19.02.2026
Ein Augenzeuge schildert, wie die ukrainische Stadt in Schutt und Asche gelegt wurde

Die Hölle von Mariupol

Als am 24. Februar 2022 der Überfall auf die Ukraine begann, wurde die Hafenstadt Mariupol mit den meisten ihrer rund 425.000 Ein­wohner von russischen Truppen umzingelt. Es begann eine bis Mitte Mai andauernde Belagerung, die der Autor mit seiner Familie durchlebte, bis es ihnen gelang, zu entkommen.

Ihr wisst ja, dass ich aus der Ukraine komme, aber viele wussten nicht, dass ich früher in Mariupol gewohnt habe. Mariupol war ein Industriezentrum mit zwei riesigen Stahlwerken, mehreren Hochschulen, Kulturzentren und hart arbeitenden Menschen. Es war gut entwickelt und in Bezug auf Infrastruktur, Bildung, Handel, Industrie und Unterhaltung ziemlich modern, mit anderen Worten: Es fehlte an nichts, was man für ein normales, friedliches Leben braucht, und obwohl Mariupol ein metallurgisches Zentrum des Donbass war, war die Stadt auch ziemlich grün. Ich liebte meine Stadt und setzte alles daran, mir dort eine Zukunft aufzubauen. Ich wollte nirgendwo anders hinziehen, in meinen Augen war Mariupol perfekt.

Das änderte sich auf einen Schlag am 24. Februar. Jetzt ist Mariupol, die Stadt, in der ich geboren wurde, aufgewachsen bin und gelebt habe, eine schwelende, geschändete Ruine voller provisorischer Massengräber, ohne jede Hoffnung und Freude. Mindestens 80 Prozent der Stadt liegen in Trümmern und sind nicht mehr zu reparieren. Menschen haben ihr Leben verloren, Häuser und Lebensgrundlagen wurden zerstört – für nichts, für eine Reihe vager, sich ständig ändernder und unsinniger »Gründe«.

Durch die Trümmer meiner Stadt zu gehen, während der Wind durch die fensterlosen und ausgebrannten Betonskelette heulte, ist der Stoff, aus dem Alpträume sind, und es verfolgt mich bis heute.

Die Bewohner Mariupols hätten nie damit gerechnet, dass das passieren würde, dass sie unsere Stadt rücksichtslos angreifen würden, als wären wir völlig egal, als wären wir alle nur Zielscheiben für ihre kranken und grausamen Schießübungen. Das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde – rücksichtslos zerstört; der Kindergarten, in dem ich meine frühe Kindheit verbrachte – vernichtet durch eine Bombe; die Schule, die ich elf Jahre lang besucht habe – vor meinen Augen beschossen; die Universität, an der ich studiert habe – bis zur Unkenntlichkeit zerbombt; meine Lieblingsorte und -geschäfte – für immer von der Erde getilgt; und die kleine Wohnung im Stadtzentrum, die ich geerbt hatte und in der ich lebte – niedergebrannt und von den endlosen Schockwellen der Explosionen zertrümmert. 30 Jahre meines Lebens und alles, was ich aufgebaut hatte – weggenommen, ausgelöscht, als hätte es nie existiert.

Ich musste das alles durchstehen, teilweise aus eigener Entscheidung, denn ich wollte meine Familie nicht im Stich lassen. Solange ich in Mariupol war, konnte ich an keine Informationen über meine Freunde gelangen, denn die Straßenkämpfe, Bombardierungen und der Beschuss hörten nie auf. Es war unmöglich, jemanden zu erreichen. Strom, fließendes Wasser und das Handynetz waren ausgefallen, und nach einer Woche war jeder einzelne Lebensmittelladen entweder zerstört, niedergebrannt oder geplündert.

