Wunderkind mit Gleichgewichtsstörung
Wer will von einem Mann Anfang 20, dessen Vorbild Christian Kracht ist, literarisch aufbereitete Vergewaltigungen lesen? Die Frage ist freilich polemisch gestellt, eine Antwort müsste sich verbieten. Und doch sollten sich das deutschsprachige Feuilleton und Literatur-Influencer angesprochen fühlen, denn »Lázár« von Nelio Biedermann ist 2025 immerhin zum »Lieblingsbuch der Unabhängigen« gewählt worden, selbst die Filmrechte wurden schon verkauft.
In seinem in kürzester Zeit zum Bestseller avancierten Roman erzählt Biedermann die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie – beginnend im 19. Jahrhundert im Waldschloss der Familie und endend mit der Flucht der enteigneten Aristokraten Mitte des 20. Jahrhunderts nach Zürich. Zuweilen an eine gelungene Mischung aus Michail Bulgakow und Sándor Márai erinnernd, zeugt der Roman eindeutig vom literarischen Talent des Autors. Allerdings offenbaren sich umso mehr literarische Schwachstellen, je weiter die Geschichte voranschreitet, und es drängt sich beim Lesen die Frage auf, weshalb gerade dieser Roman in Deutschland derart gefeiert wird.
Mit der Geburt von Lajos von Lázár, der als »das durchsichtige Kind mit dem wasserblauen Augen« vorgestellt wird, beginnt die fast surrealistische Erzählung der Familiensaga in einem ungarischen Schloss, das an einem düsteren, manche Familienmitglieder in den Wahnsinn treibenden Wald liegt. Das Magische der Erzählung weicht jedoch bald nüchternem Realismus, wenn Lajos’ Mutter sich in eine Affäre mit dem Knecht des Anwesens stürzt.
»Es ist, als wäre ein Trio aus Takis Würger, Roland Schimmelpfennig und Florian Illies nachts bei Nelio Biedermann eingebrochen und hätte an seinem Manuskript herumgepfuscht.« Alexander Solloch
Stürze und ungehemmte Sexualität sind überhaupt zwei Motive, die sich durch den Roman ziehen. Erstere sorgen für Tote (mal springt jemand in suizidaler Absicht in den See, mal stürzt jemand alkoholisiert die Treppe herunter, mal fällt jemandem »das hämmernde Herz aus dem Brustkorb«), Letztere führt zu Affären, Vergewaltigungen und unehelichen Kindern. Lajos und seine Schwester wachsen heran, die Eltern sterben, sie selbst finden Ehepartner und führen die Familienlinie fort – währenddessen geht das 19. Jahrhundert zu Ende und das 20. beginnt.
Die Moderne samt ihrer Weltkriege bricht in den Roman ein, der – so verspricht es der Klappentext – »voller Träume und Geheimnisse« sei, »in denen sich die ganze Tragik und Schönheit der Existenz spiegelt«. Eine eigenwillige Zusammenfassung angesichts der Tatsache, dass all die Gewalt, die der Roman durchexerziert, auf einer Länge von gerade einmal 330 Seiten zwangsläufig nur kurz und damit zu platt dargestellt werden kann.
Da wird der junge Lajos von einem Mitschüler mit einer Kerze vergewaltigt, aber nur – so zumindest wirkt es – damit der später aufgesuchte Psychoanalytiker, den er eigentlich wegen einer Affäre mit seinem Hausmädchen konsultiert, ihn von dieser Erfahrung heilen kann: »Indem er darüber sprach, trug er es aus sich selbst heraus, trug es ans Licht, wo es zu einem Gegenstand wie die Kerze im Garten wurde, nur dass es das Gleichgewicht nicht störte, sondern wiederherstellte.«
Vergewaltigungen, Holocaust und Zwangsarbeit
Der dringende Wunsch nach Wiederherstellung eines Gleichgewichts, das die Vergewaltigungen, dem Holocaust und der Zwangsarbeit, zu der die adelige Familie nach Kriegsende verdonnert wird, immer wieder zerstören, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Wenn Lajos zunächst Hitler huldigt, sich dann jedoch eingesteht – der Psychoanalyse sei Dank! –, dass er sich vor ihm fürchte, »wie er sich vor seinem Vater gefürchtet hatte«, ist die Integrität der Hauptfigur im Nu wieder hergestellt; wenn er sich dann doch »um Organisatorisches« kümmert, weil die jüdische Bevölkerung Ungarns ab 1944 deportiert wird, die Juden also »erfasst, gekennzeichnet, entrechtet, enteignet und ghettoisiert« werden müssen, gibt es ja noch seine Schwester Ilona, die einen Juden heiratet und deswegen selbst vor den Nationalsozialisten fliehen muss.
Mag sein, dass der Bruder »so euphorisch wie alle den rechten Arm zum Gruß gestreckt hatte«, aber dafür erduldet die fliehende Schwester entwürdigende Leibesvisitationen durch die Gestapo. Man bekommt den Eindruck, dass hier die Welt erzählerisch wieder ins Gleichgewicht gebracht wird, indem die Taten des einen durch das Schicksal der anderen gesühnt werden.
