Jungle+ Artikel 29.01.2026
Auszug aus dem Roman »Der Leib der Mutter«

Der Leib der Mutter

Der Journalist Absalon Laich kehrt nach einigen Jahren in New York nach Wien zurück und verfasst dort Reportagen. Er lebt zur Untermiete in einem schäbigen Viertel und wird Zeuge von häuslicher Gewalt, Kindsmord, Abtreibung und fortschreitender Verwahrlosung – auch der eigenen, als er seine Arbeit in der Zeitung verliert.

Else Feldmanns Roman »Der Leib der Mutter« erschien erstmals 1924 als Fortsetzungsroman in der »Arbeiter-Zeitung« in Wien, 1931 dann in Buchform. Im Wiener Milena-Verlag ist der Roman zusammen mit einem ausführlichen Nachwort wieder erschienen. Ein Auszug aus dem ersten Kapitel:

Absalon Laich machte seine tägliche Arbeit im Literatur­café. Er saß an dem großen Tisch mit den vielen Zeitungen, wartete auf die englischen und amerikanischen Blätter, bis sie die Herren neben ihm freigaben, und durchsuchte sie eilig. Anfangs ging er immer mit einer gewissen Hast und Leidenschaft vor, wenn er diese großen Zeitungen in den Händen hielt, die nach Druckerschwärze rochen, ihn anregten, dass der Puls schneller ging und er erwärmt wurde wie nach einem Glas heißen Tee.

Sie versetzten ihn in einen müden Rausch. Vom Leitartikel, der von der europäischen Krise handelte, bis zu den Reklamen: wie Damen schöne Büsten bekommen könnten. Man sah Abbildungen von Männerköpfen, die im Augenblick in der Politik und im öffentlichen Leben der großen Städte eine Rolle spielten, neben Köpfen von Mördern und Verbrechern, Bühnenlieblingen und das Bild einer getöteten Prostituierten; Bilder von neuen, großartigen technischen Erfindungen, einen Krebsforscher in seinem Laboratorium, die Trauerfeierlichkeiten für den Mikado.

Laich schloss eine Minute lang die Augen, ließ das brausende Leben in sich einströmen und dachte: eine gut gemachte Zeitung.

Langsam stieg nach der Begeisterung Schwermut in ihm auf, und wieder war es ihm zumute wie damals, als er einsam und allein in dem riesengroßen New Yorker Zentralpark saß: Mädchen mit Kinderwagen fuhren vorbei, junge Frauen lachten vor Mutterglück, und eine Flut von Schönheit und Freude leuchtete um sie wie ein loderndes, lebendiges Tulpenfeld – nur er war traurig und allein.

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