Die Königin des schönen Scheins
Melania Trump mit ihrem Sohn Barron bei der Inauguration Donald Trumps 2025 (Filmbild; links); Demonstranten bei einem Marsch gegen die Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE), 31. Januar 2026 (Agenturbild; rechts)
Wenige Tage nachdem Einheiten der Polizei- und Zollbehörde ICE bei Protesten in Minneapolis den 37jährigen Krankenpfleger Alex Pretti mit mehreren Schüssen getötet hatten, bekam die Filmdokumentation »Melania« im John F. Kennedy Center for the Performing Arts ihre öffentliche Premiere. Donald Trump ließ es sich nicht nehmen, seine Ehefrau auf der Gala in den höchsten Tönen zu loben; er sei stolz auf sie, der Film sei »wirklich gut« und »sehr glamourös«.
Dann fügte er hinzu: »Wir alle brauchen gerade ein bisschen Glamour«, womit er nicht nur einmal mehr seinen pompös-spätfeudalen Regierungsstil verteidigte, sondern offensichtlich auch auf das Umfragetief seiner Regierung anspielte, das insbesondere auf das brutale Vorgehen der Polizeibehörde ICE im Land zurückgeht. Trump macht mithin keinen Hehl daraus, dass ihm die Edel-Dokumentation gerade recht kommt, um die hässlichen Videobilder von gejagten Migranten und Demonstranten, die seit Wochen die Öffentlichkeit empören, vergessen zu machen.
Trump macht keinen Hehl daraus, dass ihm die Edel-Dokumentation gerade recht kommt, um die hässlichen Videobilder von gejagten Migranten und Demonstranten, die seit Wochen die Öffentlichkeit empören, vergessen zu machen.
Der Imagefilm begleitet die Präsidentengattin Melania Trump in den letzten 20 Tagen vor der Einführung ihres Ehemanns in das Amt des US-Präsidenten im Jahr 2025. Gedreht wurde an den zentralen Stätten politischer und symbolischer Macht: dem Kapitol, auf dessen Terrasse die Inaugurationszeremonie stattfindet, in Mar-a-Lago in Florida, im Weißen Haus und an weiteren Schauplätzen in Washington, D.C., sowie in New York City, wo die Trumps hoch oben im eigenen Tower mit Blick über Manhattan und den Central Park residieren.
Der Film versteht sich als Porträt einer First Lady in einer Phase politischer Übergänge und persönlicher Neubestimmung – die Protagonistin betont mehrfach, dass sie nun nach ihrer Zeit als einfache Bürgerin des Landes ins Rampenlicht ihrer repräsentativen Rolle zurückkehre – und erhebt zugleich den Anspruch, eine in der Öffentlichkeit bislang als entrückt und rätselhaft rezipierte Figur nahbarer zu machen, was dem Film gründlich misslingt. Denn der Film kommt zumeist in der Anmutung eines penetranten Infomercials und aufpolierten Werbestreifens daher und hat wenig mit einem tatsächlich auf Erkenntnisgewinn zielenden Dokumentarfilm gemein.
Formal ist »Melania« konsequent als Hochglanzproduktion angelegt. Die Bildgestaltung konzentriert sich auf elegante Oberflächen, präzise komponierte Totalen und Details, die luxuriösen Lifestyle und Klasse betonen. Schon die ersten Szenen zeigen Melania in groß aufgenommenen Schlangenleder-Pumps aus einem SUV steigend. Tatsächlich stammen die Bilder unter anderem von einem Meister des Kamerafachs, Dante Spinotti, der für Filme wie »Heat«, »L.A. Confidential« und »Wonder Boys« bekannt ist. Wie die US-amerikanische Ausgabe des Magazins Rolling Stone berichtete, wollten zwei Drittel der an dem Film beteiligten Kreativen – darunter wohl weitere namhafte – ihre Namen nicht im Abspann lesen. Üppige Streichmusik legt sich fast durchgehend über die Bilder und emotionalisiert selbst banale Abläufe.
