Abarbeiten, dass die Schwarte knackt
»Mit Work-Life-Balance werden wir Wohlstand nicht erarbeiten.« Das ist ein typischer Friedrich-Merz-Satz. Kaum eine öffentliche Einlassung des Bundeskanzlers kommt ohne schwarze Leistungspädagogik aus: Wir »müssen wieder härter und effizienter arbeiten«, wir müssen »eine gewaltige Kraftanstrengung« unternehmen etc. pp.
Dass dieses Wir nicht Merz’ eigenes Milieu einschließt, ist offensichtlich: Wer Vermögen besitzt, Revenuen aus Anlagen bezieht, sprich: wer es sich leisten kann, darf diese Appelle getrost überhören. Das Einzige, was sie bewirken und bewirken sollen, ist, das Ressentiment der Geringverdiener gegen die zu schüren, die auf Transferleistungen angewiesen sind.
Lingua Merzii imperii
Leider schlägt sich diese lingua Merzii imperii auch im Sprachgebrauch vieler nieder, die die Hetze wirtschaftsliberaler Christdemokraten gegen die »unnützen Esser«, wie sie die lingua tertii imperii genannt hatte, aufrichtig verurteilen. Warum etwa erfreut sich ein Unwort wie »abarbeiten« gerade in jüngster Zeit solcher Beliebtheit?
Wolfgang Pohrt hatte einst einen Fragesteller darauf hingewiesen, dass sich vielleicht ein Bürokrat an Aktenbergen abarbeiten kann, ein vernünftiger Mensch aber niemals an einem Thema.
Die Tendenz zu wenigen Standardwörtern spiegelt die Reduktion von Bedürfnissen, zu der die Bundesregierung die Armen in einer Tour auffordert.
Und doch arbeitet man sich gerade im Feuilleton an dieser oder jener Kunstrichtung ab, als ob man bekunden wolle, dass auch der Maler, Musiker und nicht zuletzt der Journalist den Ernst der Lage begriffen hätten und nun abarbeiteten, dass die Schwarte knackt.
Und ums Sparen, Merz’ zweitliebstes Verb, bemüht sich die Journalistensprache auch. Die Tendenz zu wenigen Standardwörtern spiegelt wohl die Reduktion von Bedürfnissen, zu der die Bundesregierung die Armen in einer Tour auffordert.
Schließlich ist es ja pure Verschwendung, zu viele verschiedene Adjektive zu gebrauchen. Warum also wichtig, wesentlich, bezeichnend, charakteristisch, typisch, spezifisch, entscheidend, grundlegend, hervorstechend, einflussreich und noch einige Eigenschaftsbezeichnungen mehr nicht durch eine einzige ersetzen, um sich Denk- und Unterscheidungsaufwand zu sparen: das Universaladjektiv »zentral«.