Einheit braucht Vertrauen
In der Opposition zur Islamischen Republik Iran wird teilweise heftig über die Haltung zu Reza Pahlavi, dem ältesten Sohn des letzten Schahs, gestritten. Wie ist seine politische Rolle zu bewerten – oder ist das derzeit die falsche Frage? Yevgen Bruckmann und Moritz Y. Meier argumentierten, Kritik an Pahlavi bedeute keine Entsolidarisierung mit den Kämpfen gegen die Islamische Republik (»Jungle World« 9/2026). Andreas Benl schrieb, derzeit könne nur Reza Pahlavi eine gesamtiranische Opposition anführen, um das Regime zu stürzen (11/2026). Kazem Moussavi kritisierte, dass Pahlavis Anhänger Kritik an dessen autoritären Vorstellungen nicht zuließen (12/2026).
Die iranische Opposition ist weniger eine geschlossene Kraft als ein fragmentiertes Gefüge konkurrierender Lager. Einigkeit besteht nur in der Ablehnung des Regimes; über politische Ziele und Minderheitenrechte herrscht weiter Unklarheit.
Im Exil dominiert Reza Pahlavi als prominente Figur der Opposition die Öffentlichkeit, wobei dessen große mediale Präsenz häufig mit politischer Legitimation gleichgesetzt wird. Doch angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung im Iran unter Repression, Überwachung und Zensur lebt und sich weder frei äußern noch organisieren kann, sind alle Annahmen über Mehrheitsverhältnisse zugunsten Pahlavis oder dessen Rückhalt in der Bevölkerung spekulativ.
Reza Pahlavis Übergangsplan sieht eine starke Konzentration politischer Macht vor. Eine ausgeprägte Gewaltenteilung und politischer Wettbewerb fehlen weitgehend.
Problematisch ist deswegen auch, wenn behauptet wird, große Teile der Bevölkerung befürworteten den derzeitigen Krieg oder die äußere Intervention durch die USA und Israel. Solche Deutungen basieren nicht auf belastbaren Daten. Zurückhaltung mit solchen Behauptungen gebietet sich schon deshalb, weil es die iranische Zivilbevölkerung ist, die die Folgen des Kriegs trägt.
Noch gravierender ist die Verbreitung der Vorstellung, das »Blut« getöteter Demonstrierender legitimiere bestimmte politische Führungsansprüche. Diese Rhetorik ist nicht nur in der Sache unhaltbar, sondern politisch gefährlich: Sie instrumentalisiert die Opfer staatlicher Gewalt, verengt den Raum politischer Möglichkeiten und erzeugt moralischen Druck, der abweichende Positionen delegitimiert. In ihrer Logik erinnert sie an die staatliche Märtyrer-Propaganda während des Iran-Irak-Kriegs, in der der Tod von Menschen instrumentalisiert wurde, um das Regime zu rechtfertigen. An die Stelle offener Debatten und der Aushandlung unterschiedlicher Standpunkte tritt eine Form moralischer Vorentscheidung zugunsten Pahlavis und seiner Vorstellungen.
Der Iran ist eine pluralistische Gesellschaft mit unterschiedlichen Ethnien, Bevölkerungsgruppen, Religionen und historischen Erfahrungen. Forderungen und Ziele divergieren dementsprechend. Diese Vielfalt lässt sich nicht auf eine einheitliche politische Stimme, eine einzelne Flagge oder einen einzelnen Repräsentanten reduzieren.
Gerade dafür ist die Opposition um Reza Pahlavi regelrecht blind, die zudem übersieht, dass das Misstrauen ethnischer Minderheiten gegen Perser:innen historisch gewachsen ist. Während Teile der persischen Mehrheitsbevölkerung vor allem soziale Freiheiten und wirtschaftliche Stabilität anstreben, formulieren Organisationen ethnischer Minderheiten – insbesondere kurdische, aber auch belutschische – weitergehende Forderungen. Dazu zählen kulturelle und sprachliche Rechte, politische Teilhabe sowie Formen regionaler Autonomie innerhalb bestehender Staatsgrenzen. Sowohl unter der Monarchie als auch unter der Islamischen Republik wurden solche Forderungen als Bedrohung für die territoriale Integrität interpretiert und mit brutaler und langanhaltender Repression beantwortet. Der Vorwurf des »Separatismus« wurde bereits lange vor der Islamischen Revolution 1979 gegen solche Ansprüche erhoben und wirkt auch in großen Teilen der iranischen Opposition fort.
Bereits unter der Pahlavi-Dynastie waren Kurd:innen systematischer Diskriminierung und Assimilationspolitik ausgesetzt. Im Zuge der Islamischen Revolution gab es seitens der Demokratischen Partei des Iranischen Kurdistan (DPIK) und anderer kurdischer Organisationen eine Acht-Punkte-Erklärung (Frühjahr 1979), in der sie kurdische Autonomieforderungen formulierte und diese mit einem sozialrevolutionären Anspruch verband. Teile der iranischen Linken wie die Organisation Peykar, eine marxistische Abspaltung der Volksmujahedin, oder Teile der marxistischen Fedayin unterstützten diesen Plan. In den Jahren 1979 bis 1981 spielte die Peykar noch eine bedeutende Rolle. Im Unterschied zu anderen Teilen der iranischen Linken stellte sie sich von Anfang an gegen die Islamische Republik und lehnte jede Unterstützung für Ayatollah Khomeini und eine Koalition mit islamistischen Kräften ab. Peykar und die Komala-Partei des sogenannten »Iranischen Kurdistan« (Kurdisch: »Rohjilat«) kooperierten sogar gegen das neue iranische Regime. Die bis heute verbreitete Darstellung, »die Linke« habe geschlossen den Weg in die Theokratie geebnet, ist daher weniger historische Analyse als politische Behauptung. Zugleich bleibt richtig, dass Teile der Linken wie die an der Sowjetunion orientierte marxistisch-leninistische Tudeh-Partei die Dynamik der Revolution falsch einschätzten und die Islamisten bei ihrer Machtergreifung unterstützten.
