12.02.2026
Angriff auf den Vize-Chef des russischen Militärgeheimdiensts

Schüsse auf den General

Der stellvertretende Leiter des russischen Militärgeheimdiensts, Wladimir Aleksejew, wurde angeschossen und schwer verletzt. Der Kreml beschuldigt die Ukraine, die dementiert jede Beteiligung.

Vier Schüsse, ein schwerverletzter General im Krankenhaus, mehrere Tatverdächtige und ein Geständnis: Was sich in Moskau in der Zeit zwischen Freitagmorgen und Sonntagabend abgespielt hat, scheint bereits jetzt restlos aufgeklärt – vorausgesetzt, das man den offiziellen russischen Angaben traut.

Noch bevor der Inlandsgeheimdienst FSB erste Ergebnisse seiner Ermittlungsarbeit präsentieren konnte, hatte Russlands Außenminister Sergej Lawrow seine Sicht der Dinge dargelegt und die Ukraine beschuldigt, hinter dem Anschlag zu stehen: »Dieser Terrorakt hat erneut bestätigt, dass das Regime von Selenskyj auf ständige Provokationen aus ist, die wiederum darauf zielen, den Verhandlungsprozess zu torpedieren.« In welcher Weise oder ob dieser Vorfall überhaupt in einem Zusammenhang mit den laufenden Gesprächen zur Beilegung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine steht, ist allerdings unklar.

Als der stellvertretende Leiter des russischen Militärgeheimdiensts GRU, Generalleutnant Wladimir Aleksejew, am 6. Februar frühmorgens seine Wohnung im 23. Obergeschoss eines vor wenigen Jahren fertiggestellten Hochhauses im Moskauer Nordwesten verließ, trafen ihn mehrere Schüsse. Er soll versucht haben, sich gegen den Angreifer zu wehren, bevor er das Bewusstsein verlor. Am Sonntag gab die russische Nachrichtenagentur Ria ­Novosti Entwarnung: Aleksejews Gesundheitszustand habe sich trotz schwerer Verletzungen stabilisiert, es bestehe keine Lebensgefahr mehr.

Aleksejew war verantwortlich für die Auslandseinsätze russischer Söldnertruppen, darunter auch Wagner; zunächst in Syrien, später in der Ukraine.

Da es in dem Hochhaus offenbar keine speziellen Sicherheitsvorkehrungen gab, dürfte es dem Schützen nicht schwergefallen sein, sich seinem Zielobjekt zu nähern. Zudem soll er über einen Hausschlüssel verfügt haben. Als mutmaßlichen Täter verhafteten die Behörden den aus der Ukraine stammenden Ljubomyr Korba. Der 66jährige gab Details der Tat an, die zur von den Behörden präferierten Version passen.

Korba berichtet in einem von der Nachrichtenagentur Tass veröffentlichten Video, der ukrainischen Geheimdienst SBU habe ihn im August 2025 im ukrainischen Ternopil angeworben. Später sei er nach Moskau beordert worden mit dem Auftrag, gegen ein monatliches Honorar von 2.000 US-Dollar bestimmte Personen auszukundschaften; die dafür nötigen Angaben seien per Telefon an ihn übermittelt worden. Im Dezember habe er die Anweisung erhalten, Aleksejew zu töten mit dem Versprechen, dafür mit 30.000 Dollar entlohnt zu werden. Nach begangener Tat sollte er sich über Dubai und Rumänien nach Kiew absetzen, wo ein Treffen mit seinen Auftraggebern geplant gewesen sei. In Dubai jedoch endete seine Flucht abrupt mit der Festnahme. Dem FSB zufolge sei auch Korbas Sohn, der in Polen lebt, in die Anwerbung seines Vaters involviert gewesen.

