12.02.2026
Die Bundesregierung fordert mehr Arbeit und weniger Kranksein

Lieber leidvoll leben

Die Bundesregierung, Unternehmerlobby und Boulevardmedien mahnen das deutsche Arbeitsethos an. Da kann der eine oder die andere eben auch mal auf der Strecke bleiben. Eine Kolumne über Leistungsideologie und deutschen Wahn.

Bundeskanzler Friedrich Merz und diverse Unternehmerlobbys haben im Januar einen ihrer liebsten Oldies wieder in die shit parade gebracht und jammerten, »die Deutschen« würden zu wenig arbeiten. Neben dem Begehr, Lohnabhängige sollten doch bitte ihr gesamtes Leben ausschließlich an den Wünschen ihrer Bosse ausrichten und auf unnötigen Kram wie planbare Arbeitstage, bei denen noch ein paar Stunden Zeit für Familie, Freunde und Freundinnen und Hobbys bleibt, verzichten, insinuierte Merz auch, Arbeiter und Arbeiterinnen würden allzu gerne krankfeiern, weswegen man die Krankschreibung per Telefon wieder abschaffen solle.

Erst 2023 hatte die damalige Regierung unter Olaf Scholz die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung eingeführt. Nicht aus Menschenliebe, sondern um, wie man es auf der Website des deutschen Gesundheitsministeriums nachlesen kann, »Praxen zu entlasten, Bürokratie abzubauen und unnötige Arztbesuche zu vermeiden«. Auf Deutsch: um Staat und Krankenkassen Geld zu sparen.

Eine telefonische Krankschreibung gilt für maximal fünf Tage, der oder die Ansuchende muss der Praxis als Patient oder Patientin bekannt sein und es entscheidet stets Arzt oder Ärztin, ob ein Anruf ausreicht oder ob die Kranken doch persönlich vorbeischauen müssen. Ein möglicher, aber noch nicht statistisch erfasster Nebeneffekt: Ansteckungen in Wartezimmern dürften zurückgegangen sein.

Es scheint, als blickten deutsche Bosse und Politiker neidisch auf China, wo in sehr vielen Firmen nach dem Modell »996« gearbeitet wird. Das steht für einen Arbeitstag, der von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends dauert, sechs Mal pro Woche.

Was wie eine Win-win-Situation schien, bildet nun einen Frontabschnitt im Krieg der deutschen Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen gegen alles, was das Dasein als Arbeitnehmer und Arbeitnehmerin noch halbwegs erträglich macht. Es scheint, als blickten deutsche Bosse und Politiker neidisch auf China, wo in sehr vielen Firmen immer noch nach dem Modell »996« gearbeitet wird. Das steht für einen Arbeitstag, der von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends dauert und zu dem man sechs Mal pro Woche antreten muss.

Nicht mehr ganz so begierig wie einst dürfte man hingegen nach Japan schauen. Denn obwohl die dortige Arbeitsmoral lange Zeit direkt den feuchten Träumen hiesiger Humankapitalverwerter entsprungen schien, bemüht man sich dort mit einem 2014 verabschiedeten Gesetz, Maßnahmen gegen den Tod durch Überarbeitung wenigstens zu erforschen, da die vielen Opfer von karoshi, der tödlichen Überarbeitung, die japanische Volkswirtschaft mehr schädigten, als dass sie die Profite steigerten.

Die Gründe dafür, deutsche Werktätige als faule Däumchendreher darzustellen, denen man endlich wieder »Arbeitsethos« einbläuen müsste, sind vielfältig. Da wäre zunächst einmal der Innovationsrückstand, den die deutsche Industrie gänzlich sich selbst zuzuschreiben hat und nicht irgendwelchen Blaumachern, ein Rückstand, der gerade die deutschen Kernindustrien existentiell bedroht.

Nicht mehr zu ignorierende demographische Entwicklung

Dazu gesellt sich eine langsam nicht mehr zu ignorierende demographische Entwicklung, die verfügbare Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seltener und damit, zum Zorn der Vorgesetzten, teurer und einflussreicher macht.

Und während Deutschland, wie die meisten entwickelten Staaten, das Problem der sogenannten Überalterung hat, trauen sich die politisch Verantwortlichen nicht mehr, Zuwanderung zu forcieren, sondern wollen im Gegenteil möglichst viele Menschen, die die Alterskohorten der unter 50jährigen füllen könnten, so schnell wie möglich wieder loswerden.

Und weil sich nun auch noch herausstellt, dass »Künstliche Intelligenz« nicht das Universalmittel ist, mit dem das Kapital sich der im Vergleich zu Maschinen doch eher pflegeintensiven Menschen entledigen könnte, müssen immer mehr Firmen doch wieder auf menschliche Arbeitskräfte zurückgreifen. Die aber haben wenig Lust, wie Maschinen zu arbeiten, also fast ohne Unterbrechung und ohne Rücksicht auf Gebrechen wie Fieber und Hustenkrämpfe.

Schlimmer als das schlimmste Verbrechen der Welt

Daher die Kampagne, und daher auch entsprechende Hetzartikel der Boulevardmedien. Man hofft, der alte Propagandatrick der Arbeitnehmerentrechtungspolitik, der Anfang der nuller Jahre unter Gerhard Schröder so gut funktionierte (man erinnere sich an »Florida-Rolf«) und auch während der Finanzkrise 2008/2009 gut klappte (»faule Südländer« machen Schulden), werde auch diesmal wieder hinhauen.

Auszuschließen ist das nicht, denn mehr als selbst das schlimmste Verbrechen der Welt empört viele Deutsche der Gedanke, jemand könne angenehm leben statt möglichst leidvoll und (selbst)ausgebeutet.

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