Auf den Spuren Dagny Juels
Dafür, dass die Norwegerin Dagny Juel (1867–1901) ihre produktivste Zeit als Künstlerin im Berlin der 1890er hatte, ist sie hierzulande nur spärlich wahrgenommen worden. Erst weit mehr als ein Jahrhundert nach Juels Tod, nämlich 2019, erschienen ihre nachgelassenen Erzählungen, Kurzdramen und Gedichte in dem Band »Flügel in Flammen« in der deutschen Übersetzung von Lars Brandt im Wallstein-Verlag.
Die Texte, die sich um Begehren, Liebe und Verrat drehen, sind von radikaler Aufrichtigkeit und erlauben einen direkten Blick in die Gefühls- und Gedankenwelt Juels.
Nun ist – ebenfalls bei Wallstein – der lesenswerte biographische Essay »Die Schüsse von Tiflis. Auf den Spuren der Künstlerin Dagny Juel« der norwegischen Journalistin Kristin Valla erschienen. Valla nähert sich ihrer mythenumschlungenen Protagonistin, die im Alter von 33 Jahren von einem Verehrer in einem Hotelzimmer im georgischen Tiflis erschossen wurde, indem sie die Orte bereist, an denen Juel sich aufgehalten hat.
Valla nähert sich ihrer mythenumschlungenen Protagonistin, indem sie die Orte bereist, an denen Juel sich aufgehalten hat.
1867 im norwegischen Provinznest Kongsvinger geboren, kam Juel 1892 nach Berlin, um ihr in Kristiania (dem heutigen Oslo) begonnenes Klavierstudium fortzusetzen. Schnell wurde die Musikstudentin zum erotischen Mittelpunkt einer wilden deutsch-norwegischen Boheme, die sich im Künstlerlokal »Zum Schwarzen Ferkel« trifft.
Das berühmte Aktbild »Madonna« des Norwegers Edvard Munch, mit dem Juel eine Affäre hatte, ist von ihrer androgynen Schönheit inspiriert. Heiraten wird sie dann den polnischen Dichter und Satanisten Stanisław Przybyszewski, dem sie samt zweier gemeinsamer Kinder 1898 nach Polen folgt.
Przybyszewski wird sie immer wieder betrügen und am Ende im Stich lassen. Dass er zudem der Drahtzieher hinter dem Mord an Dagny Juel ist, kann vermutet werden.
Kristin Valla: Die Schüsse von Tiflis. Auf den Spuren der Künstlerin Dagny Juel. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Christel Hildebrandt. Wallstein-Verlag, 256 Seiten, 26 Euro
