05.02.2026
Aladin El-Mafaalanis Buch »Misstrauensgemeinschaften«

Wem die Misstrauischen vertrauen

In seinem Buch »Misstrauensgemeinschaften« sucht der Soziologe Aladin El-Mafaalani nach Erklärungen für die Anziehungskraft rechtsalternativer Milieus.

Krisen, Kriege, Konflikte – rund um die Uhr prasseln schlechte Nachrichten auf die Mediennutzer ein. Um in einer komplizierten Welt gewaltiger Disruptionen nicht die Orientierung zu verlieren, müssten Menschen eigentlich umso mehr in das vertrauen, was sie darüber in den Medien sehen, hören und lesen, erklärt der Soziologe Aladin El-Mafaalani in seinem Buch »Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Verschwörungstheorien und Populismus«.

Das Gegenteil sei nun aber der Fall: Die Skepsis in der Gesellschaft nehme zu, gerade gegenüber den sogenannten Leitmedien, aber auch gegenüber politischen Entscheidungen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und ­Experten überhaupt. Mit weitreichenden Folgen: Denn das Vertrauen in die politischen und sozialen Systeme sei die »unsichtbare Kraft«, die die Gesellschaft zusammenhält. Diese Systeme, sei es in der Politik, der Wirtschaft, der Justiz, der Wissenschaft oder den Medien, sind darauf angewiesen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung ihre Funktionen grundsätzlich akzeptiert, schätzt und kooperiert.

Dies erläutert der Autor unter Rückgriff auf systemtheoretische Erklärungen. Niklas Luhmann wird dabei häufig zitiert. In dem 1968 erschienenen Buch »Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität« definierte Luhmann das Vertrauen der Bürger in abstrakte Systeme wie Justiz-, Verwaltungs-, Bildungs- oder Gesundheitswesen als eine Haltung der Zuversicht, die es dem Einzelnen ermöglicht, in der Gesellschaft handlungsfähig zu sein.

Schade, dass El-Mafaalanis systemtheoretische Erklärungen so sehr dem Status quo verpflichtet ist, dass kein Raum mehr für profunde Gesellschaftskritik bleibt.

Was nun geschieht, wenn dieser Mechanismus versagt, beschreibt El-Mafaalani so: »Um als Misstrauender handlungsfähig zu bleiben, gibt es eine plausible Alternative. Man vertraut denen, die ebenfalls misstrauen. Und zwar nicht aufgrund ihrer Kompetenz oder Erfahrung, sondern einzig und allein aufgrund des gemeinsamen Misstrauens. Es entstehen Misstrauensgemeinschaften – eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität und die Demokratie.« Beispiele für solche Milieus sind die der Coronaleugner, Islamisten und Reichsbürger. Alternative Medien, alternative Fakten, die »Alternative für Deutschland«, alternativmedizinische Angebote und selbst der Erfolg von Kryptowährungen sind Symptome dieser Krise.

Was sind die Gründe? Erwartungen, insbesondere an die Problemlösungskompetenzen politischer In­stitutionen und Entscheidungsträger, seien oft enttäuscht worden, gibt El-Mafaalani zu bedenken. Daran hätten sowohl leere politische Versprechungen ihren Anteil als auch, dass die Leistungsfähigkeit der gesellschaftlichen Systeme oft maßlos überschätzt werde. Deshalb sei es rational nachvollziehbar, wenn sich Menschen frustriert von den eta­blier­ten Parteien, Medien und der ­Wissenschaft abwenden würden.

Grundlegend ist bei El-Mafaalani die Unterscheidung zwischen funktionalem und normativem Misstrauen. Ihm zufolge ist funktionales Misstrauen »gesellschaftlich existentiell«, da es Machtverhältnisse und institutionelle Verfahren kritisch hinterfragt – solche Skepsis sei notwendig, um gesellschaftliche Missstände überwinden zu können. Wer dagegen normativ misstraut, dem sei das Misstrauen konstitutiv in das eigene Selbst- und Weltbild eingeschrieben; soziale Beziehungen, institutionelles Handeln und politische Ordnungen würden auf diese Weise im Ganzen delegitimiert werden – und im Extremfall schlägt das normative Misstrauen in Paranoia um. Hier argumentiert der Autor völlig plausibel, obwohl er dieser wichtigen Unterscheidung nur wenige Seiten seines Buches widmet.

Wachsender Einfluss der sozialen Medien

Äußerst kritisch sieht er den wachsenden Einfluss der sozialen Medien. Durch die Verbreitung von Falschinformationen, polarisierender Standpunkte und emotionalisierender Inhalte würden sie das Vertrauen in die verächtlich als Mainstream-­Medien titulierten Zeitungen und Rundfunkanstalten untergraben und das normative Misstrauen nähren. Der Einsatz von Algorithmen verbindet den normativ Misstrauischen mit Gleichgesinnten, und so gelingt es ihm immer mehr, die eigene Ohnmacht und Resignation in einer als durchweg feindlich wahrgenommenen Welt abzuschütteln und Handlungsfähigkeit zu erleben, schreibt El-Mafaalani. Normativ Misstrauische beginnen, sich den alternativen Angeboten in Politik und Medien zu verschreiben.

Was an dieser Stelle im Buch leider zu kurz kommt, ist die Funktion antisemitischer Verschwörungstheorien. Zwar benennt der Autor Populismus und Verschwörungstheorien in groben Zügen als Möglichkeiten, Misstrauen zu kanalisieren. Dass diese oftmals auf jahrhundertealten antisemitischen Zuschreibungen basieren – und in einer immer komplexer werdenden Welt gerade deshalb so wirkmächtig sind –, lässt er außer Acht.

Der Soziologe erkennt an, dass sich auch die Alternativangebote, insbesondere im Bereich der Medien, an den Mechanismen des Marktes ausrichten müssen: »Viele Alternativen sind marktförmig oder marktähnlich organisiert, auch wenn es digitale Geschäftsmodelle neuerer Art sind.« Wie also die Interessen des Marktes eine Ursache für das Misstrauen darstellen – etwa beim Clickbaiting –, so sind auch die Alternativangebote an die Interessen des Marktes gebunden, folgert El-Mafaalani.

Primat des kapitalistisch organisierten Wirtschaftssystems

An dieser Stelle verpasst der Autor jedoch einmal mehr, den ursächlichen Widerspruch der kapitalistischen Gesellschaft klar zu benennen, den zwischen der Akkumulation von Kapital im privaten Interesse und der Reproduktion der Gesellschaft im Ganzen. Dass der Primat des kapitalistisch organisierten Wirtschaftssystems nicht allein einen großen Einfluss auf die Funktionsweise des politischen Betriebes, sondern auch auf die der Medien und selbst die der Wissenschaft hat, spielt für das gestiegene Grundmisstrauen in der Gesellschaft bei El-Mafaalani keine Rolle.

So springt er von einem Symptom zum nächsten, geht aber nirgendwo so richtig in die Tiefe und unterlässt es, gesellschaftliche Widersprüche klar zu benennen. Abschließend betont der Autor noch den Wert von positiven Zukunftsideen respektive positiven Zukunftserwartungen, um dem grassierenden Misstrauen entgegenzuwirken. Schade, dass El-Mafaalanis systemtheoretische Erklärungen so sehr dem Status quo verpflichtet ist, dass kein Raum mehr für profunde Gesellschaftskritik bleibt.


Buchcover

Aladin El-Mafaalani: Misstrauens­gemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungs­theorien. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025, 128 Seiten, 16 Euro