Kein sicherer Arbeitsplatz
Ein Sicherheitsgipfel sollte es richten. Die Deutsche Bahn hatte am Freitag vorvergangener Woche eingeladen, um über die Sicherheit ihrer Angestellten zu beraten. Anlass war der gewaltsame Tod des Zugbegleiters Serkan C. in Rheinland-Pfalz. Danach sah die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Evelyn Palla, dringenden Handlungsbedarf, allerdings nicht nur im Bahnverkehr: »Wir sprechen hier von einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen.«
Dieses freilich kann auch der Gipfel in Berlin, zu dem außer Gewerkschaftern auch Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) kam, nicht aus der Welt schaffen. Zumindest für das Zugpersonal sollen ad hoc die Bereitstellung von freiwillig zu nutzenden Bodycams und die Neueinstellung von 200 zusätzlichen Sicherheitskräften etwas Linderung bringen; zudem soll es zukünftig im Regionalverkehr künftig im Ermessen des Personals liegen, ob bei der Fahrscheinkontrolle auch der Ausweis kontrolliert wird.
Seit Jahren werden Angriffe auf im öffentlichen Raum Beschäftigte häufiger. Verdi bemängelte jüngst erst die gestiegene Zahl der Übergriffe auf Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung (BSR). »Fast die Hälfte der Beschäftigten auf den Recyclinghöfen war im vergangenen Jahr Bedrohungen ausgesetzt, ein Viertel sogar körperlichen Angriffen«, schrieb die Gewerkschaft in einer Pressemitteilung.
Verdi fordert vom Berliner Senat und vom Vorstand der BSR verlässliche Schutzkonzepte, ausreichend Personal, Schulungen zum Umgang mit Konfliktsituationen sowie niedrigschwellige und dauerhafte Angebote zur psychologischen Unterstützung der Beschäftigten.
Stephanie Otto, die Vorstandsvorsitzende der BSR, bestätigte das dem RBB. Sie sprach außerdem von einer Zunahme sexueller Beleidigungen und davon, dass Mitarbeitern mitunter sogar aufgelauert worden sei, so dass diese nur unter Polizeischutz hätten nach Hause gehen können. Es gebe Orte, zu denen Mitarbeitende der Straßenreinigung nicht mehr alleine geschickt würden. Verdi fordert deshalb vom Berliner Senat und vom Vorstand der BSR verlässliche Schutzkonzepte, ausreichend Personal, Schulungen zum Umgang mit Konfliktsituationen sowie niedrigschwellige und dauerhafte Angebote zur psychologischen Unterstützung der Beschäftigten.
Von ähnlichen Problemen berichtete die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Sie hatte eine Studie beim Deutschen Krankenhausinstitut (DKI) in Auftrag gegeben. Darin gaben rund zwei Drittel der Krankenhäuser an, dass Übergriffe auf das Personal deutlich häufiger geworden seien. Als Hauptgrund für die Gewalt gaben die Häuser einen »allgemeinen Respektverlust« an (71 Prozent), gefolgt von langen Wartezeiten in der Notaufnahme (41 Prozent).
Hauptleidtragende der Übergriffe waren demnach Frauen. »Wenn Pflegekräfte angegriffen werden, trifft es vor allem Frauen, denn der Pflegeberuf ist noch immer hauptsächlich weiblich besetzt«, so die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der DKG, Henriette Neumeyer, in einer Pressemitteilung. In 51 Prozent der Fälle trifft die Gewalt der Studie zufolge Pflegekräfte, in 21 Prozent sind es Ärzte. Auffällig ist, dass nur 43 Prozent der Krankenhäuser angaben, die Übergriffe zur Anzeige gebracht zu haben. »Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Krankenhäuser nehmen Übergriffe mittlerweile als Teil ihrer Arbeit wahr«, schrieb Neumeyer weiter.
Aggressivität in allen Bereichen zugenommen
Die Lösung des Problems sehen einige in härteren Gesetzen oder technischer Aufrüstung der Angestellten. Nach dem tödlichen Angriff auf Serkan C. brachte beispielsweise der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr eine Ausstattung des Zugpersonals mit Tasern ins Spiel. »Darüber muss man auch nachdenken«, sagte er in der RTL-Sendung »Frühstart«.
Doch die Ursachen der zunehmenden Gewalt bleiben bei diesen Antworten im Dunkeln. »Wir sehen seit der Coronapandemie einen signifikanten Anstieg an Übergriffen. Diese Zeit hat scheinbar zu einem großen Vertrauensverlust gegenüber ›allem Staatlichen‹ geführt«, meint Stefan Mousiol von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) im Gespräch mit der Jungle World. Die Aggressivität der Menschen habe in allen Bereichen zugenommen. Bei der Bahn sieht er ein zusätzliches Problem in der gestiegenen Unpünktlichkeit, die die Fahrgäste erzürne.
