16.04.2026
Verhältnis Vietnam-China

Starker Stamm und biegsame Zweige

Nach Jahren der kollektiven Führung in Vietnam ist der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Tô Lâm, nun auch Staatspräsident und damit so mächtig wie lange kein vietnamesischer Politiker mehr. Außen­politisch versucht er, den mächtigen Nachbarn China gewogen zu stimmen.

Als Generalsekretär hatte der Nationalkongress der Kommunistischen Partei Vietnams Tô Lâm bereits im Januar für weitere fünf Jahre bestätigt. Seit dem 7. April ist er nun, von der neuen Nationalversammlung gewählt, auch erneut Staatspräsident des südostasiatischen Landes – ein Amt, das er bereits 2024 für fünf Monate einstweilig innehatte. Damit vereint der 68jährige beide Spitzenpositionen in Personalunion und gilt als mächtigster Politiker Vietnams seit Jahrzehnten. Seine gesamte Karriere machte er im Ministerium für öffentliche Sicherheit und wird in westlichen Staaten oft als Hardliner eingeordnet.

Lange prägte im wirtschaftlich aufstrebenden Vietnam ein System kollektiver Führung die Politik. Die vier wichtigsten Ämter – Parteivorsitz, Staatspräsident, Ministerpräsident sowie Vorsitz der Nationalversammlung – waren in der Regel personell getrennt. Nach innenpolitischen Turbulenzen konzentriert sich die Macht nun in einer Hand. Mehrere Führungswechsel an der Staatsspitze in kurzer Zeit, teils im Zusammenhang mit Korruptionsaffären, hatten das System zuvor erschüttert. Tô Lâm gilt als jemand, der diese Probleme entschlossen angeht. Ob er dem Land ähnlich stark seinen Stempel aufdrücken wird wie der Staatspräsident und Parteivorsitzende Xi Jinping China, wird sich zeigen.

Tatsächlich führt ihn seine erste Auslandsreise als Präsident in das nördliche Nachbarland, mit dem das Verhältnis nicht immer spannungsfrei oder auch nur friedlich war. Von einem umfassenden Neustart der Beziehungen war vorab aus Vietnam die Rede. Vom 14. bis 17. April sind Gespräche auf höchster Ebene geplant; im Mittelpunkt stehen politische Abstimmungen und wirtschaftliche Kooperation. Der Austausch zwischen den beiden Partei- und Staatsoberhäuptern gilt als Höhepunkt des Besuchs.

China und Vietnam begingen im vergangenen Jahr den 75. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, der chinesische Präsident Xi Jinping sprach dabei von »Kameraden und Brüdern«.

Bereits am 12. April trafen sich der vietnamesische Botschafter in Peking, Pham Thanh Bình, und A Dong, Erster Sekretär der Kommunistischen Jugendliga Chinas, um den Jugendaustausch weiter auszubauen. Hintergrund ist unter anderem das Programm »Rote Studientour«, das im Zuge des Besuchs Xi Jinpings in Vietnam vor einem Jahr ins Leben gerufen worden war. Außer der wirtschaftlichen Zusammenarbeit sollen damit auch Kontakte zwischen den Bürgern vertieft werden. Medienberichten zufolge könnten während des Besuchs Tô Lâms zudem Vereinbarungen im Telekommunikationsbereich sowie weitere Abkommen unterzeichnet werden. Auch die touristische Kooperation steht auf dem Programm.

China und Vietnam hatten im vergangenen Jahr den 75. Jahrestag ihrer diplomatischen Beziehungen begangen, Xi Jinping sprach dabei von »Kameraden und Brüdern«. China hatte bereits 1950 als erster Staat das gleichfalls realsozialistische Nordvietnam anerkannt; im Kampf gegen die französische Kolonialmacht hatte China die viet­namesische Unabhängigkeitsbewegung Viet Minh unterstützt. Nach der Wiedervereinigung Vietnams 1976 verschlechterte sich das Verhältnis jedoch drastisch. Einen Tiefpunkt erreichten die Beziehungen 1979 nach dem Einmarsch vietnamesischer Truppen in Kambodscha zur Beendigung der Terrorherrschaft der Roten Khmer. Deren Führungsriege um Pol Pot hatte sich immer auf uneingeschränkte chinesische Unterstützung verlassen können. Es folgte der nur wenige Wochen währende, aber heftige Chinesisch-Viet­namesische Krieg.