Die gesamte lebenswichtige Infrastruktur war zusammengebrochen. Wer keine Vorräte hatte, war praktisch dem Tod geweiht. Glücklicherweise hatte ich nach dem Krieg 2014 eine gewisse Prepper-Mentalität entwickelt und immer eine Woche im voraus Lebensmittel eingekauft. Dennoch mussten mein Vater und ich im Granatenbeschuss hinausgehen, um in den letzten noch intakten Geschäften, die voller verzweifelter und verängstigter Menschen waren, zusätzliche Lebensmittel und Wasser zu kaufen.

Zu dieser Zeit konnte man aus der Stadt nicht wirklich entkommen, vor allem wenn man (wie wir) kein Auto hatte, und selbst wenn man eines hatte, lief man Gefahr, in die Luft gesprengt, beschossen oder seines Autos beraubt zu werden. Mariupol wurde schnell umzingelt, und unser Viertel war einer der ersten Angriffspunkte, so dass wir keine andere Wahl hatten, als zu bleiben, unsere Vorräte zu rationieren und zu beten, dass alles bald auf die eine oder andere Weise vorbei sein würde. Ich zog zu meinen Eltern, um ihnen zu helfen, und ehrlich gesagt auch mit der Einstellung: »Wenn wir sterben, dann sterben wir gemeinsam.«

»Wenn ich sterbe, dann sterbe ich eben«

Anfang März kam der Krieg buchstäblich an unsere Haustür: Unser Wohnblock und alles in der Umgebung wurden unter Feuer genommen, mit Salven von BM-21 Grad (einem Mehrfachraketenwerfersystem; Anm. d. Red.) belegt, von Panzern und Granatwerfern beschossen, da wir aufgrund unserer Nähe zu einer der größten Straßen der Stadt auch einiges an Nahkämpfen erlebt haben. Bombardierungen waren ebenfalls an der Tagesordnung. Jedes Mal, wenn man ein Flugzeug vorbeifliegen hörte, wusste man, dass in fünf bis zehn Sekunden über das eigene Schicksal entschieden werden würde. Von einer Bombe getroffen zu werden, bedeutete in der Regel den Tod, selbst wenn es kein direkter Treffer war, denn Splitter, Trümmer und allein schon die Druckwelle verflüssigen die inneren Organe, wenn man nah genug dran ist.

Wir konnten uns nirgendwo anders verstecken als in einem kleinen Flur zwischen den Wohnungen. Die meisten anderen saßen in ihren Kellern, doch der Keller unseres Wohnblocks war voller einen Meter dicker Rohrleitungen und teilweise überflutet. Sobald man Explosionen hörte – sie begannen in der Regel gegen fünf Uhr morgens und endeten, wann immer sie nicht mehr wollten – war das das Signal, sich zu verstecken.

Wir hörten dann durch die Lüftungsschächte, wie die Leute in den unteren und oberen Stockwerken ebenfalls in Panik gerieten und herumrannten, um in den Flur ihres Stockwerks zu gelangen. Einige mussten in dem winzigen Korridor leben, weil die Fenster ihrer Wohnung zerstört waren und es draußen so unglaublich kalt war. Ohne Heizung oder Strom war man dazu verdammt, zu erfrieren. Jede einzelne Explosion in der Nähe erschütterte das Gebäude mit unglaublicher Wucht, ständig wurden geschlossene Türen aufgeblasen und unser kleiner, dunkler Flur wurde in ein blendendes orangefarbenes Licht getaucht.

Bei jeder Explosion spürte ich, wie meine Mutter heftig zurückschreckte und zitterte. Sie rezitierte ständig Gebete und schluchzte nach jedem Satz. Mein Vater setzte einen »Nun, ich schätze, das war’s dann wohl«-Gesichtsausdruck auf, versuchte, optimistisch zu wirken, und verbarg seine pure Verzweiflung über diese ganze Situation. Mein Bruder hatte eine »Wenn ich sterbe, dann sterbe ich eben«-Einstellung, die oft alle nervte, aber dennoch irgendwie verständlich war, da er sich wie eine Last auf unseren Schultern fühlte. Meine Großmutter, ein Kind des Zweiten Weltkriegs, musste all diese schrecklichen Erinnerungen und Erfahrungen erneut durchleben.
Ich selbst hatte einfach nur Angst, meine Verwandten zu verlieren, sie auf diese Weise sterben zu sehen, ohne Grund und völlig umsonst. Es überkamen uns jedes mal Schauer, wenn wir in diesen Korridor mussten, ob von der eisigen Kälte oder der Angst. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich nicht nach jeder einzelnen Explosion und jedem pfeifenden Granatenbeschuss vor Angst zusammenzog.