Im August 1979 erklärte Ruhollah Khomeini per Fatwa den »heiligen Krieg« gegen Rohjilat, nachdem Kurd:innen sein Referendum zur Staatsform boykottiert hatten. Es folgten militärische Angriffe, Massenhinrichtungen und anhaltende politische Unterdrückung. Der iranischen Linken, die sich teilweise mit den kurdischen Forderungen solidarisiert hatte, gelang es nicht, effektive Hilfe gegen die staatliche Repression zu leisten.
Dies hängt auch mit der Instabilität ihrer Solidarität zusammen. Große Teile der iranischen Linken blieben trotz ihres antiimperialistischen Anspruchs in zentralistischen und nationalstaatlichen Denkmustern verhaftet. Mit der zunehmenden Repression nach 1979 und im Kontext des Iran-Irak-Kriegs wurden kurdische Autonomieforderungen auch von Linken allergrößtenteils als »separatistisch« abgewehrt. Die diesbezüglich standhaftere und solidarischere Organisation Peykar wurde bis etwa 1982 durch ein besonders brutales Vorgehen des Regimes zerschlagen und verlor damit ihren politischen Einfluss.
Die Erfahrungen von Kurd:innen und anderen Minderheiten werden im Pahlavi-Flügel der iranischen Opposition auch heute noch häufig ignoriert oder ausgeblendet, obwohl diese Bevölkerungsgruppen historisch einen besonders hohen Preis gezahlt haben. Diese Blindheit ist nicht folgenlos: Sie beeinflusst, welche politischen Forderungen als legitim gelten und welche als randständig oder gefährlich eingeordnet werden.
Eine demokratische Transformation im Iran setzt jedoch voraus, dass diese Differenzen politisch verhandelt werden. Ohne Vertrauensgrundlage kann keine Einheit entstehen. Diese wäre sonst lediglich Unterwerfung unter die Doktrin einer bestimmten Gruppe. Das zentrale Problem der sich als vornehmlich persisch verstehenden Teile der Opposition liegt in ihrem Umgang mit den unterschiedlichen Forderungen der pluralistischen Gesellschaft des Iran.
Durch die pauschalisierende Ablehnung von »Separatismus« werden politische Konflikte der demokratischen Aushandlung entzogen und drohen repressiv gedeckelt zu werden.
Auch Reza Pahlavi setzt sich tatsächlich kaum mit den Forderungen ethnischer Gruppen wie der Kurd:innen auseinander. Stattdessen lädt er ausgewählte Einzelpersonen als angebliche Repräsentanten ganzer Gruppen ein, sofern sie ihn als Führungsfigur anerkennen. Sein Entwurf für eine Übergangsregierung, in dem er sein politisches Programm für die Machtübernahme skizziert hat, betont häufig nationale Einheit und Zentralismus, ohne konkrete Antworten auf den Umgang mit ethnischer Vielfalt und Autonomieforderungen zu geben. Dass Pahlavi »Separatismus« so heftig ablehnt, ohne klar zu definieren, wo legitime Autonomie endet und ob bereits föderale Modelle, sprachliche Rechte oder regionale Selbstverwaltung darunterfallen, muss als politische Warnung verstanden werden.
Denn durch die pauschalisierende Ablehnung von »Separatismus« werden politische Konflikte der demokratischen Aushandlung entzogen und drohen repressiv gedeckelt zu werden. Zwar erwähnt das Übergangskonzept allgemeine Gleichheits- und Freiheitsversprechen für alle iranischen Staatsbürger:innen. Diese werden jedoch nicht konkretisiert, während andere Bereiche wie Amnestien für Beteiligte des jetzigen Regimes detaillierter geregelt sind. Eine Anerkennung der bereits vor der Islamischen Revolution bestehenden Entrechtung von Kurd:innen oder Belutsch:innen bleibt aus. Probleme, die beispielsweise die Sprachpolitik gegenüber dem Kurdischen betreffen oder die Tatsache, dass zahlreiche Belutsch:innen gar keine Staatsbürgerschaft haben, bleiben unerwähnt.
Ferner sieht Pahlavis Übergangsplan eine starke Konzentration politischer Macht vor. Eine ausgeprägte Gewaltenteilung und politischer Wettbewerb fehlen weitgehend. Selbst bei formaler Zustimmung einer Mehrheit der Bevölkerung wäre ein solches Modell problematisch, da Demokratie mehr ist als Mehrheitsentscheidungen. Sie muss vielmehr auch die Minderheit repräsentieren und integrieren.
Wegen Pahlavis medialer Überpräsenz finden Gegenentwürfe wie der eines Föderalismus nach dem Vorbild der Schweiz kaum eine Bühne und die Gelegenheit, ihre alternativen Vorstellungen für einen demokratischen Iran zu propagieren. In diesem Kontext gewinnt der in London gegründete Iran Freedom Congress an Bedeutung, der als Forum unterschiedliche politische, gesellschaftliche und ethnische Akteure vor wenigen Tagen zusammengebracht hat und damit einen Gegenentwurf zu personenzentrierten Oppositionsmodellen darstellt.