Jungle+ Artikel 12.02.2026
Wie Angelo Del Boca den italienischen Kolonialismus sezierte

Antifaschist und Mythenknacker

Der 2021 verstorbene Historiker und Schriftsteller Angelo Del Boca widerlegte wirkmächtige italienische Geschichtsmythen, beispielsweise den vom harmlosen und mildtätigen italienischen Kolonialismus.

Es hat meist etwas Absurdes, wenn in Zeitungen geschrieben wird, jemand »hätte in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag gefeiert«; wie im Jahr 2025 etwa Pasquale Paoli (1725–1807), korsischer Politiker und Autor der ersten modernen demokratischen Verfassung der Welt im Jahr 1755 und als ein im Gebiet der Repubblica di Genova Geborener offenbar italienisch genug, um auf der Wikipedia-Liste berühmter Italiener geführt zu werden. Denn unter welchen Umständen käme man jemals in die Verlegenheit, seinen 300. Geburtstag zu feiern? Reineren Gewissens lässt sich sagen, dass der italienische Antifaschist, Widerstandskämpfer, Historiker und Schriftsteller Angelo Del Boca (1925–2021) im gerade ausgeklungenen Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Zum einen erreichte Del Boca dieses Alter wirklich beinahe, zum anderen brachte er in seinem Leben so viel zustande, als hätte er dafür 300 Jahre lang Zeit gehabt.

Keine andere Einzelperson kämpfte so hartnäckig und erfolgreich über Jahrzehnte gegen die wirkmächtigen italienischen Geschichtsmythen. Zum Beispiel gegen die Vorstellungen, dass die Italiener, wie die unzählige Regionalidentitäten pflegende Bevölkerung zwischen Bozen und Syrakus ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts heißen sollte, nur brava gente (gute Menschen) und nicht auch manchmal crudele gente (grausame Menschen) gewesen seien, oder dass der italienische Kolonialismus besonders harmlos und mildtätig gewesen sei.

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