05.02.2026
Nach 56 Jahren scheint der Täter identifiziert zu sein, der in München sieben Juden ermordete

Der Strafe entkommen

Seit 56 Jahren ist der Brandanschlag auf das Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde München mit sieben Toten unaufgeklärt. Nun vermutet die Staatsanwaltschaft, ein 2020 verstorbener Neonazi sei der Täter gewesen. Das wirft weitere Fragen auf.

Im Fall eines der schwersten antisemitischen Anschläge in der BRD verfolgt die Generalstaatsanwaltschaft München eine neue Spur. Am Schabbatabend des 13. Februar 1970 war im Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der bayerischen Landeshauptstadt Feuer gelegt worden. Sieben Jüdinnen und Juden, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebt hatten, kamen ums Leben. Ihre Namen sollen nicht vergessen werden: David Jakubowicz, Leopold Arie Leib Gimpel, Regina Rivka Becher, Siegfried Offenbacher, Max Meir Blum, Rosa Drucker und Georg Eljakim Pfau.

56 Jahre lang konnte der siebenfache Mord nicht aufgeklärt werden. Nun gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass ein 1944 geborener Neonazi der Täter war. Über diesen Verdacht hatte im Mai 2025 schon der Spiegel berichtet. Der mutmaßliche Täter, Bernd V., war bei der Polizei aktenkundig. Er hatte schon als Jugendlicher Sprengstoffanschläge verübt und saß in den siebziger Jahren wegen Einbrüchen im Gefängnis. Aus seiner Gesinnung machte er keinen Hehl. Sein Umfeld kannte ihn als glühenden Antisemiten.

Drei Monate zuvor, am 9. November 1969, hatte ein Mitglied der linksradikalen Gruppe Tupamaros Westberlin eine Bombe im dortigen Jüdischen Gemeindehaus deponiert.

Der entscheidende Hinweis kam Anfang vergangenen Jahres von einer neuen Zeugin. Sie schilderte dem Antisemitismusbeauftragten der bayerischen Justiz, Oberstaatsanwalt Andreas Franck, was ihr ein naher Verwandter vor Jahren erzählt habe. Vergeblich hätten dieser und V. 1970 versucht, in ein Juweliergeschäft einzubrechen. Daraufhin habe V. seine Wut, wie der Spiegel berichtet, an »Juden« auslassen wollen. V. habe »auf das Gemeindezentrum gedeutet und sinngemäß gesagt: Jetzt werde er sie anzünden.«

Die Schilderung passt zu zwei älteren Zeugenaussagen. V. entsprach der Beschreibung einer verdächtigen Person, die am 13. Februar 1970 am Tatort gesehen worden war. Darüber hinaus hatte 1971 ein Insasse einer Justizvollzuganstalt, der mit V. eine Gefängniszelle teilen musste, ausgesagt, V. habe ihm gegenüber angedeutet, die Tat begangen zu haben.

Diese Indizien ergeben einen plausiblen Verdacht, aber noch nicht mehr. Bernd V. selbst kann nicht mehr vernommen werden; er starb 2020. Auch andere wichtige Zeug:innen leben nicht mehr. Wegen der noch laufenden Ermittlungen wollte die Münchner Generalstaatsanwaltschaft die derzeitige Berichterstattung nicht kommentieren.

Einzeltäter – ein (nicht nur) in Bayern populäres Erklärungsmuster

Nach dem, was bekannt geworden ist, erscheint V. vorerst als Einzeltäter. Das ist nicht nur in Bayern ein populäres Erklärungsmuster. Sei es bei den rechtsextremen Anschlägen von Halle 2019 oder Hanau 2020, sei es 1980 der antisemitische Doppelmord in Erlangen oder das Oktoberfestattentat, stets hieß es, die Täter hätten ihre Tat allein, ohne Mitwissende ausgeführt.

Dabei existierte, wie Darius Muschiol in seiner Studie »Einzeltäter. Rechtsterroristische Akteure in der alten Bundesrepublik« schreibt, schon Anfang der sechziger Jahre »eine regelrechte Terrorzentrale« in München, aufgebaut von einem österreichischen Nazi, der aus Südtirol vor der Polizei geflohen war. Es müsste zumindest untersucht werden, welche Verbindungen V. zu rechtsextremen Netzwerken hatte.

Der Brandanschlag in München 1970 war lange Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Erst 2013 rückten eine ARD-Dokumentation und Wolfgang Kraushaars Buch über die »antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus« das Attentat wieder in Erinnerung. Kraushaar behauptete darin, radikale Linke hätten es verübt – ohne über Beweise zu verfügen.

Abwegig war der Verdacht jedoch nicht. Drei Monate zuvor, am 9. November 1969, hatte ein Mitglied der linksradikalen Gruppe Tupamaros Westberlin eine Bombe im dortigen Jüdischen Gemeindehaus deponiert. Zum Glück hatte der Zünder versagt.

Die Linke trug nichts dazu bei, den siebenfachen antisemitischen Mord in Erinnerung zu behalten. Dabei gäbe es selbst jetzt noch viel aufzuarbeiten.

Anscheinend befürchteten auch andere Linke, dass der Münchner Brandanschlag aus den eigenen Reihen begangen worden war, denn sie hielten es für angezeigt, sich von ihm zu distanzieren. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund erklärte 1970: »Derartige antisemitische Aktionen sind kein politisches Mittel im Kampf gegen den Zionismus.« Das schreibt man nicht, wenn man Rechtsextreme für die Tat verantwortlich macht.

Die Linke trug jedenfalls nichts dazu bei, den siebenfachen antisemitischen Mord in Erinnerung zu behalten. Dabei gäbe es selbst jetzt noch viel aufzuarbeiten. Zum Beispiel, warum die Polizei den Hinweisen auf V. als möglichen Täter nie genauer nachgegangen ist.

Für Jüdinnen und Juden in Deutschland war der Anschlag ein traumatisches Ereignis, ebenso wie zwei Jahre später die antisemitische Geiselnahme bei den Olympischen Spielen. Ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, kommentiert, sie sei froh, dass vielleicht noch ein Täter ermittelt werde. Doch jemand, der »jüdische Menschen ermordet, noch dazu aus dem einzigen Grund, weil sie Juden sind«, dürfe »nicht straffrei ausgehen«. Sollte Bernd V. der Täter gewesen sein, wäre genau das passiert.