó Enyedi hat einen solchen gedreht, nämlich über einen Ginko, der in Marburg steht und um den sich drei Episoden ranken. Zum Glück ist es kein kitschiger Öko-Wohlfühlfilm geworden.

Peter Wohlleben ist Deutschlands großer Baumflüsterer. Der Förster und Autor tingelt in regelmäßigen Abständen durch Talkshows, gibt Interviews und klärt über das Ökosystem Wald auf. Sein Buch »Das geheime Leben der Bäume« verkaufte sich mehr als eine Million Mal. Was er sagt, lieben die Deutschen – schließlich belebt er mit seinen wundersam klingenden Ausführungen den Mythos Wald und gibt dem Ganzen auch noch einen wissenschaftlichen Klang.

Der Wald ist bei ihm mehr als nur eine Ansammlung einzelner Bäume. Vielmehr sei er ein komplexes Geflecht aus Lebewesen, die miteinander kommunizieren und Schmerz empfinden. In seinem Buch ist metaphorisch die Rede von »Mutterbäumen, die ihre Jungen stillen«. Bäume, so Wohlleben, könne man als soziale Wesen verstehen.

Nicht verwunderlich, dass ihm auch Kritik entgegenschlägt. Das Konzept von Mutterbäumen, dem zufolge sich Bäume mittels Pilzen gegenseitig mit Nährstoffen versorgen, stellt eine Vielzahl internationaler Forscher:innen in Frage. Es fehle schlicht an Beweisen dafür, so der Tenor. Wohlleben ist mit seinen Erklärungen allerdings nicht allein. Auch die kanadische Waldökologin Suzanne Simard stillt das Bedürfnis, die so indifferent erscheinende Welt der Pflanzen zu vermenschlichen. Von ihr stammt der populäre Begriff des »wood wide web«, mit dem sie die Wälder als eine Art kooperierende Gemeinschaft beschreibt.

Was den Film so herausragend macht, ist seine zart ausgearbeitete Ästhetik. Jeder der drei Handlungsstränge wurden mit einem anderen, zeitspezifischen Verfahren gefilmt.

Man muss unweigerlich an Wohlleben oder Simard denken, wenn man »Silent Friend«, den neuen Film der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, schaut – zum Beispiel dann, wenn eine der Protagonist:innen, die französische Biologin Alice (Léa Seydoux), über die Einsamkeit von Bäumen spricht: »Ich sehe im botanischen Garten nur einen Haufen einsamer Seelen, ohne Chance auf ein soziales Leben. Sie müssen sich zu Tode langweilen oder sind deprimiert.« Der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) aus Hongkong unterhält sich mit ihr in einem Video-Call über das Wesen von Pflanzen, als sie diese Gedanken ausführt.

Es ist das Jahr 2020, die Covid-19-Pandemie hat das gesellschaftliche Leben lahmgelegt und Tony ist auf dem leeren Campus der Universität Marburg gefangen, wohin er erst wenige Tage zuvor für ein Forschungsprojekt gereist ist. Seiner eigentlichen Arbeit (er untersucht die kognitive Entwicklung von Babys) kann er bis auf weiteres nicht nachgehen. Beim ziellosen Umherwandern im botanischen Garten der Universität stößt er auf einen über 100 Jahre alten Ginkobaum. Er möchte dessen Umweltwahrnehmung untersuchen und bittet Alice, von der er zufällig einen TED-Talk im Internet gesehen hat, um ihre Expertise in der Pflanzenkommunikation. Statt eines Babykopfs versieht er nun den Ginkobaum mit elektrischen Sensoren.

Tony ist nur einer von drei Protagonist:innen, deren stiller Zeuge der majestätische Ginkobaum ist. Enyedi, die auch das Drehbuch schrieb, hat ihren Film als Triptychon angelegt. Im Jahr 1908 muss sich Grete (Luna Wedler) als erste Biologiestudentin der Universität mit der Misogynie ihrer Zeit auseinandersetzen. In einer herausragenden Szene sieht man sie beim entscheidenden Aufnahmeverfahren vor einem Gremium älterer Professoren sitzen, die keinen Hehl aus ihrer Frauenverachtung machen und sie mit verfänglichen Fragen zu Carl von Linnés Ordnungssystem der Tiere und Pflanzen vorführen wollen. Trotz ihrer Nervosität kann sie die rhetorischen Manöver abwehren und wird als einzige Bewerberin aufgenommen.

