Pingpong der Gegenwart
René Pollesch fehlt. Ganz besonders dem Schauspieler Fabian Hinrichs, mit dem Pollesch seine letzte Inszenierung »Ja nichts ist okay« in der Volksbühne realisierte. Hinrichs setzt diese Arbeit mit seinem Stück »Irgendwas ist passiert« nun fort und lässt sich dabei spürbar von den Ideen seines damaligen Mentors beeinflussen. Hinrichs Ehefrau Anne fungierte als Co-Regisseurin.
In dem Stück über ein Paar, das sich in seinem Manufactum-Haus emotional komplett verrannt hat, steht er in einer Doppelrolle aber ganz allein auf der Bühne. Das Bühnenbild von Nina von Mechow ist phantastisch und Hinrichs als Paul und als Claudia ist einfach mitreißend.
Hartmut Rosas »Situation & Konstellation«
»Situation & Konstellation« heißt das neue Bändchen des Soziologen Hartmut Rosa. Darin attestiert er unserer Gegenwart einen Mangel an Spielräumen. Beim Arzt, in der Bahn, in der Schule, am Skilift und auf dem Mofa, überall seien die Handlungen der Subjekte vorgegeben, so dass wir »von Handelnden zu Vollziehenden (gemacht) werden«.
Rosa geht auch dem Gedanken nach, ob nicht die neue Rechte den Wähler:innen das Gefühl vorgaukelt, einen gewissen Handlungs- und Gestaltungsspielraum zurückgewinnen zu können. Und sei es, indem sie sich einfach dummdreist über jede Regel und Ordnung hinwegsetzt.
Schuhverkäufer Marty schwängert seine Freundin, verlässt sie, taucht wieder auf und benutzt sie zum Geldeintreiben, verführt eine – mit einem ihm ebenbürtigen Ekelpaket verheiratete – Filmdiva, ebenfalls um Geld für seine sportlichen Ambitionen zu generieren.
Was uns zu dem Film bringt, über den gerade jeder spricht: »Marty Supreme«, die Geschichte eines unfassbar selbstsüchtigen Tischtennisspielers, die viele zu begeistern scheint. Nach nichtrepräsentativen Umfragen besonders Männer.
Es geht ins New York City der fünfziger Jahre. Schuhverkäufer Marty hat nur ein Ziel im Leben: Die Tischtennis-Weltmeisterschaften zu gewinnen. Frauen müssen sich seinem ehrgeizigen Ziel unterordnen. Er schwängert seine Freundin, verlässt sie, taucht wieder auf und benutzt sie zum Geldeintreiben, verführt eine – mit einem ihm ebenbürtigen Ekelpaket verheiratete – Filmdiva, ebenfalls um Geld für seine sportlichen Ambitionen zu generieren.
Achtziger-Jahre-New-Wave-Score
Amoralische Exzesse bekommt man gerade täglich im Überfluss im wirklichen politischen Leben geboten – und auch wenn Marty in der Schlussszene urplötzlich so etwas wie Gefühle zeigt, ist es durchaus möglich, dass der lose vom Leben des US-amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman inspirierte Film mit Achtziger-Jahre-New-Wave-Score einen kalt lässt – trotz toller Kameraarbeit, liebevoller Fünfziger-Jahre-Ästhetik und einem völlig in seiner Rolle aufgehenden Timothée Chalamet. Zu viel Netzkante nach unserem Geschmack!