»Nigerias Realität widersetzt sich Schablonen«
Immer wieder werden aus Nigeria Angriffe auf christliche Gemeinden gemeldet. Werden Christen Opfer gezielter Gewalt?
Die Gewalt, die in Nigeria herrscht, entsteht in einem Klima allgemeiner Unsicherheit, die für alle Communitys gilt. Doch lässt sich kaum leugnen, dass christliche Gemeinschaften in bestimmten Kontexten gezielt ins Visier genommen werden, insbesondere im Norden und im Zentrum des Landes. Angriffe auf Kirchen während des Gottesdiensts, Entführungen von Gläubigen, Zerstörungen christlicher Dörfer, Entführungen von Priestern und Pastoren: Diese Übergriffe sind umfassend dokumentiert. Jüngst zeigte die Entführung von mehr als 160 Gläubigen aus zwei Kirchen während der Sonntagsmesse im Bundesstaat Kaduna im Norden des Landes erneut die brutale Realität.
Gibt es verlässliche Daten über das Ausmaß dieser Angriffe?
UN-Agenturen, Menschenrechts-NGOs und lokale Organisationen dokumentieren diese Gewalt, unterscheiden dabei jedoch meist nicht nach Konfession, weil sie so ihrer Meinung nach Neutralität wahren. Im Gegensatz dazu vertreten einige christliche Organisationen ausdrücklich eine differenzierte Herangehensweise. Die große Schwierigkeit besteht darin, zu unterscheiden zwischen Akten, die auf die allgemeine Unsicherheit zurückgehen, und gezielten Gewalttaten aus ideologischen oder religiösen Motiven. Die Lage ist jedenfalls alarmierend.
Unklar bleiben meist die Methodologien der konfessionellen NGOs, die Alarm schlagen, ebenso wie die genauen Kriterien, auf denen ihre Zahlen beruhen. Die christliche Organisation Open Doors International mag hier dennoch als Referenz gelten. Der jährliche Weltverfolgungsindex der Organisation, der 3.490 ermordete Christen in Nigeria verzeichnet – rund 72 Prozent der weltweit im vergangenen Jahr getöteten Christen –, stützt sich auf eine kontinuierliche und dokumentierte Arbeit seit 1993, was ein gewisses Maß an Vertrauen rechtfertigt.
»Der jährliche Weltverfolgungsindex von Open Doors International verzeichnet 3 490 ermordete Christen in Nigeria – rund 72 Prozent der weltweit im vergangenen Jahr getöteten Christen.«
Mitte Dezember sprach Donald Trump von einem »Völkermord an Christen« in Nigeria. Was halten Sie von dieser Einstufung?
Der Begriff »Völkermord« in Bezug auf Christen ist extrem stark und politisch hochaufgeladen. Ich verwende ihn mit großer Zurückhaltung. Dass Trump ihn wieder aufgegriffen hat, dient vor allem innenpolitischen Zwecken in den USA, insbesondere mit Blick auf seine evangelikale Wählerklientel, die maßgeblich zu seiner Wiederwahl beigetragen hat. Die Situation in Nigeria entspricht jedoch nicht der Definition von Völkermord im internationalem Recht, die eine nachweisliche Absicht zur Vernichtung einer Gruppe als solcher voraussetzt.
Können US-amerikanische Luftangriffe die jihadistische Gewalt eindämmen?
Mehr als einen Monat nach den Bombardierungen weitet sich die Gewalt eher aus. Zudem haben diese Angriffe ihr Ziel verfehlt. Sie richteten sich gegen den Nordwesten, eine Region, die weit stärker vom bewaffneten Banditentum als von strukturierten jihadistischen Organisationen geprägt ist. Hätte die US-Regierung eine wirklich entscheidende sicherheitspolitische Unterstützung leisten wollen, hätte der Fokus auf den Nordosten gelegt werden müssen, wo die Gruppe Boko Haram, ihre Ableger, sezessionistische Bewegungen und der »Islamische Staat in Westafrika« operieren. Dort liegt das Zentrum des Konflikts. Unter diesen Umständen stellt sich die Frage, ob diese Luftangriffe nicht paradoxerweise gerade jene Christen stärker gefährden, die Trump zu schützen vorgibt – insbesondere ohne eine tiefgreifende politische und sicherheitspolitische Begleitstrategie.
Neigen die nigerianischen Behörden als Gegenreaktion auf eine zu stark konfessionelle Lesart des Konflikts dazu, die religiöse Dimension bestimmter Gewalttaten zu verharmlosen?
Bei seinem Amtsantritt 2023 versprach Präsident Bola Tinubu, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Maßnahmen wurden ergriffen, insbesondere die Stärkung von Armee und Polizei, doch die Gewalt hat sich dauerhaft etabliert – endemisch und fragmentiert, getragen von einer Vielzahl bewaffneter Akteure, deren Bekämpfung die Kapazitäten des Staats bei weitem übersteigt, vor allem in abgelegenen Regionen.
Die offizielle Lesart neigt dazu, diese Gewalttaten so darzustellen, dass sie alle Gemeinschaften unterschiedslos treffen. Es handelt sich nicht um Leugnung, sondern um eine institutionelle Relativierung. Diese bewusste Weigerung, den Konflikt strikt konfessionell zu lesen, erlaubt es der Regierung, eine noch stärkere religiöse Polarisierung im Innern zu vermeiden.
Gleichzeitig hat die Gewalt gegen Christen diplomatische Kosten für die Regierung. Die USA haben Nigeria erneut auf die Liste der Länder gesetzt, die in Bezug auf Religionsfreiheit als »besonders besorgniserregend« gelten. Dies verdeutlicht die Kluft zwischen der regierungsoffiziellen Darstellung und den externen Wahrnehmungen.
