12.03.2026
Hausbesetzer-Szene Athen

Solidarität im Zentrum

Mitten in Athen befindet sich das größte Hausbesetzerprojekt des Landes. Es gibt zahlreiche selbstverwaltete Einrichtungen wie eine Bäckerei, Kinderläden, Notunterkünfte für Frauen und ein Gesundheitsprojekt für Bedürftige. Doch polizeiliche Repressalien und ein staatlicher Sanierungsplan bedrohen sein Fortbestehen.

Es ist das größte sozialpolitische Projekt Griechenlands: die teilbesetzte Siedlung der Prosfygiká, der Flüchtlingshäuser in der Hauptverkehrsstraße Leofóros Alexándras im Zentrum Athens. Doch der besetzte Teil ist akut räumungsbedroht. Der ab März 2026 gültige Sanierungsplan der Region Attika benennt einem Artikel der linken Tageszeitung Efimerída ton Syntaktón zufolge »Aufwertung« und »Rückgabe an die Gesellschaft« als Zielvorgabe für 108 der insgesamt 228 Wohnungen der in den 1930er Jahren erbauten Wohnsiedlung. Es gibt ein öffentliches Ausschreibungs- beziehungsweise Vergabeverfahren. Zur »Aufwertung der Prosfygiká« will die Sanierungsgesellschaft Athen A.E., unter deren Verwaltung der Komplex steht, mehr als 15 Millionen Euro investieren.

Die »Gemeinschaft der besetzten Flüchtlingshäuser« hat entschiedenen Widerstand angekündigt, sie befürchtet, verdrängt zu werden. Sie fordert, dass das Geld direkt der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wird, damit diese die Sanierung selbstverwaltet übernehmen kann.

Im Rahmen der Spardiktate wurde die Siedlung samt des besetzten Teils 2014 der Taiped (Behörde zur Ver­äußerung öffentlichen Besitzes) überschrieben, was das Athener Stadtparlament einstimmig verurteilte.

»Seit mehr als zehn Jahren zeigt die Assembly of Squatted Prosfygiká, dass die Existenz einer selbstorganisierten Community im Zentrum einer europäischen Metropole möglich ist«, heißt es in einem internationalen Solidaritätsaufruf. Unterstützende Aktionen finden seit Anfang Februar in ganz Griechenland statt.

Die damals weiten Teilen leerstehende Siedlung wurde ab 2003 von Anarch­ist:innen, Geflüchteten, Migrant:in­nen, Arbeits- und Obdachlosen sukzessiv besetzt. Mit Unterstützung der legalen Bewohner:innen und Anwohner:innen aus dem Stadtteil Ampelókipoi, in dem sich die Siedlung befindet, machten die Besetzer:innen leerstehende Häuser und Wohnungen wieder bewohnbar. In der Zeit der von Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission zwischen 2010 und 2015 über Griechenland verhängten Spardiktate erwuchs daraus ein Projekt, um in Würde und gleichberechtigt zu wohnen und zu leben.

Errichtet wurde die Prosfygiká-Siedlung von 1933 bis 1936 im Bauhausstil, um nach der Kleinasiatischen Katastrophe (1921–1923) geflüchtete griechische Familien aus Kleinasien (vor allem von der heutigen türkischen Ägäisküste) unterzubringen. Die noch sichtbaren Einschusslöcher in den Gebäudefassaden zeugen von den Kämpfen der griechischen Widerstandsbewegung EAM/ELAS (Nationale Befreiungsfront/Volksbefreiungsarmee) gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg und den dramatischen Dezemberereignissen von 1944, als rechte Militäreinheiten und Kollaborateure der deutschen Nazis, mit Unterstützung der USA und Großbritanniens, die Kommunisten nach erbitterten Kämpfen aus Athen vertrieben – ein Vorspiel des griechischen Bürgerkriegs (1946–1949).

Während der Militärherrschaft von 1967 bis 1974 wurden erste Pläne öffentlich, die Häuser abzureißen um ein zentral gelegenes Gerichtsgebäude zu errichten. Der Plan wurde fallengelassen, doch seither hat fast jede Regierung neue Abrisspläne vorgelegt. Im Jahr 2000 kam es zu Zwangsenteignungen, unter staatlichem Druck zogen die meisten Bewohner:innen aus. Die Städtische Immobiliengesellschaft erwarb 137 der 228 Wohnungen und beschloss den Abriss von sechs der insgesamt acht Blöcke, die daraufhin erst einmal leerstanden.

