Gesundheit!
Noch bis Ende Januar, wenn alle guten Vorsätze längst gebrochen sind, wird einem regelmäßig ein frohes neues Jahr gewünscht, gerne auch ein »verspätetes frohes neues Jahr«. Je länger Silvester her ist, desto verunsicherter und kleinlauter die Neujahrswünsche. In der letzten Phase, bevor sie ganz verstummen, werden sie oft um die beschämte Frage ergänzt, ob man das jetzt überhaupt noch darf: ein frohes neues Jahr wünschen.
Gegen Glück ist nichts einzuwenden, jeder soll es haben.
Larry David betonte in der Serie »Curb Your Enthusiasm«, dass die »Happy new year«-Frist nach drei Tagen abläuft und sowieso nicht immer alles »happy« sein muss. Ein berechtigter Vorbehalt gegen gutgelaunte Durchhalteparolen, doch gegen Glück ist nichts einzuwenden, jeder soll es haben.
Immer öfter wird auch ein »gesundes neues Jahr« gewünscht – das soll originell, ernst gemeint und weniger floskelhaft wirken, klingt aber nach orthopädischen Sandalen, Reformhäusern und Sanatorien. Auch erinnert es an die beliebte Befehlsform aus Corona-Zeiten: »Bleib gesund!« Damals musste dauernd alles desinfiziert werden, und immerhin wünscht man sich seitdem kein »hygienisches neues Jahr«.
Klar: Gegen Gesundheit ist ebenfalls nichts einzuwenden, niemand soll krank sein. Doch wer gesund ist, muss deshalb noch lange nicht froh oder glücklich sein. Letztlich sind die medizinischen Neujahrswünsche – so viel ist sicher – eine infame Mobbing-Strategie gegen alle, deren Lebensstil als ungesund gilt.
»Aus der Krankheit eine Waffe machen«
Denn wer Zigaretten raucht, Alkohol trinkt oder Fast Food isst, schadet bekanntlich nicht nur sich selbst, sondern auch der Gemeinschaft. Diese hat einen »gesunden Volkskörper« zu bilden, wie es hierzulande mal genannt wurde. Später wollte eine Sekte namens Sozialistisches Patientenkollektiv »aus der Krankheit eine Waffe machen«, was vernünftiger erscheint, aber nichts Gutes hervorbrachte.
Wahrscheinlich sollte man nur noch von Gesundheit sprechen, wenn jemand geniest hat. In jedem Fall sollte niemand sein Niesen unterdrücken. Ein frohes neues Jahr aber sollte man jederzeit jedem wünschen, den man mag und den man seit dem 1. Januar noch nicht gesehen hat.