Konservative Tradition
»Wir können die Zukunft nicht dadurch sichern, dass wir unser Land als einen kollektiven Freizeitpark organisieren. (…) Was wir jetzt brauchen, sind mehr betriebsbezogene Lösungen und flexiblere Arbeitszeiten, um in der weltweiten Konkurrenz weiterhin an der Spitze mithalten zu können.« Das klingt verdächtig nach Friedrich Merz, doch das Zitat stammt aus der Regierungserklärung Helmut Kohls vom 21. Oktober 1993.
Schon immer waren Unionspolitiker der Ansicht, dass die Lohnabhängigen mehr arbeiten sollen; bereits 1965 hatte Ludwig Erhard gefordert, die »wöchentliche Arbeitszeit um eine Stunde zu erhöhen«. Es handelt sich eher um eine ideologische Position, einen Aufruf zu Selbstdisziplinierung und Opferbereitschaft, als um eine wirtschaftspolitisch durchdachte Forderung.
Helmut Kohl brachte es fertig, sich zugleich für drei Fulltime-Jobs – Kanzler, Parteivorsitzender und Bundestagsabgeordneter – bezahlen zu lassen, ohne jemals auch nur eine Vorspeise zu versäumen.
Entscheidend ist die Produktivität, nicht die Arbeitsdauer, andernfalls sollte man erwarten, dass etwa Lesotho, wo durchschnittlich mehr als 50 Stunden pro Woche gearbeitet wird, weiter oben in der globalen Konkurrenz stünde. Selbst bei repetitiven Tätigkeiten wie Fließbandarbeit setzt sich die Arbeitszeitverlängerung nicht umstandslos in eine Produktionserhöhung um, da mehr Fehler gemacht werden. Stärker noch gilt das für komplexere Arbeitsbereiche, ob körperlich oder geistig.
Zu denen muss auch die Politik gezählt werden, wo allerdings besondere Regeln gelten. Kohl brachte es fertig, sich zugleich für drei Fulltime-Jobs – Kanzler, Parteivorsitzender und Bundestagsabgeordneter – bezahlen zu lassen, ohne jemals auch nur eine Vorspeise zu versäumen. Immerhin – er hatte noch eine hedonistische Seite.
Merz aus dem Sauertopfland hingegen wirkt wie ein asketischer Mönch mit Verdauungsproblemen, aber auch der Versuch des bayerischen Ministerpräsidenten, mit dem Format »Söder isst« so etwas wie bodenständige Genussfreude zu simulieren, wirkt so, als sei das harte Arbeit.
Wie wäre es mit einem Merz-Bot, der jahrzehntealte Forderungen daherplappert?
Da eine massenhafte Arbeitsplatzvernichtung durch Künstliche Intelligenz bevorsteht, ist die Forderung nach Mehrarbeit nun ökonomisch fragwürdiger denn je. Dennoch setzt sich der langjährige Trend fort, die Lohnabhängigen mit Selbstoptimierungs- und Mehrarbeitsforderungen um so stärker unter Druck zu setzen, je überflüssiger sie werden, obwohl längst über Arbeitszeitverkürzung diskutiert werden müsste.
Das ist im Kapitalismus früher schon vorgekommen. Man kann von der KI ja auch profitieren, nicht zuletzt als Unionspolitiker. Es sollte nicht schwer sein, einen Merz-Bot zu entwickeln, der immer mal wieder die jahrzehntealten Forderungen daherplappert, damit der echte Merz früher nach Hause kommt. Vielleicht gibt es ja doch irgendwas, das ihm in seiner Freizeit Spaß macht.