Wohl nicht zufällig erinnert eines der Motive des Scores an die erfolgreiche Serie »Succession« über ein global agierendes Familienimperium, deren Vielschichtigkeit hier freilich fehlt: Die Protagonistin erscheint, egal ob gerade ein Anlass erkennbar ist, permanent in Bewegung – von Limousine zu Limousine, vom Privatjet zum Regierungsflieger, von Empfang zu Empfang. Die Kamera folgt ihr unterwürfig nah und vermeidet dabei jede Form von spannungs- oder konflikterzeugenden Einstellungen. Dazu hört man Melania Sätze wie »Every day I live with purpose and devotion« bedeutungsschwer vortragen, als entstammten sie der Hörbuchfassung eines Lebensratgebers.
Auffällig ist die Konzentration auf äußere Zeichen von Disziplin, Kontrolle und Stil. Immer wieder verweilt der Film auf Kleidung, Accessoires und Körperhaltung. Besonders die hochhackigen Pumps, für die Melania Trump bekannt ist, dominieren immer wieder das Bild. In nahen Einstellungen werden sie zu einer Art visuellem Leitmotiv eines Films, der seine heroisch durch Regierungsflure stöckelnde Hauptfigur weniger über narrative Inhalte oder eine sinnstiftende Erzählung definiert als über ihre zackige Ästhetik.
Gerne bespricht sie eigene Entwürfe mit ihrem Hausstylisten, dessen Untergebene sich sogleich eilfertig ans Werk zu machen pflegen. Melania erscheint als Ikone vorgeblicher Eleganz und Erlesenheit. Tatsächlich ist die Melania-Ästhetik – so wie die des Regierungszirkels insgesamt – auf vulgäre Weise zeigefreudig und neofeudal. Ganz eins mit sich wird die First Lady, wenn sie mit ihrer Kolonne schwarzer SUVs durch die zumeist für sie abgesperrten Straßen der Hauptstadt donnert.
Dunkler, streng geschnittener Look, militärisch-kontrolliert
Ästhetisch prägend ist ihre Erscheinung bei der Amtseinführung. Anders als viele ihrer Vorgängerinnen wählt Melania Trump keinen hoffnungsvollen, hellen Farbcode, sondern einen dunklen, streng geschnittenen Look: maßgeschneiderter Mantel, straff sitzende Seidenbluse, präzise gesetzte Accessoires, dazu ein seltsam tief ins Gesicht gezogener Hut. Die Inszenierung wirkt kühl, distanziert, militärisch-kontrolliert und betont finster.
Inhaltlich kreist der Pseudodokumentarfilm »Melania« um den erklärten Anspruch der First Lady, ihre Rolle neu zu definieren. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lauschen einer Vielzahl von Lebensmaximen und Selbstbeschreibungen, die um eiserne Disziplin, Selbstoptimierung und die eigene »Arbeit für die Gemeinschaft« kreisen. Konkrete politische Positionen bleiben dabei weitgehend ausgespart. Stattdessen dominieren aphoristisch formulierte Aussagen, die an Motivations- und Ratgeberliteratur erinnern.
Der Film präsentiert diese Sätze mit großer Ernsthaftigkeit und ohne jede kritische Rahmung. Als die ehemalige Hamas-Geisel Aviva Siegel zu Gast im Weißen Haus ist, um für die Freilassung ihres Mannes zu werben, gibt sich Melania als zugewandte Trösterin, die sich zugleich nicht aus ihrer kühlen, kontrollierten Rolle begeben mag. »He is so beautiful«, hören Zuschauer die um Empathie bemühte First Lady sagen, die dabei auf das T-Shirt der Frau zeigt, das mit dem Bild ihres Ehemanns Keith bedruckt ist.
Amazon und Brett Ratner
Auf den Markt gedrückt wird das Werk von Amazon MGM. Der Konzern sorgt dafür, dass »Melania« als Kinofilm in 27 Staaten anlaufen wird. Medienberichten zufolge zahlte der Konzern rund 40 Millionen US-Dollar für die Lizenzrechte sowie weitere 35 Millionen für das internationale Marketing an die Filmproduktion Muse Productions, die Melania Trump gehört und die ihr redaktionell alle Freiheiten garantierte. Dass sie damit selbst erheblich an dem Projekt verdient haben soll, 28 Millionen nach einem Bericht des Wall Street Journal, lässt die Frage nach Nähe, Unabhängigkeit und Intention dieser Arbeit dringlich werden.