Graffiti nahe eines ehemaligen Einkaufszentrums

»Der Donbass, das ist Russland.« Graffiti nahe eines ehemaligen Einkaufszentrums, wo russische Soldaten Rationen verteilten

Bild:
Anton K.

Die Gefechte dauerten bis zu acht Stunden am Tag ohne Unterbrechung, und niemand wagte sich nach draußen. Das Pfeifen der Granaten klang nach purer Wut und nach Hass, und die Explosionen waren unbeschreiblich laut und erschreckend. Ich kann das Gefühl der reinen Angst und Hoffnungslosigkeit nicht beschreiben, das man empfindet, wenn man diese Geräusche mit eigenen Ohren hört. Das Gefühl der völligen Apathie, dieses »Ich werde wohl bald sterben«, das ich empfand, als eine Salve von BM-21-Grad-Raketen unsere und benachbarte Wohnblocks traf. Diese Geräusche und Erinnerungen werde ich leider nie loswerden, egal wie sehr ich mich auch bemühe.

Wir mussten das alles etwa zwei Wochen lang ertragen, bis sie zum nächsten Stadtblock vorrückten. Leider gehörten dazu immer noch Bombardements, die stark genug waren, um unser Wohnhaus zu erschüttern, Panzerschlachten und Gegenbeschuss. In dieser Zeit wurde unser Wohnblock am stärksten beschädigt von BM-21-Grad-Raketen und von Gott-weiß-was, das beim Aufprall zersplitterte, denn unser Wohnzimmer und der Balkon wurden mit Granatsplittern übersät, unsere Fenster zerstört, eine Wand beschädigt und alle Möbel durcheinandergeworfen, so dass für uns fünf nur noch ein kleiner Raum bewohnbar war.

Es hätte noch schlimmer kommen können, zumal wir uns fünf Minuten vor dem Vorfall in diesem Raum auf­gehalten hatten. Das war meine erste Nahtoderfahrung, denn als das passierte, schaute ich gerade aus dem Fenster des benachbarten Zimmers, Splitter schlugen nur wenige Zentimeter von mir entfernt ein.

Als sie dann dazu übergingen, etwas weiter von uns entfernte Gebiete unerbittlich zu bombardieren, musste ich zusehen, wie alles, womit ich aufgewachsen war, zerstört wurde. Ich sah, wie das Wohnhaus meiner Freunde nach mehreren direkten Treffern in Flammen aufging, ich sah Rauch aus dem Gebiet aufsteigen, in dem sich meine eigene Wohnung befand, und später erzählten mir Menschen, die aus dem Stadtzentrum flohen, dass jedes einzelne Gebäude in dieser Straße zerstört oder niedergebrannt war, was bedeutete, dass ich mein Zuhause verloren hatte. Ich hatte nicht viele Möbeln und Kleidung, das ist zumindest ein Trost. Jeden Tag sah ich meine Stadt bedeckt von endlosem Rauch.

Dröhnende Sowjethymnen

Es fühlte sich entmenschlichend an, wie wir in der Besatzungszeit vom Rest der Welt abgeschnitten waren, obwohl wir noch etwas zu essen hatten – Wasser war ein viel größeres Problem. Wir sammelten zunächst Schnee und schmolzen ihn, dann Regenwasser aus Pfützen und Abflussrohren, während wir beschossen wurden (wahrscheinlich die schlimmste Erfahrung meines Lebens). Da Regen- und Schneewasser aufgrund des vielen Rauchs, der Asche und der Trümmer nicht mehr zum Trinken geeignet war, mussten wir auf rostiges Wasser aus dem Boiler zurückgreifen und dann zu meiner Großmutter fahren, um Wasser aus ihrer Badewanne zu holen, das sie gesammelt hatte, ­bevor die Wasserversorgung zusammenbrach.