Sind die Bundesstaaten Nigerias, die die Sharia eingeführt haben, objektiv stärker von Gewalt betroffen?
Nein, diese Staaten sind nicht automatisch verwundbarer. Die Einführung des islamischen Rechts in mehreren nördlichen Bundesstaaten zu Beginn der nuller Jahre erfolgte im Rahmen der föderalen Verfassung und auf legalem Weg. Seitdem variiert die Lage stark von Bundesstaat zu Bundesstaat, auch unter jenen, die die Sharia anwenden, was das Fehlen eines direkten Kausalzusammenhangs zeigt. Einige Staaten mit Sharia-Anwendung, wie Kebbi oder Gombe, bleiben relativ stabil, während andere – etwa Zamfara, Sokoto, Kano oder Borno – ein extrem hohes Gewaltniveau aufweisen.
Die Sharia fungiert vor allem als Instrument politischer und identitärer Mobilisierung. In einem Kontext sozialer Fragilität und endemischer Armut kann sie lokale Spannungen verschärfen, insbesondere dort, wo Muslime und Christen zusammenleben. Der oft herbeizitierten Nord-Süd-Spaltung Nigerias entspricht in Wirklichkeit keine scharfe Grenze: Muslimische Gemeinschaften leben im Süden, christliche Gemeinschaften sind tief im Norden verankert. Gewalt ist Teil eines komplexen Geflechts sozialer, wirtschaftlicher und politischer Faktoren, in dem die Sharia nur ein Element unter vielen ist. Die nigerianische Realität widersetzt sich auch hier allzu einfachen Schablonen.
»Es wurden Vorstöße der Gruppe zur Verteidigung des Islam und der Muslime (JNIM) gemeldet, darunter ein Angriff im Dezember. In der Sahelzone – Mali, Burkina Faso, Niger – schon sehr aktiv, scheint JNIM nun nigerianisches Terrain zu testen.«
Wie würden Sie die derzeitige Sicherheitslage in Nigeria insgesamt beschreiben?
Trotz der vom Präsidenten angekündigten Maßnahmen, insbesondere der Stärkung der Armee, gelingt es dem Staat kaum, die Kontrolle zurückzugewinnen. Mehrere Gewaltzentren existieren nebeneinander: Im Nordwesten haben sich bewaffnetes Banditentum und Massenentführungen dauerhaft etabliert; im Nordosten destabilisieren Boko Haram und der »Islamische Staat in Westafrika« weiterhin die Region. Hinzu kommen kommunale Konflikte im Zentrum des Landes sowie Kämpfe im Zusammenhang mit der Ausbeutung der Erdölressourcen im Nigerdelta.
Besonders beunruhigend ist, dass sich die Konfliktzonen inzwischen in den Süden ausdehnen, der bislang vergleichsweise verschont geblieben war. Es wurden Vorstöße der Gruppe zur Verteidigung des Islam und der Muslime (JNIM) gemeldet, darunter ein Angriff im Dezember. In der zentralen Sahelzone – Mali, Burkina Faso, Niger – äußerst aktiv, scheint JNIM nun das nigerianische Terrain zu testen, neue Bedrohungen den bestehenden hinzuzufügen und die Verwundbarkeit des Staats weiter zu erhöhen.
Lässt sich der Konflikt als einer zwischen Viehhirten und Bauern deuten?
Das ist ein bequemes Deutungsmuster aufgrund seiner Einfachheit, bildet die Realität jedoch nur unzureichend ab. Es verweist zu Recht auf Spannungen beim Zugang zu Land, Wasser und Weideflächen in einem Kontext starken demographischen Drucks und klimatischer Veränderungen. Häufig geht es dabei um Ressourcenaneignung.
Doch diese Gewalt allein auf eine religiöse oder ethnische Dimension zu reduzieren, ist irreführend. In der Praxis sind die Rivalitäten vor allem wirtschaftlicher Natur und hängen mit der Verwaltung von Ressourcen zusammen. Sie begünstigen die Entstehung von Selbstverteidigungsgruppen, die für Übergriffe verantwortlich sind, während religiöse oder gemeinschaftliche Identitäten häufig von politischen Gruppen oder opportunistischen kriminellen Banden instrumentalisiert werden.
Welche Auswege aus der Krise sehen Sie?
Auf sicherheitspolitischer Ebene muss der Staat zunächst seine hoheitlichen Aufgaben vollständig wahrnehmen und die vorhandenen Mittel mobilisieren, um die Bevölkerung effektiv zu schützen. Diese Präsenz darf sich jedoch nicht auf militärische Gewalt beschränken: Sie erfordert auch eine spürbare Rückkehr des Staats in die am stärksten vernachlässigten Regionen, mit einem Zugang zu grundlegenden sozialen Dienstleistungen.
Ebenso wichtig ist die Arbeit in unmittelbarer Nähe zu den jeweiligen Gemeinden, durch die Förderung von Mediation und Dialog, die Spannungen entschärfen können. Hinzu kommt eine zentrale Herausforderung: die Umverteilung von Ressourcen auf lokaler wie nationaler Ebene. Die Ungleichgewichte bleiben gewaltig zwischen einem überwiegend landwirtschaftlich geprägten Norden und einem Süden, in dem sich die Öl- und Gasreichtümer konzentrieren, deren Erträge kaum in den Rest des Landes fließen. Diese Ungleichheiten zu verringern, ist eine conditio sine qua non für jede nachhaltige Stabilisierung.