05.02.2026
Gehälter als Privatsache zu behandeln, nützt den Bossen

Legt die Bücher offen

Armut, Ungleichheit und Ausbeutung werden bis heute im Alltag und in politischen Debatten versteckt und verschleiert. Doch Transparenz ist nicht alles.

Über Geld redet man nicht! Den Spruch hört man inzwischen seltener, so dass man fast meinen könnte, die Zeiten hätten sich geändert. Doch auch heute noch werden Armut, Ungleichheit und Ausbeutung im Alltag und in politischen Debatten versteckt und verschleiert.

Die Intransparenz, wenn es um Gehaltsfragen geht, ist durchaus gewollt. Die Scham der Arbeitnehmer:innen und die Dreistigkeit der Arbeitgeber ergänzen sich nach wie vor hervorragend – was den Bossen nur recht sein kann.

Die Intransparenz, wenn es um Gehaltsfragen geht, ist durchaus gewollt. Die Scham der Arbeitnehmer:innen und die Dreistigkeit der Arbeitgeber ergänzen sich nach wie vor hervorragend.

Es scheint also eine gute Idee zu sein, das gut gehütete Geheimnis, wie viel jede so verdient, zu lüften und offen und auch öffentlich darüber zu sprechen. Ab Juni dieses Jahres gelten strengere Regeln gegen die Verschleierung der Einkommen. Jeder Betrieb, der mehr als 50 Angestellte hat, muss dann schon in der Stellenausschreibung die Vergütung angeben.

Arbeitgeber ­müssen außerdem auf Antrag ihrer Beschäftigten innerhalb von zwei Monaten schriftlich Auskunft über die durchschnittlichen Gehälter vergleichbarer Arbeitnehmer:innen im Betrieb erteilen, aufgeschlüsselt nach Geschlecht. 

Die neue Entgelttransparenzrichtlinie (ETRL) der EU ist seit Juni 2023 in Kraft und muss nun in deutsches Recht übernommen werden; hier ersetzt sie das laschere Entgelttransparenzgesetz. Auch das hatte schon zum Ziel, die Lohn­lücke zwischen Männern und Frauen schließen zu helfen. Deutschlands gender pay gap zählt nämlich schon seit Jahren zu den größten in der EU.

Beknackte Anreize wie das Ehegattensplitting

Also können wir uns bald auf mehr Geschlechtergerechtigkeit freuen? Wird die ETRL unsere gesellschaftlichen Verhältnisse endlich zum Tanzen bringen?

Schwer vorstellbar, dass man dem Patriarchat mit dem Zwang zur Transparenz – so gut er auch gemeint ist – ­allein den Garaus machen kann. Die unbereinigte Lohnlücke zwischen den ­Geschlechtern (derzeit Eurostat zufolge über 17 Prozent) ist schließlich nicht so groß, weil Frauen sich ständig selbst unter Wert verkaufen, sondern weil sie häufiger in Niedriglohnsektoren arbeiten und ihre Karrieren häufiger ­unterbrechen, um Kinder zu bekommen und sie zu betreuen.

Sie werden durch beknackte Anreize wie das Ehegattensplitting dazu motiviert, ein Hausfrauenleben zu führen, mit geringem oder gar keinem eigenen Einkommen. Das Streben nach Entgelttransparenz, wenn auch löblich, kratzt deshalb nur an der Oberfläche.