22.01.2026
Bernhard Weidinger, Politik­wissenschaftler, im Gespräch über rechte Hochschulgruppen in Österreich

»Seit Jahrzehnten auf verlorenem Posten«

Jüngst tauchte eine Studierendengruppierung namens Aktion 451 an österreichischen Hochschulen auf. Sie wirbt mit Lesekreisen und Propagandakampagnen für ein Gegenprogramm zur angeblich vorherrschenden linken Hochschulkultur. Die »Jungle World« sprach mit Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes über die Gruppe und ihren rechtsextremen Hintergrund.

In den sozialen Medien tut sich die Gruppe Aktion 451 als rechter Gegenpol gegen »linke Unis« hervor. Was ist das für eine Gruppe, was tut sie, wer steckt dahinter und was hat es mit dem Namen auf sich?
Der Name ist eine Anspielung auf den 1953 erschienen Roman »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury. In dieser Dystopie sind der Besitz und das Lesen von Büchern verboten. Die Aktion 451 bringt mit der Namensgebung ihr Selbstverständnis als Rebellen gegen eine angebliche linke Meinungshegemonie an Universitäten zum Ausdruck, der man vermeintlich verbotene Bücher und Gedanken entgegensetzt. Personell rekrutiert sich die Gruppe aus den üblichen Milieus rechtsextremer Betätigung an österreichischen Universitäten: Burschenschaften, der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) sowie die Identitäre Bewegung (IB). Ähnlich verhält es sich in einigen deutschen und schweizerischen Hochschulstädten, in denen ebenfalls Lesekreise unter diesem Label veranstaltet werden. Die Lesekreise dienen dem Einstieg, parallel dazu organisiert die Aktion in Wien auch Vorträge und andere Veranstaltungen, begleitet von Sticker-, Plakat- und Flugblattaktionen.

»Es geht dezidiert nicht um eine Entpolitisierung der Universitäten, sondern, wie ein Wiener Aktivist es nannte, um die Maxime ›Unsere Ideologie statt eure Ideologie‹«

Dem Nachrichtenmagazin Profil sagten Sie neulich, dass die Aktivitäten der Aktion 451 einem Plan des neurechten Ideologen Martin Sellner von der IB zuzuordnen seien, um die »kulturelle Hegemonie« an den Hochschulen wiederzuerlangen. Wie sieht dieser Plan aus?
Sellner beklagt seit langem, dass die extreme Rechte an den Hochschulen keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt, und das bereits seit Jahrzehnten. Da an Universitäten aber die kulturellen Eliten eines Landes ausgebildet würden, die wiederum für die Erringung kultureller Hegemonie – also die Durchsetzung entsprechender Ideen, Erzählungen, Rahmungen und Werthaltungen – von entscheidender Bedeutung seien, müsse es gelingen, die Universitäten auf rechts zu drehen. Es geht also dezidiert nicht um eine Entpolitisierung der Universitäten, sondern, wie ein Wiener Aktivist es nannte, um die Maxime »Unsere Ideologie statt eure Ideologie«. Ein früheres Projekt, das auf Sellner zurückging, die sogenannte Gegen-Uni, verstand sich als Bildungsangebot abseits der und in Ergänzung zu den Hochschulen. Die Aktion 451 will hingegen an den Universitäten selbst wirksam werden.

Wie viele Aktive zählt Aktion 451? Ist sie im Universitätsbetrieb überhaupt relevant?
Bei der Aktion 451 handelt es sich mehr um ein Label als um eine Organisation. Sie verfügt nicht einmal über formelle Mitglieder oder Funktionäre, und nicht alle, die einen der Lesekreise besuchen, sind als Aktivisten zu verbuchen. Im gesamten deutschsprachigen Raum werden sich aber wohl einige Dutzend Personen mit der Aktion 451 identifizieren. Auch wenn sie sich stark um Sichtbarkeit bemüht, bleibt die Aktion 451 bislang eine reine Randerscheinung.

Der RFS ist die universitäre Vorfeldorganisation der extrem rechten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) des ehemaligen Innenministers Herbert Kickl. Wie darf man sich die Organisation von Politgruppen an österreichischen Hochschulen vorstellen? Verfügt jede Partei über eine solche Hochschulgruppe?
Die Österreichische Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (ÖH) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, deren Funktionäre auf mehreren Ebenen von den Studierenden ­gewählt wird. Auf Instituts- und teil­weise Universitätsebene geben manchmal parteiferne Gruppen den Ton an, auf Bundesebene dominieren Organisationen, die Parteien zugeordnet sind, wie die Grünen & Alternativen Stu­dent:in­nen (GRAS) den Grünen, die Aktionsgemeinschaft (AG) der Volkspartei (ÖVP) und der Verband Sozialistischer Student_innen (VSStÖ) den ­Sozialdemokraten (SPÖ). Auch die liberale Partei Neos, die Kommunistische Partei (KPÖ) und eben die FPÖ verfügen über ihnen zugehörige beziehungsweise nahestehende Studierendenfraktionen.

