Apokalypse AU
Der Hausarzt ist ein Saisonarbeiter. Im Winter ist die Praxis voll, Grippe- und Erkältungsviren haben eine gute Zeit. Die Patienten sitzen in engen Wartezimmern und ballen sich am Empfang, manchmal stehen sie sogar im Schneefall dicht gedrängt bis auf die Straße. Man kommt sich nahe, die Wartezeit wird immer länger und der Austausch von Viren immer reger.
Covid-19 gegen Grippe? EBV gegen RSV? Der winterliche Wahnsinn nimmt seinen Lauf und er scheint von Jahr zu Jahr schlimmer zu werden. Grob geschätzt die Hälfte dieser Patienten würde nicht in die Praxis kommen, müssten sie keine Krankschreibung vorlegen. Viele haben von der Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung entweder noch nichts gehört oder kommen am dauerklingelnden Praxistelefon nicht durch. Sie schleppen sich dann mit hohem Fieber und in erbarmungswürdigem Zustand in die Hausarztpraxis ihres Vertrauens, denn ohne Krankschreibung, im Fachjargon AU (für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung), drohen Lohnkürzungen und schlimmstenfalls die Kündigung.
Darüber, dass Arbeitende nicht genügend Druck ausgesetzt wären, muss sich wirklich niemand Sorgen machen.
Derweil wird der Grippeimpfstoff knapp, Fiebersäfte und Antibiotika für Kinder sind schwer zu bekommen, die Notaufnahmen sind überlaufen. So weit, so voraussehbar.
Aber die Zeiten werden noch härter. Denn der Bundeskanzler und seine Partei erhöhen den Druck, auch auf den Hausarzt. Er würde zu viel krankschreiben, er und seine Kollegen seien daran schuld, dass das Land den Bach runtergehe. Entsetzliche 14,5 Tage seien die Arbeitnehmer 2025 im Schnitt krank gewesen!
Was macht das mit einem Unternehmer, wenn ihm die Arbeitskräfte entzogen werden? Hat der Hausarzt darüber auch nur einmal nachgedacht, welch Leid seine mit lockerer Hand ausgedruckten Bescheinigungen der deutschen Wirtschaft antun? Welchen Effekt es auf das Wirtschaftswachstum und die Aktienkurse hat, wenn Millionen einfach im Bett bleiben?
Ist es nicht so, dass Patienten gesund in seine Praxis gehen und krank wieder herauskommen? Und überhaupt: Ist Krankheit nicht eine Frage der Perspektive? Wer ist schon richtig gesund? Da könnten ja alle zu Hause bleiben. Der Bundeskanzler hat auch Haarausfall und arbeitet damit, sogar in Vollzeit!
Wer nicht arbeitet, kommt unter Druck
Während seine Hausarztkollegen den impliziten Vorwurf der Gefälligkeitskrankschreibung öffentlich empört zurückweisen, wird der Hausarzt nachdenklich. Hält er doch die Krankschreibung für eines der wenigen Mittel, um Patientinnen dem Verwertungszwang wenigstens vorübergehend zu entziehen, um ihre Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Schließlich ist nach Daten der Krankenkassen besonders die Zahl der AUs aufgrund psychischer Erkrankungen angestiegen.
Früher, in seiner wildesten Zeit, glaubte der Hausarzt, mit massenhaften Krankschreibungen das System lahmlegen zu können. Nur leider machten seine Patienten nicht mit. Sie wollten und wollen arbeiten. Sie verhandeln mit dem Hausarzt, um die Dauer ihrer Krankschreibungen zu verkürzen. Denn wer nicht arbeitet – egal aus welchem Grund –, kommt unter Druck von Kollegen und Chefs und muss früher oder später um seine Existenz fürchten.
Der Hausarzt hat schon lange keine Illusionen mehr. Er hat sie alle gesehen: den gemobbten Verkäufer, die am Leistungsdruck zerbrochene Bankerin, Lehrerinnen mit Erschöpfungsdepression und Arztkollegen mit Alkoholabhängigkeit. Darüber, dass Arbeitende nicht genügend Druck ausgesetzt wären, muss sich wirklich niemand Sorgen machen.
Ab dem 43. Krankheitstag gibt es Abzüge
Der Hausarzt sieht ein, dass er nur sehr begrenzt helfen kann. Ein paar Tage oder Wochen ohne Arbeit lindern den Arbeitsstress allenfalls vorübergehend und verschaffen eine Schonfrist. Und auch die kann sich nicht jede:r leisten, denn schon ab dem 43. Krankheitstag gibt es Abzüge, weil die Lohnfortzahlung endet und der Patient nurmehr Krankengeld erhält.
Aber zum Glück hat der Hausarzt die rettende Idee, die alle Problem löst und zugleich alle zufriedenstellt: Sollte er sich nicht selbst krankmelden? Dann würden sich seine Patienten nicht gegenseitig anstecken und könnten in Ruhe weiterarbeiten. Und der Hausarzt könnte zusammen mit der Union dem Land beim Aufblühen zuschauen.