Zwei Generationen später belasten vor allem Territorialkonflikte im Südchinesischen Meer das ansonsten gute Verhältnis beider Staaten (Jungle World 23/2014). Gleichwohl ist China mit ­Abstand Vietnams wichtigster Handelspartner. Beide Länder sind wirtschaftlich eng verflochten, nach den USA ist Vietnam der zweitwichtigste Absatzmarkt für chinesische Waren. 2025 belief sich der bilaterale Handel auf 256,4 Milliarden US-Dollar, allerdings wuchs dabei auch das vietnamesische Handelsbilanzdefizit auf 115,6 Milliarden Dollar. Vietnams Importe aus China stiegen auf 186 Mrd. US‑Dollar – ein Zuwachs von 29 Prozent gegenüber 2024 –, getragen vor allem von Elektronik, Maschinen und Komponenten. Die aggressive Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump dürfte zu noch engerer Kooperation zwischen den beiden Ländern führen.

Bei Chinas Belt and Road Initiative (BRI) hat sich Vietnam allerdings von Anfang an auffallend zurückgehalten, obwohl es das internationale Infrastrukturprojekt offiziell unterstützt. Anders als die Nachbarn in der Mekong-Region – Thailand, Myanmar, Laos und Kambodscha – habe man in Vietnam eine gewisse Reserviertheit, konstatierte die Rosa-Luxemburg-Stiftung 2024, begründet durch die Angst vor finanzieller Abhängigkeit und territorialen Konflikten. Ein 2018 fertiggestelltes Kohlekraftwerk, das zu 95 Prozent über chinesische Kredite finanziert wurde, gilt als prominentestes BRI-Projekt in Vietnam, neben der von China gebauten Hanoi-Metro, die wegen erheblicher Verzögerungen und Kostensteigerungen als Negativbeispiel der Zusammenarbeit wahrgenommen wird. Das International Journal of Asia Pacific Studies vom Februar 2025 stuft Vietnam als einen der wenigen »Skeptiker« unter den Partnerländern der BRI ein.

Wie deutlich der Territorialkonflikt im Südchinesischen Meer beim Besuch Tô Lâms in Peking zur Sprache kommt, ist offen. Zwar hat China wiederholt vietnamesische Fischerboote versenkt. In Vietnam will man aber eine Eskalation des Streits unbedingt vermeiden. S. D. Pradhan, ein früherer stellvertretender Sicherheitsberater der indischen Regierung, konstatiert in einem Beitrag für die Times of India, Tô Lâm betreibe gegenüber China Bambus-­Diplomatie, ein von Generalsekretär Nguyen Phú Trong 2016 eingeführtes Bild: So wie der in Vietnam bedeutsame Bambus starke Wurzeln, einen ­robusten Stamm und flexible Äste hat, legt das Land in seiner diplomatischen Strategie Wert darauf, eine feste Haltung in Bezug auf nationale Souveränität beizubehalten und sich gleichzeitig an die komplexen und sich wandelnden internationalen Umstände anzupassen. Vietnam trete, so Pradhan, selbstbewusst auf und wolle seine ­Unabhängigkeit wahren, bemühe sich aber im Kontrast zum von Trump forcierten Handelskrieg der Großmächte, bei dem es am Ende keinen Sieger ­geben könne, ganz bewusst um verstärkte Zusammenarbeit. Schließlich brauche das Land, um weiter hohes Wirtschaftswachstum – 2025 waren es acht Prozent – zu generieren, Investi­tionen und einen Ausbau im Infrastrukturbereich.