Als in einer Szene der Dokumentation der bekannte US-Branchenjournalist Matt Belloni anruft, um sich nach der Finanzierung und dem Zustandekommen des Films zu erkundigen, sind sich Melania und ihre PR-Damen einig, dass dieser Journalist nichts Gutes im Schilde führt. Dem geneigten Republikaner-Publikum dürfte diese Geste der Ablehnung in Richtung der sogenannten Mainstream-Medien gut gefallen.
Als Regisseur zeichnet Brett Ratner verantwortlich. Allein diese Personalie wirft Fragen auf. Ratner, bekannt geworden durch die »Rush Hour«-Reihe, drei belanglose, aber populäre Actionkomödien, war nach Missbrauchsvorwürfen, die er zurückwies, seit 2017 in Hollywood faktisch ohne Arbeit geblieben.
Mit der zweiten Amtszeit Donald Trumps erlebt seine Karriere nun einen bemerkenswerten Neustart. Ein Anruf des Präsidenten bei der Milliardärsfamilie Ellison, deren Spross David der neue Besitzer der Paramount-Studios ist, brachte Ratner wohl einen Regieauftrag ein, um »Rush Hour 4« in Szene zu setzen. Ratners Porträt der First Lady ist seine Rückkehr auf die große Bühne, zumindest wenn es nach Melania Trump geht, die sich in einer Szene gemeinsam mit dem Regisseur dem lässigen Talk im Rückraum ihrer Limousine hingibt.
Maga und Truth Social, Musk und Bezos
Der Film zeigt Melania Trump bei internationalen Auftritten und Gesprächen mit anderen Präsidentengattinnen und Königinnen, darunter Brigitte Macron und Rania von Jordanien. Themen sind Bildungsinitiativen, Melania Trumps Kampagne »Be Best«, die sich für das Wohl von Kindern einsetzt, sowie die Gefahren sozialer Medien.
Gerade diese Passagen entfalten eine eigentümliche Ironie, da der Film keinerlei Bezug zur Rolle der Maga-Bewegung in der systematischen Radikalisierung digitaler Öffentlichkeiten herstellt. Exemplarisch genannt sei an dieser Stelle ein prominenter Post auf der Plattform Truth Social, in dem Donald Trump den getöteten Alex Pretti als »Agitator« und »Aufständischen« bezeichnete. Das war so offensichtlich falsch und verhetzend, dass Trump sich genötigt sah, seine Worte zu korrigieren.
Viele Szenen zeigen Melania als kreative Gestalterin. Sie richtet Räume im Weißen Haus neu ein, plant Empfänge und Bälle und bedankt sich beim üppigen Galadinner zur Amtseinführung ausdrücklich bei den zahlreichen generösen Spendern, die den Sieg Donald Trumps ermöglicht hätten. Unter den Gästen und Geldgebern finden sich viele bekannte Vertreter der IT-Konzern-Elite wie Elon Musk und Jeff Bezos. Mit sichtlicher Freude studiert Melania die Menüfolge: »ein goldenes Ei und Kaviar« als Auftakt – ein Moment, der den sozialen und ökonomischen Kontext dieser Inszenierung ungewollt präzise offenlegt.
Donald Trump tritt erst etwa zur Mitte des Films in Erscheinung. Sein Auftritt markiert einen Wendepunkt. Bei einem Vorbereitungstreffen zur Amtseinführung gibt er sich in bekannter Manier: scheinbar jovial, tatsächlich gekränkt. Anlass der präsidentiellen Unzufriedenheit ist ein gleichzeitig mit der Inauguration angesetztes Football-Meisterschaftsspiel, von dem Trump vermutet, dass die Veranstalter es mit Absicht so gelegt haben. Eine Klage, die einiges über Trumps paranoides Weltbild aussagt.