Mitte März konnten wir endlich mehrere Kilometer den Hügel hinunter und dann wieder hinaufgehen, um kalkhaltiges Wasser aus natürlichen Quellen zu holen. Von dort konnte man fast die ganze Stadt sehen. Jedes Mal, wenn ich dort war, sah ich, wie zivile Gebäude beschossen und niedergebrannt wurden und nur noch schiefe Hüllen von ehemaligen Wohnblocks übriggeblieben waren, wie ganze Stadtteile, in dichten schwarzen Rauch gehüllt, in Flammen standen.

Zugang zu Medikamenten gab es nicht mehr, man musste entweder so durchhalten oder mit den Vorräten überleben, die man hatte. Anfang März zog ich mir eine schwere Erkältung zu, was eine schreckliche Erfahrung war. Ich hatte das Glück, dass niemand in unserer Familie schwer verletzt wurde. Von den hygienischen Verhältnissen will ich gar nicht erst anfangen, das möchtet ihr nicht wissen.

Wenn man etwas zu essen zubereiten wollte, musste man das draußen auf einer provisorischen Feuerstelle tun. Wir mussten einige unserer Möbel zerlegen, während über unseren Köpfen Geschosse flogen. Manche fällten Bäume oder sammelten Holzreste von zerstörten Bäumen oder Trümmern in bombardierten Gebäuden, um eine Mahlzeit zuzubereiten.

Da musste ich meine zweite Nahtod­erfahrung machen, als zwei Granaten nur wenige Meter von uns entfernt in einem nahegelegenen Wohnblock einschlugen, während mein Vater und ich gerade Essen kochten. Die Druckwelle riss uns fast von den Beinen, es ist ein Wunder, dass wir nicht von Granatsplittern getroffen wurden. Wir und eine andere Gruppe flohen, so schnell wir konnten, nach Hause und ließen alles zurück. Erst als der Adrenalinschub nachließ, spürte ich Schmerzen in meiner gesamten Brust, als hätte mich jemand sehr hart geschlagen. Dieses Gefühl hielt mehrere Tage an. Ich leide unter chronischem Tinnitus, und die Explosionen haben ihn noch verschlimmert. Aber zumindest sind wir noch am Leben.

Obwohl wir unsere Lebensmittel sorgfältig rationierten und manchmal dreimal am Tag je einen Löffel voll aßen, waren unsere Vorräte nach einem Monat aufgebraucht. Wir mussten humanitäre Hilfe aus Russland in Form von Lebensmittelrationen annehmen, die mehrere Kilometer von unserem Wohnort entfernt in einem inzwischen zerstörten Einkaufszentrum ausgegeben wurden.

Verwüstete Häuser in Mariupol

Verwüstete Häuser in Mariupol

Bild:
Anton K.

Dieser Ort war völlig verwüstet, alle Gebäude in der Nähe wurden stark beschädigt. Durch die Trümmer meiner Stadt zu diesem Ort zu gehen, während der Wind durch die fensterlosen und ausgebrannten Betonskelette heulte und Möbelstücke und Habseligkeiten irgendwelcher Leute überall herumflogen, war der Stoff, aus dem Alpträume sind, und es verfolgt mich bis heute. Dort angekommen, mussten wir zwei ganze Tage warten, um eine Kiste mit einem Laib Brot, fünf Litern Wasser, verschiedenen Getreidesorten/Nudeln und Fleischkonserven zu bekommen. Wenn man Glück hatte. Uns wurde gesagt, dass so eine Kiste einmal im Monat ausgegeben wird – versuch mal, einen Monat lang mit fünf Litern Wasser zu überleben.

