Videoanleitung für die Schusswunde
Alles begann mit dem Tod von Jina Mahsa Amini. Die junge Frau wurde 2022 wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Kopftuchpflicht inhaftiert und dann im Gefängnis ermordet. Heftige Proteste erschütterten daraufhin den Iran. Mit der Parole »Frau, Leben, Freiheit« gingen im ganzen Land Zehntausende auf die Straße. Das Regime schlug mit voller Härte zurück. Unter den Demonstranten kursierten damals Warnungen, dass die Polizei sogar in den Krankenhäusern Verletzte festnähme. Viele trauten sich deshalb nicht, sich behandeln zu lassen.
In Deutschland waren die Proteste Anlass für die Gründung des Vereins Parsimed, eines Zusammenschlusses von iranischstämmigen Ärzten, Apothekern und Psychologen. Sie wollten von Deutschland aus mit ihrer medizinischen Expertise helfen. Bei den jüngsten Protesten scheint die Situation noch schlimmer zu sein. »Uns erreichen Berichte aus iranischen Krankenhäusern, die auf eine katastrophale Lage hindeuten«, sagt die promovierte Psychotherapeutin Diana Jahandar Lashki der Jungle World. »Die Kliniken sind während der Proteste an ihr absolutes Limit gekommen.«
»Krankenhäuser werden überwacht, und sowohl Verletzte als auch medizinisches Personal riskieren Festnahmen durch regime-nahe Milizen.« Diana Jahandar Lashki vom Verein Parsimed
Das medizinische Personal sei bereit zu helfen, werde jedoch systematisch daran gehindert. »Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte wollen verletzte Menschen versorgen, stehen jedoch unter massivem Druck durch den staatlichen Sicherheitsapparat. Krankenhäuser werden überwacht, und sowohl Verletzte als auch medizinisches Personal riskieren Festnahmen durch regime-nahe Milizen«, so Jahandar Lashki.
Hilfe im Land ist nur noch sehr eingeschränkt möglich. Das iranische Regime lässt Hilfstransporte und unabhängige, vom Ausland aus finanzierte Hilfsangebote nicht zu. Seit einigen Jahren baut der Verein deshalb im Iran ein Untergrundnetzwerk von Medizinern und Apotheken auf, die verletzten Demonstranten unkompliziert helfen und ohne sich dem Risiko einer Verhaftung auszusetzen. Notwendige Medikamente bezahlt der Verein von Deutschland aus, da sie im Iran nur schwer zu bekommen und sehr teuer sind.
Jahandar Lashki verließ den Iran bereits Anfang der neunziger Jahre, nachdem sie wegen ihrer politischen Betätigung dort im Gefängnis gesessen hatte. Nach ihrem Studium in Deutschland gründete sie ihre eigene Praxis in Berlin-Wedding. Dem Iran blieb sie dennoch eng verbunden. Derzeit sorgt sich Jahandar Lashki um ihre Familienmitglieder, die noch dort leben.
Die Angst vor dem langen Arm des Regimes ist groß
So wie ihr geht es vielen Mitgliedern des Vereins. Rund 40 iranischstämmige Mediziner engagieren sich dort, noch viel mehr unterstützen Parsimed. Doch die Angst vor dem langen Arm des Regimes ist groß, weshalb viele nicht öffentlich in Erscheinung treten wollen, berichtet Jahandar Lashki.
Die aktuelle Situation werde zusätzlich durch die Internetsperren des Regimes verschärft. »Betroffene können kaum Hilfe organisieren oder Kontakt nach außen aufnehmen«, erklärt die Psychotherapeutin. Eine Möglichkeit seien die Starlink-Terminals, die ins Land geschmuggelt worden sind. Die Mediziner in Deutschland versuchten dann, per Videosprechstunde zu helfen. »Aus Angst vor einer Entdeckung schalten viele Menschen Starlink aber schnell wieder aus.«
Eine umgekehrte Kontaktaufnahme von Deutschland aus ist derzeit überhaupt nicht mehr möglich. Viele Mitstreiter des Vereins fühlen sich im Augenblick sehr hilflos. Doch sie halten weiterhin Videosprechstunden ab. Nicht immer gelingt es, den Verletzten Kontakt zu einem Arzt im Iran zu vermitteln. Dann müssen die Videosprechstunden reichen. Familienangehörige werden instruiert und zu angeleiteten Ersthelfern.
Kurz vor der Internetsperre konnte Parsimed so zum Beispiel einem jungen Iraner helfen, der eine Schussverletzung im Bein hatte. Seine Eltern brachten ihn aus Angst vor einer Festnahme nicht in ein Krankenhaus. Als sich die Wunde infizierte, wurde die Lage kritisch. Mit Hilfe direkter Videoanleitung durch Parsimed gelang den Angehörigen die Entfernung der Kugel und auch eine professionelle Wundversorgung.
Riesige Zahl an Toten und Verletzten
Angesichts der riesigen Zahl an Toten und Verletzten scheint die Hilfe ihres Vereins nur ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Wie viele Menschen umgebracht wurden, ist weiterhin unbekannt. Das US-amerikanische Time Magazine berichtete jüngst unter Berufung auf zwei ranghohe Beamte des iranischen Gesundheitsministeriums, dass allein in zwei Tagen 30.000 Menschen getötet worden seien. Das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA kann bislang rund 5.500 Todesopfer sicher bestätigen und prüft derzeit 17.000 weitere Fälle. Parsimed liegen Schätzungen vor, nach denen bei den Protesten 30.000 bis 50.000 Menschen getötet wurden. Demnach hätten außerdem mehr als 16.000 Augenverletzungen behandelt werden müssen.
Viele Vereinsmitglieder haben Angehörige im Iran und machen sich große Sorgen. Kurz habe man überlegt, ob man Medikamente über die Grenze schmuggeln solle, so Jahandar Lashki, doch die Lage an der Grenze zum Nordirak sei derzeit zu gefährlich. So bleibt dem Verein nur, auf die seltener werdenden Anrufe aus dem Iran zu warten und in Deutschland immer wieder auf die Lage dort hinzuweisen.
»Dieses Regime tötet Demonstranten im eigenen Land, diese Regierung unterstützt den Terror der Hamas. Es ist ein Angriff gegen die Menschlichkeit.« Jahandar Lashki
Denn auch das ist eine Herzensangelegenheit des Vereins, der sich den Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit verpflichtet fühlt. Für Jahandar Lashki ist die Politik des iranischen Regimes ein Angriff auf die Menschenrechte im Allgemeinen: »Dieses Regime tötet Demonstranten im eigenen Land, diese Regierung unterstützt den Terror der Hamas. Es ist ein Angriff gegen die Menschlichkeit.«
Man merkt ihr an, dass sie gern viel mehr helfen würde. Und doch bleibt ihr im Augenblick nur, auf den nächsten Starlink- oder VPN-verschlüsselten Anruf zu warten. Als Psychotherapeutin versucht sie dann, den Menschen in Panik zur Seite zu stehen. Mal hilft ein Gespräch, mal die richtige Atemtechnik. Die vielen körperlich Verletzten übernehmen ihre Kollegen.
Und gemeinsam arbeiten sie an Ideen, wie sie die Internetsperren im Iran vielleicht doch umgehen können. Über Fernsehsender würden sie gern kleine Ersthelfer-Videos für medizinische Notfälle verbreiten – diese Kanäle können immerhin mit einer Satellitenschüssel empfangen werden. Noch aber habe sich kein Sender bereit gefunden, solche Videos zu verbreiten.