Gelebter Sozialdarwinismus
Nach jeder Wahl wird die AfD als neue Arbeiterpartei ausgerufen, so auch wieder nach den jüngsten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Nicht nur die bürgerliche Presse kommt immer wieder zu diesem Befund, sondern auch die AfD selbst. In Rheinland-Pfalz war im Endspurt des Wahlkampfs auf ihren Plakaten zu lesen: »Die AfD ist die neue Arbeiterpartei«, versehen mit dem Hinweis, bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg kurz zuvor hätten 37 Prozent der Arbeiter für die Partei gestimmt.
Es gibt inzwischen viele weitere Daten, die jene Einschätzung zu rechtfertigen scheinen, jedenfalls nach den statistischen Kriterien der jeweiligen Wahlforschungsinstitute. Solchen Berechnungen zufolge sammelte die AfD bei der Bundestagswahl im Februar 2025 stolze 38 Prozent der Arbeiterstimmen ein, bei den Landtagswahlen 2024 in Sachsen 40 Prozent und in Thüringen 41 Prozent. In Rheinland-Pfalz waren es am Ende 39 Prozent, die SPD musste sich mit 21 Prozent begnügen. Ein ähnliches Bild zeigt sich in anderen Ländern, etwa in Frankreich, wo der Rassemblement National 2024 in der ersten Runde der Parlamentswahl 57 Prozent der Arbeiterstimmen auf sich vereinen konnte, während das breite links-sozialdemokratische Parteienbündnis Neue Volksfront auf nur 21 Prozent kam. Nicht einmal die Gewerkschaften sind dagegen gefeit: Seit Jahren zeigt sich immer wieder, dass bei Wahlen ein höherer Anteil ihrer Mitglieder für die AfD stimmte als der Durchschnitt der Bevölkerung. In Rheinland-Pfalz waren es 23 Prozent, während die Partei insgesamt 19,5 Prozent der Stimmen erhielt.
Seit Jahren zeigte sich immer wieder, dass bei Wahlen ein höherer Anteil der Gewerkschaftsmitglieder für die AfD stimmte als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Solche Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Sie stammen aus Befragungen unmittelbar nach der Wahl, die Einstufung als Arbeiter basiert auf Selbsteinschätzung. Eine repräsentativen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) aus dem Jahr 2024 kam zu dem Ergebnis, dass sich mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen und ehemaligen Erwerbstätigen selbst der Arbeiter:innenklasse zuordnen. Gleichzeitig ordneten sich 81 Prozent der »Produktionsarbeitenden« sozial der Mittelschicht oder oberen Mittelschicht zu.
Das widerspricht dem Bild des Proletariats, das am Fließband malocht. Die Arbeiter:innenklasse sei diverser geworden und umfasse heute neben klassischen Produktionsarbeitern auch Angestellte in Dienstleistungsberufen, Kleingewerbetreibende und Soloselbständige, argumentieren die Autor:innen der Studie. Die Arbeiterklasse im klassischen Sinne – Menschen, die körperlich arbeiten, im Gegensatz zu Angestellten, die vorrangig Büroarbeit leisten – ist jedenfalls stark geschrumpft. 1960 galt die Hälfte der Erwerbstätigen in der Bundesrepublik als Arbeiter, 2023 waren es dem Statistischen Bundesamt zufolge noch etwas mehr zehn Prozent. Zum Vergleich: Der Anteil der Selbständigen liegt bei rund 8,5 Prozent.
Auch aus anderen Gründen können Nachwahlbefragungen ein verzerrtes Bild ergeben: Es fehlen dabei Arbeiter:innen und Gewerkschaftsmitglieder, die nicht wählen wollten oder dies gar nicht durften, weil sie keine deutschen Staatsbürger sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass gerade im ärmeren Teil der Bevölkerung die Wahlabstinenz hoch ist. Doch erhält die AfD gerade von ehemaligen Nichtwähler:innen viele Stimmen. Bei der Bundestagswahl 2025 lag sie in dieser Gruppe mit mehr als 1,8 Millionen auf dem ersten Platz, gefolgt von der Union mit 900.000 Stimmen.
Wie man es dreht und wendet, es bleibt dabei, dass viele Lohnabhängige rechte Parteien wählen. Dieser Befund erscheint vielleicht weniger rätselhaft, wenn man die Frage umdreht: Warum sollten sie auch linke Parteien wählen, womit in den Medien in der Regel die Sozialdemokratie gemeint ist? Gerade diese haben einen neoliberalen Kurs eingeschlagen, unter Tony Blair als New Labour und als Neue Mitte unter Gerhard Schröder.
Die Linke habe ihre proletarische Klientel im Stich gelesen und den Klassenkampf aufgegeben, weshalb diese zum Front national überlaufe – so argumentierte der französische Soziologe Didier Eribon in seinem Bestseller »Rückkehr nach Reims«, der 2016 auf Deutsch erschien. In der Bundesrepublik schuf die Koalition aus SPD und Grünen durch die sogenannten Hartz-Gesetze einen ausgedehnten Niedriglohnsektor. Seit 1998 ist die SPD abgesehen von einer vierjährigen Pause durchgehend an der Bundesregierung beteiligt gewesen. In dem Zeitraum stiegen die Mieten rapide, während immer weniger Sozialwohnungen gebaut wurden, die öffentliche Daseinsvorsorge wurde schlechter, die Armut hat zugenommen.
Allerdings verliert die SPD nicht nur Wähler:innen an die AfD. Bei der Bundestagswahl 2025 gab die Partei etwa 720.000 Wähler:innen an die AfD ab, rund 560.000 wechselten zur Linkspartei und 440.000 zum BSW. Fast die Hälfte der Verluste, mehr als 1,7 Millionen Stimmen, machten Wähler:innen aus, die nunmehr die Union bevorzugten.