Das Einkaufszentrum selbst war für sie eine Art Außenposten und wurde mit seltsamen Propaganda-Graffiti verunstaltet. Außerdem dröhnten sowjet­ische/russische Hymnen aus Lautsprechern sowie einige fröhliche russische Lieder für die Zehntausenden verzweifelten, körperlich und emotional zerstörten Menschen, die in der riesigen Schlange in der Nähe ihrer niedergebrannten und eingestürzten Häuser standen, nur um ihre armselige Ration zu bekommen. Ich weiß nicht, ob sie versuchten, die Leute zu trösten oder uns nur noch weiter zu demütigen.

Oft schossen sie auch in die Luft, wenn die Wartenden etwas zu aufdringlich wurden oder um alle in eine Reihe zu bringen, was die ohnehin schon traumatisierten Menschen noch mehr erschreckte. Als wir mit den Lebensmitteln nach Hause gingen, flogen ein paar großkalibrige Granaten direkt über unsere Köpfe hinweg und verursachten das schlimmste zischende Geräusch, das man sich vorstellen kann. Reflex­artig ließ ich alles fallen und warf mich zu Boden. Das war meine dritte Nah­toderfahrung. Vor dem Krieg war das mein Lieblingskaufhaus und mein Lieblingsort zum Entspannen gewesen.

Flehen um einen Platz im Evakuierungsbus

Während des Kriegs war ein Großteil der Stadt mit Checkpoints in unterschiedliche Gebiete aufgeteilt. Wenn man nicht lebensmüde war, konnte man nicht in andere Teile der Stadt gelangen. Das machte es fast unmöglich, unsere Verwandten und Freunde zu finden. Im März konnte ich auf dem Dach eines Gebäudes ein Mobilfunksignal empfangen. Die einzige App, die ich noch benutzen konnte, war Twitter, also habe ich dort Status-Updates gepostet und mich bei allen bedankt, für den Fall, dass ich es nicht überleben würde.

Ich habe auch versucht, einige unserer Verwandten und Freunde zu erreichen, aber ohne Erfolg. Mein Bruder schaffte es Mitte März, mit einem Freund und dessen Familie zu fliehen, nachdem eine Granate in einer Menschenmenge explodiert war, in der er sich befand. Er überlebte mit nur sehr leichten Verletzungen, war jedoch durch diesen Vorfall zutiefst traumatisiert und floh in voller Panik zu einem Sammelplatz für Evakuierungen. Zwei Monate lang hatten wir keine Ahnung, ob er überhaupt noch am Leben war.

Anfang oder Mitte April begannen sie, irgendeine schwere Raketenartillerie einzusetzen. Jedes Mal klang das, als würden sich die Pforten der Hölle öffnen, und die Verwüstung, die sie hinterließ, war vergleichbar mit einer Bombe aus einem Flugzeug, die einen fünf Meter tiefen Krater hinterlässt, wenn nicht sogar schlimmer. Als sie in der Nähe unseres Hauses einschlug, war das für mich ein zwingendes Argument, um meinen Vater endlich davon zu überzeugen, dass wir versuchen sollten zu fliehen.

Der sich rapide verschlechternde Gesundheitszustand meiner Großmutter und meiner Mutter, die halbjährlich zur Kontrolle ihres Tumors im Kopf untersucht werden muss, war ein weiterer Grund, warum ich versuchte, meinen Vater davon zu überzeugen, dass sie nicht mehr lange durchhalten würden, es sei denn, er wolle meine Mutter in einem der provisorischen flachen Gräber begraben, die es in der Nähe jedes einzelnen Wohnblocks gab. Mein Vater war sehr stur und hoffnungslos optimistisch. Er wollte nicht alles aufgeben, wofür er so viele Jahre gearbeitet hatte. Er war nur noch wenige Monate von seiner langersehnten und verdienten Rente entfernt, hatte so viele Pläne gehabt, und nun war eine halb zerstörte Wohnung das Einzige, was ihm noch geblieben war.