Enigmatische Gestalt an der Seite des Präsidenten
Eine Schlüsselszene zeigt Melania bei einer Redeprobe ihres Manns. Als dieser nach einer Selbstbeschreibung sucht, hilft sie aus; der Präsident sei »a unifier and peacemaker«. Die zynische Sprengkraft dieser Worte, die tatsächlich Eingang in die Rede fanden, scheint ihr bewusst zu sein, was eine spätere Szene unterstreicht, in der sie offen Sicherheitsbedenken äußert: Sie und ihr Sohn Barron wollen während der Parade auf keinen Fall das Fahrzeug verlassen – zu groß könnte der Unmut des zürnenden Volks auf der Straße sein.
Der Film beantwortet die Frage, die allzu viele umtreibt: wer diese enigmatische Gestalt an der Seite des Präsidenten eigentlich ist, letztlich nicht. »Melania« unterlässt es konsequent, der Biographie Melania Trumps emotionale Tiefe etwa durch Anekdoten oder Aufnahmen aus der Kindheit und ihrem Herkunftsland Slowenien zu verschaffen. Hinter der mannequinhaften Maske verbirgt sich kein Geheimnis, sondern der pure Wille zum persönlichen Erfolg und Vorankommen – mitgemeint ist selbstverständlich auch das Reüssieren der Trump-Söhne.
Die lange gepflegte Theorie, Melania Trump sei eine innerlich distanzierte Figur oder gar eine heimliche Gegnerin ihres Mannes, wird hier implizit widerlegt. »Melania« zeigt eine Frau, die sich in ihrer Welt offenbar eingerichtet hat – im Tower hoch über dem Central Park, im Schutz der Macht unterhält sie ein kleines Heer an beflissen untergebenen Helferlein. Schneider, Designer, Visagisten, Stylisten und andere Dienstleister, die das Ansehen der First Lady auf Weltniveau halten sollen. Als Melania eine geschwinde Umarbeitung einer Bluse beauftragt, sehen wir kurz das angsterfüllte Antlitz einer der Schneiderinnen aufblitzen. Zu gerne hätte man sie in einem an Vielschichtigkeit und Wahrhaftigkeit gelegenen Dokumentarfilm zu Wort kommen hören.
Die lange gepflegte Theorie, Melania Trump sei eine innerlich distanzierte Figur oder gar eine heimliche Gegnerin ihres Mannes, wird hier implizit widerlegt. »Melania« zeigt eine Frau, die sich in ihrer Welt offenbar eingerichtet hat.
»Melania« jedoch erweist sich als filmisch patent aufgedonnerte Propagandaschau in Diensten der Macht, eine bizarre Hagiographie und aufdringliches Infomercial samt Powermessaging zugleich. Man muss dieser sogenannten Dokumentation des Regisseurs Brett Ratner, der nun zu allem Übel auch noch in den Akten über den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein aufgetaucht ist, aber in einer Hinsicht dankbar sein: Unfreiwillig offenbart sein Porträt in Hochglanzbildern ein präzises Sittengemälde der Gegenwart.
Der zentrale Antrieb der Trump- und Maga-Leute sind nicht etwa tiefe Überzeugungen oder gar die so gern betonten konservative Werte, sondern die finanzielle Selbstbereicherung des eigenen Clans auf mafiöse Art. Melania tritt wahrhaft als scheinheilige Königin dieser Disziplin in Erscheinung, wenn sie etwa gemeinsam mit einer erfolgreichen Designerin aus Laos über den Amerikanischen Traum sinniert, der sich für sie verwirklicht hat. »Ich werde meinen Einfluss und meine Macht stets einsetzen, um für Menschen in Not zu kämpfen«, hört man Melania sagen.
Verfolgte Migranten scheinen dazu nicht zu gehören, obwohl oder gerade weil Einwanderung ein beliebtes Thema der Präsidentengattin ist. Bereits während der ersten Amtszeit ihres Gatten, im Jahr 2018, besuchte sie eine Einrichtung in Texas, in der ausreisepflichtige mexikanische Kinder untergebracht waren. Auf dem Weg dahin war auf der Rückseite ihrer Jacke ein auffälliger Schriftzug zu erkennen: »I really don’t care, do you?« Ein Satz, der damals Bände sprach und im Jahr 2026 unmissverständlicher denn je wirkt.
Melania (USA 2026). Regie: Brett Ratner. Mit Melania Trump und anderen