»Die Gräben und Grabenkämpfe der österreichischen Linken ähneln jenen der deutschen, beschäftigen allerdings, wie innerlinke Konflikte generell, nur einen überschaubaren Teil der Studierenden und werden vom Großteil wohl nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen.«

Der RFS steht der FPÖ-Nachwuchsorganisation Ring Freiheitlicher ­Jugend nahe, von dem vergangenes Jahr Ihre Arbeitskollegin Isolde ­Vogel sagte, dass diese »sich inhaltlich, semantisch und von ihrem Auftreten her kaum von der Identitären Bewegung« unterscheide. Ist Aktion 451 ein weiteres Beispiel für die Verwebung von IB und FPÖ?
Die Aktion 451 ist – wie ihre Vertreter nicht verhehlen – auch eine Reaktion auf den Umstand, dass die FPÖ-nahe Studierendengruppierung seit Jahrzehnten auf verlorenem Posten agiert. Bis tief in die sechziger Jahre hinein war sie die zweitstärkste Fraktion bei ÖH-Wahlen mit bis zu ­einem Drittel der Stimmen. Die soziale Öffnung der Universitäten und der im Zuge dessen steigende Frauenanteil an der Studierendenschaft hat das, in Verbindung mit einem veränderten politischen Klima, gründlich geändert. Nichtsdestoweniger ist die Aktion keine Gründung gegen den RFS, sondern eine Unternehmung, an der sich verschiedene Gruppen der Rechten an den Hochschulen beteiligen, auch Leute aus dem RFS.

Seit dem Überfall der Hamas auf ­Israel am 7. Oktober 2023 haben autoritäre Linke das Geschehen an deutschen Universitäten stark geprägt. Es kam zu Besetzungen, schweren Sachbeschädigungen sowie Einschüchterungen und Körperverletzungen gegen Jüdinnen und Juden, ideologiekritische Linke und Lehrkräfte. Wie sieht es an ­österreichischen Hochschulen aus?
In Österreich gab es eine ähnliche Entwicklung, wenngleich sie meiner Wahrnehmung nach nicht dieselben Ausmaße angenommen hat wie etwa in Berlin. Die jüdische Organi­sation B’nai B’rith International merkte in einer 2025 veröffentlichten ländervergleichenden Studie an, dass »von den 200.000 an Wiener Universitäten eingeschriebenen Studierenden nur ein kleiner Teil für nahezu alle – gemeldeten – antisemitischen Vorfälle verantwortlich« sei. Der Kern der Aktivisten umfasst laut B’nai B’rith etwa 50 bis 100 Personen aus verschiedenen Gruppen, darunter unter anderem trotzkistische, queerfeministische und auch islamistische. Dokumentiert wurden antisemitische Graffiti, Sprechchöre und Transparente, allerdings keine physische Gewalt.

»Wie auch in anderen Ländern versucht die extreme Rechte in Österreich, unter Verweis auf Anti­semitismus von links oder aus dem islamistischen Bereich ihren eigenen Antisemitismus in Abrede zu stellen.«

Insgesamt hat eine dogmatische Linke, die die jüdische Nationalbewegung als eine Manifestation des Faschismus wahrnimmt und dementsprechend bekämpft, seit dem 7. Oktober jedenfalls auch hierzulande einen gewissen Aufwind erfahren und 2025 bei den ÖH-Wahlen an manchen kleineren Hochschulen reüssieren können. Die Gräben und Grabenkämpfe der österreichischen Linken ähneln jenen der deutschen, beschäftigen allerdings, wie innerlinke Konflikte generell, nur einen überschaubaren Teil der Studierenden und werden vom Großteil wohl nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen.

Wie sehr nützen Proteste autoritärer Linker und Islamisten der extremen Rechten in ihrer Selbstinszenierung als Opposition? Lässt sich ­daraus ein Zulauf an Befürwortern ableiten?
Wie auch in anderen Ländern versucht die extreme Rechte in Österreich, ­unter Verweis auf Antisemitismus von links oder aus dem islamistischen ­Bereich ihren eigenen Antisemitismus in Abrede zu stellen oder zumindest davon abzulenken. Dass ihr dieses Manöver größeren Zulauf brächte, kann ich bislang nicht feststellen. Als Fürsprecherin von Jüdinnen und Juden ist sie genauso unglaubwürdig wie als ­Anwältin der Betroffenen sexualisierter Gewalt – ein weiteres gesamtgesellschaftliches Problem, das von Rechtsextremen gerne ethnisiert und damit externalisiert wird.

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Bernhard Weidinger

Bernhard Weidinger

Bild:
DÖW, Daniel Shaked

Der Politikwissenschaftler Bernhard Weidinger leitet die Abteilung für Rechtsextremismusforschung am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) in Wien. Ein maßgeblicher Teil der Arbeit des DÖW besteht im Monitoring rechtsextremer Aktivitäten in Österreich, einschließlich der Kontakte einschlägiger Akteure ins Ausland. Weidinger publiziert seit Jahren zur extremen Rechten und ist Projektleiter des jährlich vom DÖW erstellten Berichts »Rechtsextremismus in Österreich«, der Ende Januar erscheint.