Mitte April, als die ganze Stadt außer dem Stahlwerk Azowstal bereits besetzt war, konnten meine Familie und ich über denselben Evakuierungsweg fliehen, den auch mein Bruder benutzt hatte (man konnte auf keine andere Weise fliehen, es sei denn, man wollte eine Kugel in den Kopf bekommen). Wir mussten mit sehr wenig Gepäck reisen, weil die Wohnung meiner Großmutter schwer beschädigt worden und nicht mehr bewohnbar war. Deshalb nahmen wir hauptsächlich ihre Sachen mit und gaben den Rest unseren Nachbarn, weil es sonst sowieso geplündert worden wäre. Sie wird nicht nach Mariupol zurückkehren, die Stadt, die sie nach dem Weltkrieg mit aufgebaut hatte.

Mariupol war ein idealer Ort für jedes nur erdenkliche Kriegs­verbrechen. Ein falscher Blick reichte aus, um sofort durchsucht, gedemütigt und mit einer geladenen Waffe bedroht zu werden.

Ich konnte nur einen mittelgroßen Koffer mit Festplatten, einigen Elektronikgeräten und wenigen Kleidungsstücken mitnehmen und musste alles zurücklassen, woran ich gearbeitet hatte und womit ich meine Zukunft aufbauen wollte. Die Evakuierung war ein einziges Durcheinander. Obwohl wir vor dem Evakuierungstag auf der Liste standen, spielte diese Liste plötzlich keine Rolle mehr, und meine Mutter musste praktisch um die Evakuierung betteln, zusammen mit einer ganzen Horde von Menschen, die nun noch verzweifelter waren und sich in derselben ­Situation wie wir befanden. Durch reines Glück und wahrscheinlich auch Mitleid haben wir es geschafft, durchzukommen.

Wir verbrachten mehrere Tage im Bus, was im Vergleich zu anderen, die einen Monat zuvor evakuiert worden waren, noch ziemliches Glück und relativ schnell war. Wie alle anderen mussten auch wir einen Filtrationsprozess durchlaufen (in sogenannten Fil­trationslagern kontrollierte die russische Armee ukrainische Zivilisten und nahm zahlreiche fest; Anm. d. Red.), wurden verhört und mussten biometrische Daten abgeben. Am Ende wurden wir in einer Notunterkunft irgendwo auf russischem Gebiet untergebracht, wo ich keine andere Wahl hatte, als mich von meiner Familie zu trennen, weil sie uns in ein gottverlassenes russisches Dorf schicken wollten, wo wir wahrscheinlich erstochen worden wären.

Ich hörte zum ersten Mal endlich wieder von meinem Bruder, der viel weiter weg von uns war und dem es zum Glück gut ging. Ich schaffte es auch, Kontakt zu meinem besten Freund aufzunehmen, der Familie auf der Krim hatte, und sie waren gerne bereit, uns für eine Weile bei sich aufzunehmen. Meine Eltern und meine Großmutter gingen mit Hilfe einer dritten Partei ihren eigenen Weg. Wahrscheinlich werde ich meine Großmutter nie wiedersehen können.

3.000 Kilometer bis zur EU

Während meines Aufenthalts auf der Krim, wo ich endlich wieder Zugang zum Internet hatte, überlegte ich mir, was ich tun sollte, denn aus mehreren Gründen wollte ich nicht dort bleiben. Ich erwog, in den englischsprachigen Teil Kanadas zu gehen, da dort die größte ukrainische Diaspora lebt, aber das erforderte viel Vorbereitungsarbeit, Flugreisen und Geld, um überhaupt für eine Einwanderung in Betracht zu kommen, was ich von der Krim aus nicht organisieren konnte. Glücklicherweise gelang es mir, mit vielen freund­lichen Menschen aus der EU in Kontakt zu treten, die mir Ratschläge, Hilfe und vorübergehende Unterkunft in der ganzen EU anboten.