Es bleibt allerdings das »AfD-Paradox«, wie Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), es nannte. Die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik der AfD sei rabiater als jene der FDP, stellte er 2023 fest. Die Partei ist gegen höhere Mindestlöhne, will das Bürgergeld kürzen und nichts für Mieter tun. Die »Hauptleidtragenden der AfD-Politik wären ihre eigenen Wähler«, urteilte Fratzscher deshalb.
Das Paradox dürfte damit zusammenhängen, dass Lohnabhängige nicht per se links sind, was immer das konkret bedeuten mag. Die FES-Studie kommt durchaus zu dem Schluss, dass Lohnabhängige ein Bewusstsein für ihre eigenen Interessen haben. Sie tendierten demnach zu gewerkschaftlichen Positionen, seien eher für höheren Mindestlohn, bessere Absicherung im Alter oder bezahlbare Mieten. Dafür spricht auch, dass die AfD-nahe Pseudogewerkschaft Zentrum bislang kaum Erfolg hat. Das zeigt sich einmal mehr bei den noch bis Ende Mai laufenden Betriebsratswahlen. Zwar waren die bisherigen Ergebnisse für Zentrum besser als in den Vorjahren, doch konnte sie lediglich in einzelnen Fabriken, etwa bei Mercedes und VW, mit wenigen Delegierten in Betriebsräte einziehen. Wenn es darum geht, ihre Interessen im Betrieb zu vertreten, vertraut die große Mehrheit der Beschäftigten weiterhin der IG Metall.
Außerhalb der Betriebe sieht es anders aus. Der FES-Studie zufolge haben die meisten Lohnabhängigen resigniert, sie seien demobilisiert, es fehle an »gelebter Solidarität«, sie hätten das Gefühl, keine politische Stimme mehr zu haben. Ein gehöriger Teil wählte schon immer konservativ. Und auch wer SPD oder die Linkspartei wählt, ist nicht frei von nationalen, antisemitischen oder rassistischen Haltungen. Die Mitte-Studie von 2023 ergab für die Bundesrepublik, dass 17 Prozent der Arbeiter und 13 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder rechtsextreme Einstellungen teilen. Die Neuauflage von 2024/2025 bestätigt dies für Menschen aus unteren Einkommensgruppen. Eribon attestierte seiner Familie, stramme KP-Wähler:innen bevor sie zum Front National wechselten, einen »primären, zwanghaften und eigentlich anlasslosen Rassismus«.
Die ständige Unsicherheit, die tägliche Unterwerfung und harte Arbeit kompensieren manche durch die Abwertung anderer, die vermeintlich nichts leisten und einem auf der Tasche liegen: früher die Langhaarigen und Gammler, heutzutage Bürgergeldempfänger oder Geflüchtete.
Aufgrund der hohen Wachstumsraten und des sich ausweitenden Massenkonsums konnten Arbeiter sich im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg die Hoffnung machen, unmittelbarer Not und Missachtung zu entrinnen und geachteter Bestandteil dieser Gesellschaft zu werden. Daraus erklärt sich die Selbsteinstufung als Arbeiter und Mittelschicht zugleich, welche die FES-Studie feststellte. Oder der Befund des Soziologen David Lockwood von 2009, die britische Arbeiterklasse strebe nach einer Existenz als Mittelklasse und vertrete deren Werte.
Doch im Kapitalismus sind Lohnabhängige darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft ständig an jemanden zu verkaufen, der damit seinen Reichtum zu vermehren strebt. Ihre Existenz ist gefährdet, wenn Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Die ständige Unsicherheit, die tägliche Unterwerfung und harte Arbeit kompensieren manche durch die Abwertung anderer, die vermeintlich nichts leisten und einem auf der Tasche liegen: früher die Langhaarigen und Gammler, heutzutage Bürgergeldempfänger oder Geflüchtete.
Viele sind nicht nur stolz auf die eigene Arbeit und Leistung, sondern identifizieren sich mit der deutschen Wirtschaft insgesamt, wie die Autoritarismus-Studie aus dem Jahr 2024 zeigte. Ihnen scheint eine nationalistische Haltung rational: Weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben, sorgen sie sich um die »Wettbewerbsfähigkeit« ihres Standorts. So ist man oft bereit, der neoliberalen Rhetorik Glauben zu schenken, der zufolge Sozialabbau und Niedriglohnsektor notwendig sind, um wirtschaftlich zu überleben. Dass Firmen auch in guten Zeiten möglichst viele Arbeitsplätze wegrationalisieren und man sich jede Lohnerhöhung erkämpfen muss, gerät dabei leicht in Vergessenheit.
Der Kapitalismus setzt alle in Konkurrenz zueinander, er ist gelebter Sozialdarwinismus. Einwanderer erhöhen das Angebot an Arbeitskräften und die Nachfrage nach Wohnraum. Die AfD braucht dann nur noch Ressentiments bewirtschaften und dem politischen Gegner unterstellen, die deutsche Wirtschaft zu ruinieren, insbesondere die Grünen mit ihrer Energiewende und Elektroautos. »Wir bringen unsere Wirtschaft wieder nach vorne«, oder: »Bauauflagen senken, Handwerk stärken«, lauteten die AfD-Sprüche im Wahlkampf in Rheinland-Pfalz. Auf der Homepage des AfD-Bundesverbands prangt ein Banner mit behelmtem Arbeiter und der Parole »Zeit für unseren Aufschwung«.