»Hinter verschlossenen Türen geschieht vieles, was wir nicht sehen«
Der 6. Februar ist der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung. Was bedeutet dieser Tag für Sie?
Er wurde 2003 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen – das ist noch gar nicht so lange her. Der 6. Februar steht für Millionen Mädchen, deren Körper und Leben durch FGM verletzt wurden. Er gibt Betroffenen eine Stimme und macht sichtbar, was lange im Verborgenen geschah. Er erinnert uns daran, dass es hier nicht um »Tradition« geht, sondern um Menschenrechte und Würde.
Wie hoch ist das Risiko für Mädchen in Deutschland?
Viele Menschen glauben, FGM existiere nur »irgendwo weit weg«. Das stimmt leider nicht. Auch in Deutschland sind Mädchen gefährdet – etwa bei Reisen in die Herkunftsländer der Familien oder durch heimliche, illegale Eingriffe hier in Europa. Hinter verschlossenen Türen geschieht vieles, was wir nicht sehen.
»Auch in Deutschland sind Mädchen gefährdet – etwa bei Reisen in die Herkunftsländer der Familien oder durch heimliche, illegale Eingriffe hier in Europa.«
Was sind die größten Herausforderungen in der Präventionsarbeit?
FGM ist bis heute ein starkes Tabuthema. Die Praxis wird in verschiedenen Ländern und Communitys – unter anderem in vielen afrikanischen Staaten – aus unterschiedlichen Gründen fortgeführt, etwa aus vermeintlich religiösen, kulturellen oder traditionellen Motiven. Die Bekämpfung von FGM ist deshalb eine komplexe Angelegenheit. Offen darüber zu sprechen, erfordert Mut. Viele Familien haben Angst vor Ausgrenzung, Schuldzuweisungen oder dem Verlust ihrer sozialen Zugehörigkeit. Unsere größte Herausforderung ist es daher, geschützte Räume zu schaffen, in denen ehrlich, respektvoll und ohne Verurteilung gesprochen werden kann.
Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit vor?
Wir sprechen mit Müttern, Vätern, jungen Frauen und auch mit Männern. Besonders wichtig ist mir, dass die Aufklärung von Menschen aus den Communitys selbst getragen wird. Dafür braucht es ein stabiles Vertrauensverhältnis, das nur entsteht, wenn man immer wieder das Gespräch sucht und präsent ist. Echte Veränderung entsteht nicht durch Belehrung von außen, sondern durch Dialog, Vertrauen und gemeinsames Nachdenken über Schutz, Würde und Zukunft.
Welche Maßnahmen haben FGM erfolgreich verhindert oder reduziert?
Der wichtigste Schlüssel ist Bildung und Aufklärung. Wenn Frauen Zugang zu Wissen, Rechten und wirtschaftlicher Unabhängigkeit bekommen, verändert sich ihre Haltung nachhaltig. Sehr wirksam ist auch die Einbeziehung der Männer, denn sie treffen häufig wichtige Entscheidungen in den Familien. Wenn ganze Familien verstehen, dass FGM keine religiöse Pflicht ist, sondern Leid, Schmerz und lebenslange Folgen verursacht, beginnt ein echtes Umdenken.
Welche Empfehlungen geben Sie Fachkräften, Eltern und Politikern?
Fachkräfte brauchen gezielte Schulungen, um Warnsignale zu erkennen. Eltern brauchen sichere Orte für Gespräche ohne Angst und Scham. Politisch braucht es langfristige Finanzierung und echte Zusammenarbeit mit Migrantinnenorganisationen. Hilfe gibt es zum Beispiel bei den Anlaufstellen Integra-Netzwerk, Terre des Femmes, Berliner Koordinierungsstelle gegen FGM_C und Mama Afrika.