Leider gab es ein Problem: Es ist ex­trem schwierig, teuer und etwas gefährlich, eigenständig über Russland in die EU zu gelangen. Nach sorgfältiger Planung beschlossen mein bester Freund und ich, mit dem Auto von der Krim aus auf eigene Faust in die EU zu fahren. Wir brauchten drei Tage und legten rund 3.000 Kilometer zurück, bis wir endlich die Grenze zur EU überquerten. Es dauerte noch einige Tage, bis wir nach Deutschland kamen, wo wir getrennte Wege gingen.

Ich kann nicht mehr nach Mariupol zurückkehren, solange es nicht unter ukrainischer Kontrolle steht, und dort gibt es nichts mehr für mich, mein ­Leben dort wurde mir genommen.

Es gibt auch ein kontroverses Thema, das ich nur der Vollständigkeit halber ansprechen möchte: Einige Leute versuchen, mir, meiner Familie und allen, die die Stadt verlassen haben, Schuldgefühle einzureden, und sagen, wir hätten bleiben und kämpfen sollen. Ich halte sie ehrlich gesagt für völlig verrückt, wenn sie glauben, dass unbewaffnete, erschöpfte und verängstigte Zivilisten ohne jegliche Ausbildung ­etwas anderes gegen gut ausgebildete und ausgerüstete Soldaten und Söldner tun können, als einen schrecklichen und völlig sinnlosen Tod zu sterben.

Das ist nicht irgendein Guerillakrieg. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wer diese Leute sind, wie sie arbeiten und wie gnadenlos sie mit Widerstand von Zivilisten umgehen. Mariupol war ein idealer Ort für jedes nur erdenk­liche Kriegsverbrechen. Ein falscher Blick reichte aus, um sofort durchsucht, gedemütigt und mit einer geladenen Waffe bedroht zu werden.

Übersetzung aus dem Englischen: Paul Simon

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Zum Flüchtling geworden

Der Programmierer Anton K. erstellt Modifikationen für Computerspiele wie »Half Life« und »Command and Conquer« und betreibt seit Jahren einen Patreon-Blog, auf dem er sein kreatives Hobby mit anderen Gamern teilt. Im Februar 2022 rissen seine Posts ab, bis er sich im Juni desselben Jahres mit einem langen Text zurückmeldete. Darin erläuterte er den Grund für die lange Pause: Die russische Armee hatte seine Heimatstadt Mariupol erobert. Erst nach knapp zwei Monaten war Anton K. und seiner ­Familie die Flucht gelungen. Der hier gekürzt und leicht bearbeitet wiedergegebene Post ist eine schonungslose Schilderung der Belagerung und Besatzung Mariupols aus der Perspektive eines Zivilisten.

In einem späteren Post von Ende 2024 beschrieb er die Auswirkung, die das traumatische Erlebnis auf seine Familie hatte:

»Apathie, Hoffnungslosigkeit und fehlende Zukunftsperspektiven sind hier die Themen. Wenn ich meinen Eltern in die Augen schaue, sehe ich nichts als Angst und Unsicherheit – Angst wegen der rapide schwindenden Unterstützung für die Ukrainer, dank der intensiven Bemühungen der russischen Propagandamaschinerie und jener, die ihre Geschichten nachplappern, um irgendwelche Vorteile zu erlangen, seien es Pluspunkte auf Twitter, politische oder sogar finanzielle. Meine unglückliche Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Russen eines gut können: Propaganda und Gehirnwäsche. Selbst während der Belagerung meiner Stadt war eines der ersten Dinge, die sie taten, Lautsprecher aufzustellen, um russische und sowjetische Musik zwischen den verbrannten Überresten zerstörter Gebäude zu spielen und den verzweifelten, gebrochenen, verlorenen, verletzten und unendlich hungrigen Menschen das schlechteste Brot zu verteilen, das man sich vorstellen kann, während sie alles mit Kameras aufnahmen, um zu ­zeigen, was für gute Samariter sie sind.«  ps