Anstrengende Plackerei auf dem Bauernhof

Der dritte Handlungsstrang ist im Jahr 1972 angesiedelt und erzählt vom Studenten Hannes (Enzo Brumm), der eine tiefe Abneigung gegen Pflanzen hat, wie er seiner Kommilitonin Gundula (Marlene Burow) genervt klarmacht, als sie ihm von ihrem Experiment mit einer Geranie erzählt, die sie an ein Elektroenzephalographie-Gerät anschließen möchte. Hannes erinnern Pflanzen nur an die anstrengende Plackerei auf dem Bauernhof, von dem er für das Studium in die Stadt geflohen ist.

Ildikó Enyedi ist weniger an der (Un-)Möglichkeit interessiert, mit Pflanzen in Kontakt zu treten. Vielmehr ergründet sie das urmenschliche Verlangen nach Sinn und Zugehörigkeit. Ihre Protagonist:innen wirken in ihrer Umwelt so fremd und fehl am Platz wie der aus Asien stammende Ginkobaum, der als einziger seiner Art im Botanischen Garten steht. Tony zieht mit seinem skurril anmutenden Experiment den Argwohn des Hausmeisters Anton (Sylvester Groth) auf sich; außer ihm der einzige Mensch auf dem Campus. Die Sprachbarriere macht einen verständnisvollen Austausch unmöglich. Hannes eckt als unbeholfenes Landei bei den studentischen Möchtegernrevoluzzern an. Grete wiederum sucht nach Freiräumen in einer misogynen Welt.

Was den Film so herausragend macht, ist seine zart ausgearbeitete Ästhetik. Jeder der drei Handlungsstränge wurden mit einem anderen, zeitspezifischen Verfahren gefilmt. Gretes Geschichte entfaltet sich auf körnigem 35-Millimeter-Schwarzweißfilm, Hannes’ Geschichte ist auf leicht überbelichtetem 16-Millimeter-Farbfilm festgehalten und Tonys Einsamkeit wiederum in gestochen scharfen Digitalaufnahmen. Mit kontemplativer Ruhe untersucht Enyedi in ihren Bildern das Wesen der Pflanzen ebenso wie das ihrer Protagonisten:innen, die denselben botanischen Garten durchqueren, dasselbe Universitätsgebäude betreten und doch in komplett verschiedenen Welten leben. Der Film braucht kaum Worte, seine Bilder erzählen genügend. Hier kommt das Kino an seinen Ursprung zurück.

Farbentanz, der an Polarlichter erinnert

Wenn Grete die Pflanzenfotografie für sich entdeckt und sich in ihren Aufnahmen verborgene Oberflächenstrukturen offenbaren, wenn Hannes, der angezogen von Gundulas kokettem Freigeist sich doch auf ihr Experiment einlässt, euphorisch glaubt, die Geranie mit lautem Schreien zu einer Reaktion bewegt zu haben, oder wenn auf Tonys Laptop die elektrischen Signale des Ginkobaums einen Farbentanz erzeugen, der an Polarlichter erinnert, dann wohnt dem Film eine stille Sehnsucht inne, die Wirklichkeit zu begreifen, genauer gesagt die Wirklichkeit von Bäumen.

Diese leben aber in einem ganz anderen Zeitrhythmus als Menschen. Es geht also um eine Wirklichkeit, die sich menschlicher Wahrnehmung womöglich entzieht und auch durch die Maschen technischer Apparate schlüpft. Oder, wie es der Fotograf Fuchs formuliert, bei dem Grete als Assistentin arbeitet: »Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, nicht wahr, Frau Grete, dass Fotografie die Wirklichkeit abbildet. Vielmehr ist sie ein hervorragendes Instrument, ihr fragiles Wesen zu erforschen.«

Trotz der monumentalen Größe ihrer filmischen Versuchsanordnung fühlt sich »Silent Friend«, der dieses Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig lief, so leicht und behaglich an wie das Windrauschen im Blätterwerk eines Baums. Das liegt auch am feinen Humor, den Ildikó Enyedi immer wieder einstreut. Gleichzeitig entzieht sich die Regisseurin jeglicher Eindeutigkeit und damit auch dem Kitsch eines esoterisch aufgeladenen Öko-Wohlfühlfilms. Es ist der menschliche Entdeckungsdrang, der hier auf die Rätselhaftigkeit der Natur trifft. Ob Tonys Experiment je zu einem Ergebnis führen wird, bleibt offen. Am Ende sitzt er biertrinkend mit dem Hausmeister auf einer Parkbank und bewundert den Ginkobaum. Ein Moment im Hier und Jetzt, der vielleicht für mehr Genugtuung sorgt, als es jede wissenschaftliche Erkenntnis vermöchte.

Silent Friend (Deutschland/Frankreich/Ungarn 2025). Buch und Regie: Ildikó Enyedi. Darsteller: Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Léa Seydoux