Ein zweiter Festgenommener, der ebenfalls 66jährige Wiktor Wasin, bestätigte Korbas Darstellung. Die beiden Männer sollen sich bereits länger kennen. Wasin hatte für Korba nach Angaben der Ermittler eine Wohnung angemietet und ihn mit Tickets für den Nahverkehr versorgt. Der FSB verwies auf Wasins politische Nähe zum in Russland verbotenen Fonds für Korruptionsbekämpfung des 2024 in Haft verstorbenen Oppositionspolitikers Aleksej Nawalnyj. Mehr noch, Wasin soll nicht nur Nawalnyj unterstützt haben, sondern auch den Linken Sergej Udalzow, den ein Moskauer Gericht im Dezember zu sechs Jahren Haft wegen Rechtfertigung von Terrorismus verurteilt hat.

Ausländische Geheimdienste zweifeln an der offiziellen Version

Der Nawalnyj nahestehende Investigativjournalist Christo Grozev stieß hingegen auf Indizien, die Wasin in einem anderen Licht erscheinen lassen. Demnach hat Wasin in einem mit dem FSB verbundenen Unternehmen gearbeitet, das Überwachungstechnik herstellt. Das unabhängige Rechercheportal Important Stories wertete weitere geleakte Daten aus, denen zufolge Wasins beruflicher Werdegang eng mit dem russischen Militär und den Geheimdiensten verknüpft war.

Als dritte Tatverdächtige gilt die aus der Nähe von Luhansk stammende ­Sinaida Serebrizkaja, die sich im selben Wohnblock wie Aleksejew eingemietet hat. 2020 hatte sie die russische Staatsangehörigkeit erworben; angeblich hat sie Korba den Hausschlüssel hinterlegt. Ihr gelang die Ausreise Richtung Istanbul.

Anders als im Fall des im April 2025 in Moskau bei einer Bombenexplosion getöteten Generalleutnants Jaroslaw Moskalik, der dem russischen Generalstab angehörte, bekannte sich die Ukraine nicht zu dem Anschlag auf Aleksejew. Auch ausländische Geheimdienste zweifeln an der offiziellen Version. Vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen zwischen Russland, der Ukraine und den USA sei eine derartige Operation Wahnsinn. US-Präsident Donald Trump hatte erst vor wenigen Tag klargestellt, dass er hinsichtlich einer Beendigung des Kriegs in der Ukraine Fortschritte erwarte.

Zusammenhang mit Prigoschins »Marsch der Gerechtigkeit«? 

Tatsächlich gehen die Verhandlungen äußerst zäh voran. Einziges greifbares Resultat der jüngsten, nur dreistündigen Gesprächsrunde in Abu Dhabi, die am Tag vor dem Anschlag stattgefunden hatte, war eine Vereinbarung über den Austausch von Kriegsgefangenen. Zwölf der Rückkehrer in die Ukraine waren in Russland zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt worden. Die ­Ukraine könnte es freilich ganz unabhängig von den laufenden Verhandlungen auf Aleksejew abgesehen haben. Gründe für eine Beseitigung des GRU-Generals dürften aus ukrainischer Sicht zuhauf vorliegen.

Aleksejew ist seit 2011 erster stellvertretender Leiter des GRU. In seinem Amt zeichnet er verantwortlich für die Auslandseinsätze russischer Söldnertruppen, darunter auch Wagner; zunächst in Syrien, später in der Ukraine. Als der Wagner-Gründer Jewgenij Prigoschin sich im Juni 2023 einer Einbindung Wagners in die regulären Streitkräfte verwehrte und seine Truppe zu einem »Marsch der Gerechtigkeit« nach Moskau anstiftete, forderte Aleksejew diese dazu auf, ihren Widerstand umgehend aufzugeben.

Allerdings geriet Aleksejew damals selbst unter Verdacht, in das Komplott involviert zu sein, und wurde kurzzeitig festgenommen. Prigoschin kam noch im gleichen Jahr bei einem Flugzeugabsturz mit ­offiziell ungeklärter Ursache ums Leben. Daher gibt es Spekulationen, dass es sich um eine späte Rache an Aleksejew handeln könnte.