Perfider Reichtum
Wladimir Putins und Peter Thiels Karrieren sind bislang zwar recht unterschiedlich verlaufen, dennoch weisen der russische Präsident und der IT-Milliardär diverse Gemeinsamkeiten auf. Beide gehören nicht nur zu den reichsten Menschen der Welt, sie haben auch ein ausgeprägtes Faible für eine lange Lebensspanne.
Thiel investiert hohe Summen in Biotech-Unternehmen zur Erforschung lebensverlängernder Maßnahmen, Putin lässt mit Geldern aus der russischen Staatskasse unter anderem seine eigene Tochter, Marija Woronzowa, in der Zellforschung nach probaten Mitteln zur Verlangsamung von Alterungsprozessen suchen. Bei einem persönlichen Gespräch hätten sich die beiden Männer sicherlich einiges zu sagen.
Tatsächlich soll Thiel zweimal – 2018 und 2022 – über einen russischen Diplomaten und mutmaßlichen Geheimdienstvertreter ein Treffen mit Putin in Aussicht gestellt worden sein, vorausgesetzt er nehme am internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg teil. Thiel schlug diese Offerte aus und setzte stattdessen das FBI in Kenntnis, das ihn seit 2021 als Informant führt.
Durch seinen Reichtum vermochte Epstein, – häufig mittellose – russische Frauen an sich zu binden, die ihm dann weitere Frauen zur Erbringung sexueller Dienste zuführten.
Wäre das Treffen zustande gekommen, ist anzunehmen, dass weniger das ewige Leben als vielmehr geschäftliche Belange im Vordergrund gestanden hätten. Denn Thiel hat die US-Datenanalysefirma Palantir gegründet, deren Software von den US-Geheimdiensten CIA und NSA sowie weiteren Überwachungsbehörden genutzt wird. Wie im Übrigen auch von einzelnen deutschen Landespolizeibehörden.
Auch der US-Finanzier und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein erhielt wohl eine Einladung zum Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg, zumindest findet sich unter seinen veröffentlichten Dokumenten ein ausgefüllter Visumsantrag aus dem Jahr 2015. Vier Jahre zuvor ist in einer E-Mail sogar die Rede davon, dass Epstein mit einem gewissen Igor über eine angeblich bevorstehende Verabredung mit Putin gesprochen habe.
Belege dafür, dass es sich nicht um reines Wunschdenken handelte, gibt es nicht. Trotz der immensen Menge an Mails und anderen Dokumenten bleiben viele Sachverhalte zu vage, um sichere Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber sie reichen aus, um sich ein Bild von Epsteins Vorgehen und seinem ausgeprägten Interesse an Russland im Allgemeinen und russischen Frauen im Besonderen zu machen.
Epsteins Vertraute Ghislaine Maxwell reiste nach Russland
Ende der neunziger und in den nuller Jahren hielt sich Epstein mehrere Male in Russland auf. Für spätere Zeitpunkte gibt es zwar Angaben über ein bewilligtes Visum oder auf seien Namen ausgestellte Stadiontickets für Spiele während der der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Ob er davon Gebrauch gemacht hat, ist aber unbekannt. Auch Epsteins langjährige enge Vertraute Ghislaine Maxwell, die eine 20jährige Haftstrafe wegen Menschenhandels mit Minderjährigen zu Missbrauchszwecken absitzt, reiste nach Russland. Auf einem Foto posiert sie neben zwei russischen Soldaten. Das russische Nachrichtenportal RBK stellte fest, dass in den Epstein-Dokumenten die Namen von über zwei Dutzend russischen Städten, über das gesamte Land verteilt, genannt werden.
Epstein pflegte diverse Kontakte nach Russland, auch zu einem so hochrangigen Vertreter des russischen Machtapparats wie Sergej Beljakow. Dieser, ein Absolvent der Akademie des Inlandsgeheimdiensts FSB, war von 2012 bis 2014 stellvertretender Minister für wirtschaftliche Entwicklung, später gehörte er der Leitung des Petersburger Wirtschaftsforums an. Epstein trat als Vermittler auf, um ein Treffen zwischen Beljakow und Thiel zu ermöglichen, seinerseits bat er Beljakow um Hilfe wegen eines Erpressungsversuchs einer russischen Frau gegen den US-amerikanischen Milliardär Leon Black.
Überhaupt dreht sich in der umfangreichen Korrespondenz vieles um Frauen, in erster Linie sehr junge. Eine Mail Epsteins beispielsweise enthält den Vorschlag, ihn in Russland über für ihn organisierte Schönheitswettbewerbe mit den »top girls of all Russia« zusammenzubringen. Haufenweise tauchen Namen von Models aus Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken auf. Deren Nähe zu dem hervorragend vernetzten Investmentbanker Epstein machte sich auch der russische Milliardär Michail Prochorow zunutze. Über das Model Kira Dikhtyar, das über Jahre eine Beziehung zu Epstein unterhielt, ließ er die Bitte ausrichten, ein Treffen mit dem erfolgreichen Investoren Warren Buffett zu arrangieren.
Krim-Annexion gerechtfertig
Epstein entwickelte ein perfides System von Abhängigkeiten. Durch seinen Reichtum und seine vermeintliche Großzügigkeit vermochte er, – häufig mittellose – russische Frauen an sich zu binden, die ihm dann weitere Frauen zur Erbringung sexueller Dienste zuführten. Manchen half er, in die USA überzusiedeln, andere hatten sich dort bereits niedergelassen, so wie einstige Masseurin Natalja Malyschewa, die von Epstein mehrere Jahre lang für ihre Vermittlungstätigkeit bezahlt wurde, oder die Snowboarderin Marija Prusakowa, Olympiateilnehmerin in Turin 2006, die sich auf diese Weise ihr Studium finanzierte.
Auch Dikhtyar ist ein solcher Fall; sie dankte Epstein im russischen Fernsehen dafür, dass er ihr geholfen habe, mit einem durch eine Vergewaltigung hervorgerufenen Trauma fertig zu werden. Öffentlich tritt Dikhtyar, die in den USA lebt, gegen sexuelle Gewalt auf; sie rechtfertigte die Krim-Annexion durch Russland und gab 2022 nach Beginn der Vollinvasion an, in Russland Geschäfte machen zu wollen.
Unzählige Male taucht in den Dokumenten Marija Drokowas Name auf. Bekanntheit erlangte sie 2009, nachdem sie Putin einen Kuss verpasst hatte; sie war damals Koordinatorin der Kreml-Jugendorganisation Naschi (Unsere). Jetzt witterte sie offenbar die Chance, sich gleich doppelt als Opfer zu stilisieren – als das Epsteins und des russischen Regimes.
Epstein habe ihr in den USA Sicherheit vor der Hetzkampagne russischer Propagandamedien gegen sie geboten, die sie als Verräterin betitelt hätten, nachdem sie mit ihrer Naschi-Vergangenheit gebrochen hatte. 2017, als Epstein längst als Sexualstraftäter bekannt war, unterbreitete sie ihm Vorschläge, wie dieser sein Image verbessern könnte; von ihr forderte er Nacktfotos. Naiv sei sie gewesen, habe aber keinen Fuß auf dessen Insel gesetzt, wo unzählige Frauen missbraucht worden waren. Nur mit der Wahrheit nimmt es die karrierebewusste Geschäftsfrau nicht so genau. Aber damit steht sie nicht allein da.