16.04.2026
Iranische Online-Propaganda

Antisemitische Propagandaclips

Ausgerechnet die Propagandisten der Islamischen Republik haben derzeit Erfolg in den sozialen Medien: Es zirkulieren millionenfach KI-generierte Clips, die den Krieg gegen die USA und Israel verherrlichen.

Propaganda gehört bei Kriegen dazu. Doch beim derzeitigen Krieg der USA und Israels gegen den Iran überraschte, dass ausgerechnet die Islamische Republik es schaffte, Clips zu erstellen, die auf Apps wie X oder Tiktok millionenfach verbreitet wurden. Die Revolutionsgarden (IRGC) haben offenbar erkannt, dass man im 21. Jahrhundert auch im Smartphone-Hochformat um politische Hegemonie kämpfen kann: In iranischen Studios arbeiten junge content creators und produzieren mit Hilfe von KI-Programmen Entertainment-Clips, die dann viral gehen.

Da ist beispielsweise das iranische Medienunternehmen Explosive News, das für seine kurzen satirischen Animationsvideos bekannt ist. Seit Beginn des Kriegs sind dort vermehrt Videos mit Lego-Figuren zu finden, die zeigen, wie US-Präsident Donald Trump verbrennt, US Soldat:innen gedemütigt werden oder israelische Militärbasen explodieren, alles oft unterlegt mit einem KI-generierten Rap-Soundtrack. Die Ästhetik wirkt bewusst kindlich und poppig, die Videos scheinen sich schnell produzieren zu lassen. Schätzungen gehen davon aus, dass solche Propagandaclips seit Beginn des Kriegs Hunderte Millionen Mal angesehen wurden. Iranische und russische Staatsmedien verbreiten sie regelmäßig über X an ein Millionenpublikum.

Anspielungen auf Jeffrey Epstein finden sich überall in den Videos der iranischen Propaganda – ein Beispiel dafür, wie diese antisemitische Codes aufgreift, die ohnehin zirkulieren.

Der Begriff »Slopaganda«, angelehnt an AI slop (etwa: KI-Fraß), verharmlose die Wirkung dieser »hochgradig ausgefeilten« Inhalte eher, sagt die Medienwissenschaftlerin Emma Briant von der University of Notre Dame, einer US-amerikanischen Privathochschule, in einem kürzlich erschienenen Bericht der BBC. Die Clips wirken in der Tat zwar billig produziert, orientieren sich aber geschickt an Internet-Memes und operieren mit ironischen Brüchen, um den in ihnen ausgedrückten Militarismus und den Antisemitismus leicht konsumierbar machen.

In den Clips vermengen sich verschwörungstheoretische Codes und nationalistische Symbolik, gleichzeitig zeichnen sie klare Feindbilder und bedienen Gewaltphantasien: Das Video »Eine Rache für alle« beispielsweise zeigt Personen, meist kleine Kinder, aus Hiroshima, Vietnam, Afghanistan, dem Irak, Jemen, dem Gaza-Streifen, der »Epstein-Insel«, und schließlich den getöteten Ayatollah Khamenei persönlich, die hoffnungsvoll in den Himmel schauen, wo eine iranische Interkontinentalrakete in Richtung New York City fliegt und dort eine blutüberströmte Baal-Statue zerstört, die den Platz der Freiheitsstatue eingenommen hat. Gehörnte Figuren der Gottheit Baal mit einem Davidstern auf der Stirn werden im Iran bei Demonstrationen Regimegetreuer, beispielsweise im Februar bei Teheran, als Symbol des jüdisch-US-amerikanischen Bösen verbrannt.

Anspielungen auf Jeffrey Epstein finden sich überall in den Videos der iranischen Propaganda – ein Beispiel dafür, wie diese antisemitische Codes aufgreift, die ohnehin zirkulieren. Die USA und Israel würden demnach von einer pädophilen »Epstein-Klasse« oder einem »Epstein-Regime« regiert, was oft mit Israel und dessen vermeintlichem Einfluss auf die US-Politik in Verbindung gebracht wird.

In antiwestlichen und antiimperialistischen Online-Medien ist die Rede vom »Epstein-Regime« der USA seit Monaten verbreitet, oft kombiniert mit der Beschuldigung, Israel sei ein »Zufluchtshafen für Pädophile«, wie es beispielsweise im März in einem englischsprachigen Podcast von al-Jazeera hieß. Vergangene Woche postete Özlem Demirel, eine Abgeordnete der Linkspartei im EU-Parlament, auf Facebook, Instagram und X über den Krieg der USA und Israel gegen den Iran: »Danke an die Epstein-Völkermord-Koalition für nichts!«

Auffällig sei, dass die iranische Propaganda derzeit von den unterschiedlichsten Gruppen konsumiert und verbreitet wird, sagte die Kulturanthropologin Narges Bajoghli von der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität. In einem Essay im New York Magazine schildert sie, wie sie zur Untersuchung der Propaganda Dutzende Accounts auf mehreren Plattformen erstellte, um diese mit unterschiedlichen sozialen und politischen Algorithmen zu verbinden. So habe sie nachverfolgen können, wie die iranischen Videos sich nach und nach bei unterschiedlichen Publikumsgruppen ausbreiten, angefangen bei halboffiziellen iranischen Accounts über solche der iranischen »Achse des Widerstands« und russische Propagandakanäle, um schließlich von »der breiteren antiimperialistischen Linken« und Maga-Accounts aufgegriffen zu werden. Das Ergebnis sei, dass die Videos sich »durch mehrere politische Milieus bewegen«.