In den folgenden Jahren verkam die Siedlung immer mehr. Ab 2003 zogen erste Besetzer:innen in leerstehende Wohnungen. Die 51 verbliebenen Wohn­ungs­inhaber:innen erkämpften, unterstützt von Anwohner:innen des Stadtteils und der Hochschule für Architektur, einen Beschluss des Staatsrats, die Siedlung als modernes Baudenkmal anzuerkennen. Im Rahmen der Spardiktate wurde die Siedlung 2014 der Taiped (Behörde zur Veräußerung öffentlichen Besitzes) überschrieben, was das Athener Stadtparlament einstimmig verurteilte.

Die Siedlung beherbergt ein Soziales Zentrum, einen Kindergarten, eine Bibliothek, eine Gemeinschaftsküche und Frauenräume mit Schlafplätzen für Frauen in Notsituationen.

Über die Jahre haben die Besetzer:in­nen in Prosfygiká ein vielfältiges selbstorganisiertes Wohn- und Gemeinschaftsprojekt aufgebaut. Das älteste der dortigen kollektiven Projekt ist die seit 2014 bestehende Bäckerei, die die Siedlung und die Nachbarschaft täglich mit frischem Brot und Gebäck versorgt. Die Siedlung beherbergt ein Soziales Zentrum, einen Kindergarten, eine Bibliothek, eine Gemeinschaftsküche und Frauenräume mit Schlafplätzen für Frauen in Notsituationen. Für schulpflichtige Kinder gibt es die Hausaufgabenhilfe und Griechischunterricht, einmal in der Woche finden Filmvorführungen statt.

Sehr wichtig ist das Gesundheitsprojekt, da die Gesundheitsversorgung in Griechenland stark privatisiert ist. Es berät, begleitet zu Arztterminen und übernimmt für Mitglieder der Gemeinschaft der besetzten Flüchtlingshäuser mit schweren Erkrankungen Anteile der Behandlungskosten. In Absprache mit Angestellten des benachbarten, auf Krebsbehandlung spezialisierten Krankenhauses Ágios Sávvas wurden zwei Wohnungen in Prosfygiká renoviert, in denen arme Patient:innen und pflegende Angehörige untergebracht werden können, wenn sie zur Behandlung nach Athen anreisen.

Seit Bestehen der Sozialprojekts gab es zahlreiche Angriffe staatlicher Repressionskräfte. Exemplarisch ist ein Polizeiüberfall von November 2022. Nachdem der Besetzer und Anarchist Kóstas Dimaléxis wegen eines Brandanschlags auf ein Immobilienbüro angeklagt worden war, wurden 79 Bewohn­er:in­nen und weitere Menschen auf einer Solidaritätsdemonstration für Dimaléxis von der Polizei angegriffen, wegen »Widerstands« verhaftet und später angeklagt.

Der Vorwurf gegen Dimaléxis stellte sich später als fabriziert heraus, er wurde vor einem Berufungsgericht in allen Anklagepunkten freigesprochen. Ein anderer Vorfall ereignete sich im Juni 2024. Polizeikräfte drangen in die besetzten Häuser ein, zerstörten Wohnungen und nahmen einen 19- sowie einen 20jährigen Bewohner fest, die bei der Razzia Widerstand leisteten. Die Nachbarschaft protestierte und versuchte, die Festnahmen zu verhindern, woraufhin öffentlich nach »weiteren 70 unbekannten Tätern« gefahndet wurde. Die Botschaft war klar: Die Bewohn­er:innen der Prosfygiká und alle, die Widerstand gegen die autoritär-neoliberale Regierungspolitik leisten, sind kriminell und werden entsprechend verfolgt. In den folgenden Tagen kam es zu Beschuss mit Tränengas- und Blendschockgranaten und zur polizeilichen Belagerung der Siedlung. Erst als Presseberichte die Verhaftung und psychische sowie physische Folterung eines 15jährigen bekannt machten, zogen die Polizeitruppen ab.

Wegen der derzeitigen zugespitzten Lage trat am 5. Februar 2026 ein Mitglied der Prosfygiká, Aristotélis Chantzís, in den unbefristeten Hungerstreik. In der dazu veröffentlichten Erklärung heißt es, weitere Bewohner:innen würden seinem Beispiel folgen, sollte der Staat der Forderung nach einer Aufhebung des Sanierungsvertrags nicht nachkommen.