Filme gab es auch noch
Auf eine wilde Party folgen Kater und Großreinemachen. Doch was in der Woche nach der Berlinale geschah, hatte weniger mit Aufräumarbeiten als mit kollektivem Totalversagen zu tun. Statt notwendige Debatten über Kunstfreiheit und ihre Grenzen zu führen, diskreditierten sich die meisten Beteiligten eher selbst.
An chronologisch erster Stelle zu nennen ist die Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle, die über die Drohungen des palästinensisch-syrischen Regisseurs Abdallah al-Khatib (»Wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war«) nicht nur während der Preisverleihung für dessen Film »Chronicles from the Siege« schwieg, sondern anderthalb Wochen verstreichen ließ, bis sie die »Wut« und die »explizite politische Überzeugung« al-Khatibs milde kritisierte. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, al-Khatibs Missbrauch der Berlinale für seinen antiisraelischen Aktivismus in aller Klarheit zurückzuweisen.
Mehrere israelische Regisseure fanden sehr wertschätzende Worte für Tricia Tuttle, als sie vergangene Woche zum Gegenstand eines Shitstorms wurde.
Tuttle hätte auch als Fehler eingestehen können, dass sie bei der Premiere von »Chronicles from the Siege« für jenes berüchtigte Foto posierte, das sie inmitten der Filmcrew mit ihren Kufiyas und Palästina-Flaggen zeigt. Solche Gruppenfotos mit der Intendantin entstehen während des Festivals zwar hundertfach und sind kein Bekenntnis zu irgendetwas, aber angesichts des aktivistischen Charakters der Inszenierung hätte sich Tuttle verweigern müssen. Bedauerlich ist dies gerade deshalb, weil sie nach Ansicht nahezu der gesamten Filmbranche und auch früherer Kritiker:innen gute kuratorische Arbeit unter schwierigen Bedingungen geleistet hat.
Dem Bekenntniszwang von Israelhassern wie Tilda Swinton und anderen hatte sie während der Berlinale tapfer widerstanden. Mehrere israelische Regisseure fanden sehr wertschätzende Worte für sie, als sie vergangene Woche zum Gegenstand eines Shitstorms wurde. Einer von ihnen war Tom Shoval, der auf Einladung Tuttles seinen Dokumentarfilm über den von der Hamas verschleppten David Cunio bei der Berlinale gezeigt hatte.
Die Kampagne gegen die Berlinale-Chefin losgetreten hatte die Bild-Zeitung, die Mittwoch vergangener Woche im Stile eines Nachrichtenbeitrags meldete, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, der parteilose Konservative Wolfram Weimer, habe die Intendantin entlassen. Fast gleichzeitig berichtete der Tagesspiegel, dass in Wirklichkeit Tuttle gehen wolle und Weimer versuche, sie zu halten. Doch der Bild-Spin hatte sich da schon verselbständigt. Zahlreiche Medien einschließlich der Taz übernahmen die Darstellung von Bild und empörten sich über Weimers angebliche politische Einflussnahme oder begrüßten sie. Hetzportale wie Nius, rechte Medien wie Cicero und das AfD-Lager jubilierten, dass der ihnen seit jeher verhasste »Sumpf« der Berlinale nun endlich »ausgetrocknet« werde.
Getriebener der Bild-Zeitung
Verheerend war einmal mehr auch die Performance Weimers, der angesichts der bedeutenden Zuschüsse des Bundes ein gewichtiges Wort bei der Berlinale mitzureden hat. Obwohl er Tuttle nach al-Khatibs Rede zunächst gelobt hatte, verfiel er während der anschließenden medialen Kampagne gegen sie in Schweigen und ließ den Eindruck zu, ein Getriebener der Bild-Zeitung zu sein.
Ob er die Ablösung von Tuttle tatsächlich forciert hat und damit im zuständigen Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes scheiterte, ist unklar. Erst viel zu spät am Sonntag meldete er sich mit einem Interview in der Rheinischen Post zu Wort, in dem er »Tricia« seinen »Respekt« aussprach und ihre Integrität lobte.
Wenig überzeugend traten auch Teile der Israelsolidarität auf. Auf der Website Mena-Watch beispielsweise hieß es faktenwidrig, bei der Berlinale werde »Terror gegen Juden auf offener Bühne zur preiswürdigen Kunst verklärt«. Dass »Chronicles from the Siege« den – übrigens nicht von der Hauptjury, sondern einer eigenen Jury verliehenen – Preis für das beste Spielfilmdebüt verdient, ist zu bezweifeln. Aber nur weil der Film und und seine Macher auf die unbestreitbaren Gräuel des Kriegs in Gaza anspielen, haben sie noch nicht zum Terror aufgerufen, und schon gar nicht hat dies jemand aus dem Berlinale-Team getan.
Autoritäre und ressentimentgeladene Cancel-Politik
Weitere Berlinale-Kritiker:innen nutzten die Gelegenheit und stellten das Festival als bloße Hetzveranstaltung der »Kulturlinken« gegen Israel dar, gegen die man hart durchgreifen müsse. Diese Einschätzung hat wenig mit der Realität zu tun. Beim diesjährigen Festival waren gerade mal zwei Filme mit Bezug zu Gaza zu sehen: »Chronicles from the Siege« sowie die Doku »Effondrement« über die Rückkehr einer israelischen Filmemacherin in ihren zerstörten Kibbuz.
Und auch die im Berliner Stadtbild sonst oft gesehene Kufiya war im vielköpfigen internationalen Publikum nahezu vollständig absent. Dass bei der Berlinale im großen Maßstab Israelhetze subventioniert wurde, davon kann keine Rede sein.
Autoritäre und sogar ressentimentgeladene Verbots- und Cancel-Politik ist in finsteren Zeiten offensichtlich ein verlockendes Angebot im Kampf gegen Antisemitismus. Doch an der mühseligen Arbeit der Aufklärung – und das beinhaltet offenen Streit mit der Israelhasserszene im Filmbetrieb – führt kein Weg vorbei.
Der ägyptisch-tunesisch-libysche Spielfilm »Safe Exit« thematisiert die Verheerungen, die Islamismus in arabischen Gesellschaften anrichtet, aber auch die aufkeimende, immer entschiedenere Gegenwehr – einer jener mutigen Filme, die außer auf der Berlinale fast nirgendwo im Kino zu sehen sind.
Wie Aufklärung über islamistischen Terror gelingen kann, demonstrierte bei der Berlinale beispielsweise der ägyptisch-tunesisch-libysche Spielfilm »Safe Exit«. Der Regisseur Mohammed Hammad erzählt darin auf kunstvolle Weise die Geschichte eines in Kairo lebenden jungen Mannes, dessen Vater in Libyen bei einem Massaker des »Islamischen Staats« ermordet wurde.
Der Film thematisiert die Verheerungen, die Islamismus in arabischen Gesellschaften anrichtet, aber auch die aufkeimende, immer entschiedenere Gegenwehr. »Safe Exit« ist einer jener mutigen Filme, die außer auf der Berlinale fast nirgendwo im Kino zu sehen sind. Ausgerechnet den Ort zu zerstören, an dem solche Filmkunst gezeigt wird, ist eine denkbar schlechte Idee.