09.04.2026
Vertriebenenmuseum Berlin

Vorwärts in die Vergangenheit

Dass der Bund der Vertriebenen seinen Wunschkandidaten nun doch nicht bekam, ist kein Grund zur Entwarnung. Die jüngste Auseinandersetzung um das Berliner Vertriebenen-Museum war ein Teilsieg für die revisionistischen Kräfte in der Union.

Das Zentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung hat einen neuen Direktor. Roland Borchers übernimmt die Leitung des Berliner ­Museums, so entschied es der Stiftungsrat Ende März. Damit wurde die Historikerin Gundula Bavendamm, die das Zentrum seit 2016 geleitet hatte, gegen ihren Willen – und den des wissenschaftlichen Beirats des Zentrums – abgesetzt. Im November hatte der Stiftungsrat entschieden, Bavendamms Vertrag nicht zu verlängern.

Verantwortlich dafür waren der Bund der Vertriebenen (BdV), der im Rat ein Drittel der Stimmen hält, und seine Sympathisanten in CDU und CSU. Dem BdV war Bavendamm schon länger ein Dorn im Auge. Sie übernahm die Leitung des Zentrums 2016 nach jahrelangen Kontroversen über die Ausrichtung der Dauerausstellung und führte es zur Eröffnung 2021. Sie sorgte dafür, dass im Museum die Geschichte der Flucht und Vertreibung Deutscher in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges erzählt wird, aber im Kontext des gesamten Kriegs, inklusive des Holocausts und der deutschen Verbrechen in Osteuropa. Ein weiterer Teil behandelt zudem Flucht und Zwangsmigration aus einer europäischen Per­spektive und stellt Bezüge zu heutigen Fluchterfahrungen her, etwa von Syrer:innen.

Das Zentrum ist bei weitem kein progressiver Erinnerungsort, seine Einrichtung war von Anfang an von geschichtsrevisionistischen Debatten begleitet

Das alles gefiel dem Bund der Vertriebenen und seinen Verbündeten in der Union überhaupt nicht. Bereits 2024 kritisierte der ­damalige BdV-Vorsitzende Bernd Fabritius (CSU) die Dauerausstellung in einem Brief an Bavendamm unter anderem wegen fehlender Empathie – für Deutsche. Fabritius forderte eine Überarbeitung, die wohl durch die Absetzung Bavendamms in die Wege geleitet werden sollte. Seit dem Amtsantritt der Koalitionsregierung aus Union und SPD, ist Fabritius im Innenministerium als »Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten« zuständig.

Der eigentliche Wunschkandidat des BdV war der CDU-Politiker Sven Oole. Während Borchers bisher stellvertretender Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide war, hat Oole keinerlei Leitungserfahrung in deutschen Museen und ist bisher auch nicht durch wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Themenkomplex des Zentrums aufgefallen. Seine Quali­fikation war eine politische: Er ist Geschäftsführer der »Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minder­heiten« in der CDU/CSU Bundestagsfraktion.

Erst einen Tag vor der finalen Abstimmung zog Oole seine Kandidatur zurück, Medienberichten zufolge auch auf Druck des Bundeskanzlers. Wer nun erleichtert ist, dass der »Kompromisskandidat« Borchers und nicht Oole die Direktionsstelle übernimmt, verkennt ­jedoch Grundlegendes. Die Kontroverse ist Teil eines Kulturkampfs von rechts und der BdV hat darin zumindest einen Teilsieg errungen: die Ablösung Bavendamms. Dass Oole nicht Direktor wurde, ist zu einem großen Teil dem Wissenschaftlichen Beirat des Zen­trums zu verdanken, der für den Fall seiner Ernennung einen geschlossenen Rücktritt angekündigt hatte. Das wäre selbst der Union ein bisschen zu viel Wirbel gewesen, zumal das Zentrum von Deutschlands östlichen Nachbarn berechtigterweise kritisch beäugt wird. Für den absehbaren außenpolitischen Eklat war man (noch) nicht bereit.

Dennoch stellt die Kontroverse den Versuch dar, deutsche Erinnerungspolitik in die achtziger Jahre zurückzukatapultieren. Das Zentrum ist bei weitem kein progressiver Erinnerungsort, seine Einrichtung war von Anfang an von geschichtsrevisionistischen Debatten begleitet. Wenn nun auch noch die Kontextualisierung des Zweiten Weltkriegs und der europäische Bezug aus der Ausstellung verschwinden sollen, ist man wieder bei dem Paradigma, das die deutsche Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg viel zu lange geprägt hat: die Beschäftigung mit deutschem Leid statt mit deutscher Täterschaft.

Die »Neugestaltung der Dauerausstellung« ist dabei nicht nur eine Forderung des BdV – sie hat es sogar ins Wahlprogramm der Unionsparteien für die vergangene Bundestagswahl geschafft. Als erster Schritt zur Erfüllung des Wahlversprechens wurde das Zentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung dem Innenministerium unterstellt, so wie es bis 1998 der Fall gewesen war. Andere Erinnerungsorte verblieben hingegen unter der Ägide des Kulturstaats­ministers im Kanzleramt.

Dafür hatte die 60köpfige »Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten« in der Unionsbundestagsfraktion lange gekämpft. Es geschah auch auf Wunsch der CSU, die mit Alexander Dobrindt den Innenminister stellt. Nicht nur symbolisch wurden die deutschen Vertriebenen damit aus der sonstigen staatlichen Gedenkpolitik zur NS-Zeit herausgelöst. Das spiegelt die ­revisionistische Kritik an der Dauerausstellung des Zentrums: Der Kontext soll verschwinden, damit deutsches Leid deutlicher wird.

Der Unterton der Debatte – Selbstmitleid für Deutsche und Empathielosigkeit gegen heutige Vertriebene – verträgt sich schließlich auch ganz hervorragend mit Dobrindts restriktiver Asylpolitik. Während sein Ministerium neue Einwanderungspfade für sogenannte deutsche Volkszugehörige aus postsowjetischen Staaten prüft, wird gleichzeitig das Recht auf Asyl noch weiter eingeschränkt.