Mehr technische Ausrüstung des Personals aber sieht Mousiol kritisch. »Wir befürworten zwar den freiwilligen Einsatz von Bodycams, um Angriffe zu dokumentieren und abzuwehren«, das löse aber das Problem nicht. »Und der oft vorgeschlagene Einsatz von Pfefferspray in Innenräumen ist unmöglich«, betont Mousiol. Man sei zudem schlicht und ergreifend keine Polizei. Er benennt zudem Versäumnisse der Deutschen Bahn. Wegen immer neuer Einsparungen am Personal gebe es in einigen Zügen nur noch einen einzigen Zugbegleiter. »Hier fordern wir eine konsequente Doppelbesetzung in den Zügen.« So könne man besser auf Übergriffe reagieren und die Hemmschwelle dafür erhöhen.
Krankentransport als günstiges Taxi?
Der Pfleger Tom Paßkönig schließt sich Mousiols Einschätzung an. »Seit Corona gibt es immer mehr Übergriffe auf Menschen, die in ihrem Beruf eine Dienstkleidung tragen«, erzählt Paßkönig, der eine Station am Vivantes-Klinikum »Am Urban« in Berlin-Kreuzberg leitet, der Jungle World. In vielen Bereichen hat sich seiner Beobachtung nach die Stimmung in den vergangenen Jahren signifikant verändert. Einige Feiernde aus den angrenzenden Partybezirken nutzten den Krankentransport als eine Art günstiges Taxi. Alkohol und der Konsum synthetischer Drogen trügen zum ohnehin schon hohen Aggressionspotential bei.
Darüber hinaus berichtet Paßkönig von kulturellen Verständigungsproblemen. Gerade Männer aus dem türkischen oder arabischen Raum hätten mitunter kein Verständnis dafür, dass sie in der Notaufnahme lange warten müssen. Da bestehe die Erwartung, die Notaufnahme sei eine jederzeit nutzbare medizinische Einrichtung. »Aber natürlich wird in der Notaufnahme triagiert, mit einer leichten Verletzung muss man dann eben warten.«
Angriffe auf Pflegekräfte
Immer wieder erlebt Paßkönig brachiale Angriffe auf Pflegekräfte. In der Notaufnahme sind deshalb rund um die Uhr zwei Sicherheitskräfte im Dienst. Dass Pflegekräfte angegriffen werden, obwohl sie eigentlich helfen wollen, lasse die Kollegen oft ratlos zurück, so Paßkönig.
»Die betroffenen Beschäftigtengruppen sind unmittelbar das Gesicht der öffentlichen Daseinsvorsorge«, sagt Kalle Kunkel von der Gewerkschaft Verdi Berlin-Brandenburg der Jungle World. »Sie stehen an Schaltern, auf Bahnsteigen oder in Krankenhäusern oder auf der Straße. Das heißt, sie bekommen nicht nur persönliche Aggression ab, sondern auch den Ärger über eine wahrgenommene oder tatsächliche Dysfunktionalität von Staat und Infrastruktur – also über Verspätungen, Personalmangel, volle Notaufnahmen oder vermüllte Straßen.« Diese strukturellen Probleme würden dann auf einzelne Beschäftigte projiziert, obwohl die nicht dafür verantwortlich sind. »Viele Bereiche sind seit Jahren chronisch unterbesetzt«, ergänzt Kunkel. Dadurch wachse bei einigen die Frustration und die Hemmschwelle für respektloses oder gewalttätiges Verhalten sinke.
»Um Konflikte abzubauen, brauchen wir eine Politik, die Zukunftsängste reduziert und konkret mehr Investitionen in eine funktionierende Daseinsvorsorge.« Kalle Kunkel, Verdi
Das Krankenhaus, in dem Tom Paßkönig arbeitet, versucht bereits, darauf zu reagieren. Viermal im Jahr können die Angestellten mehrtägige Deeskalationstrainings besuchen. Darüber hinaus finden monatliche Kurzschulungen zur Deeskalation oder Gesprächsführung statt. »Die Kollegen werden für diese Trainings freigestellt. Die Akzeptanz der Fortbildungen ist sehr groß«, berichtet Paßkönig, der solche Fortbildungen selbst leitet. Viele Kollegen fühlten sich seither sicherer und so manche Eskalation habe vermieden werden können. Eingebettet ist das Konzept aber auch in eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei.
Das Problem bleibt jedenfalls bestehen. Kalle Kunkel sieht zwar einen gewissen Nutzen in der Aufstockung des Sicherheitspersonals und technischen Lösungen wie Bodycams. »Um solche Konflikte abzubauen, brauchen wir aber generell eine Politik, die Zukunftsängste reduziert, und konkret mehr Investitionen in eine funktionierende Daseinsvorsorge.«