Zu diesem Zeitpunkt hat der Roman, der fulminant und sprachlich gekonnt begann, längst an Kraft verloren. »Zu viel Schlaumeierei«, findet Alexander Solloch in einer Besprechung beim NDR. Treffend reflektiert er die Lektüre und schreibt: »Da ist etwas sehr Seltsames an diesem Roman. Irgendetwas stimmt da nicht! Es ist, als wäre ein Trio aus Takis Würger, Roland Schimmelpfennig und Florian Illies nachts bei Nelio Biedermann eingebrochen und hätte an seinem Manuskript herumgepfuscht.«
In gewisser Art die eigene Familiengeschichte erzählt?
Vielleicht liegt das Seltsame auch darin begründet, dass Biedermann in gewisser Art seine eigene Familiengeschichte zu erzählen scheint. Zumindest gehört es zum Mythos um den jungen Autor, bei dem sich die Stuttgarter Zeitung bereits fragt, ob er der neue Thomas Mann sei, dass die Geschichte der Lázárs an die von Biedermanns eigenen Ahnen angelehnt ist: Die Familie väterlicherseits entstammt einem ungarischen Adelsgeschlecht und floh in den fünfziger Jahren in die Schweiz.
Vielleicht sind alle Figuren deswegen so wahnsinnig reflektiert dargestellt, weil es eben schwerfällt, schlecht über die eigene Sippe zu schreiben – das mag auch dazu geführt haben, dass moralisch fragwürdige Handlungen der Figuren allzu schnell ausgeglichen werden. Zwischen den Zeilen scheint der kindliche Wunsch auf, in einer komplexen Welt Orientierung und Halt zu finden – durchaus ein gegenwärtiges Bedürfnis, das hier befriedigt wird. Rührt es daher, dass in Deutschland der Literaturbetrieb und das Lesepublikum so begeistert reagieren, wenn ein Adelssprössling über das 20. Jahrhundert und seine Abgründe schreibt, und ihn als literarisches Ausnahmetalent oder gar »Wunderkind« handeln?
Der junge, charismatische, genialische Autor als Verkaufsargument
In Zeiten, in denen der Roman gleichermaßen seinen Status als Kultur- und Unterhaltungsgut gegen zig andere Medien verteidigen muss, kommen Verlage wohl nicht umhin, ihre Produkte aufsehenerregend zu vermarkten. Der Literaturwissenschaftler Steffen Martus weist in seinem gerade erschienen – so umfassenden wie kurzweiligen – Buch »Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute« allerdings auf die Kehrseite des Populären hin, das enge Beziehungen zum Konsum unterhalte, »der traditionell unter dem Verdacht steht, der ökonomischen Manipulation Tür und Tor zu öffnen«.
Dass ein Roman der Öffentlichkeit unter ökonomischen Gesichtspunkten vorgestellt wird, sollte kaum überraschen, aber auch nicht lapidar beiseite geschoben werden, wenn einmal mehr der junge, charismatische, genialische Autor das Verkaufsargument ist und nicht so sehr der Roman selbst. Das »Junge, Frische, Unverbrauchte« ist zum Paradigma der Literaturvermarktung geworden, meint Martus, und verändere die »Aufmerksamkeitsökonomie«: Aufmerksamkeit erfährt der Produzent (Autor), nicht das Produkt (Roman).
Wenn Biedermanns Roman in der neutral-weißen Schweiz endet, bietet das nicht nur den Figuren eine Gelegenheit zum Neuanfang, sondern auch den Leserinnen und Lesern Entlastung vom Gelesenen.
Wenn der Roman schließlich in der neutral-weißen Schweiz endet, bietet das nicht nur Biedermanns Figuren eine Gelegenheit zum Neuanfang, sondern auch den Leserinnen und Lesern Entlastung vom Gelesenen. Denn zuvor wurde noch schnell eine letzte Vergewaltigung inszeniert, nämlich die von Lajos’ Tochter Eva durch einen Mann namens Ákos, in den sie heimlich verliebt ist.
Doch zu alltäglich und dabei zu gewollt schiebt sich dieses Ereignis in den Roman, ohne dass die Banalität der Szenerie als Stilmittel funktionieren würde: An einem Tag liest sie Bücher von Virginia Woolf und Simone de Beauvoir »auf einer sonnenbeschienen Parkbank«, am anderen Tag liegt sie »unter Ákos und konnte ihren Körper nicht verlassen«. So muss sie erkennen, »dass all die feministischen Bestrebungen auch nichts brachten, wenn Männer doch stärker waren als Frauen und diesen, wenn ihnen danach war, so etwas antun konnten«.
Die Banalität der Erzählweise stellt hier wie an so vielen anderen Stellen im Roman das Unsagbare der Wirklichkeit in den Schatten. Im Licht stehen dann die Leserinnen und Leser selbst, die sich nicht so sehr damit auseinandersetzen müssen, was sie lesen – dafür rauscht die Erzählung zu schnell weiter, bietet zu wenig Reibung –, sondern sich damit schmücken können, dass sie lesen – nämlich den Roman eines vermeintlichen Wunderkinds, der von den Schrecken des 20. Jahrhunderts handelt. Um von der Tragik und Schönheit der Existenz zu erzählen, braucht es allerdings mehr als eine bloße Aneinanderreihung von historischen Katastrophen und Besuchen beim Psychiater.
Nelio Biedermann: Lázár. Rowohlt Berlin, Berlin 2025, 336 Seiten, 24 Euro