Patti im Wunderland
Mit Patti Smith ist es immer so eine Sache: Einerseits ist sie eine der beeindruckendsten und bedeutendsten Musikerinnen des 20. Jahrhunderts, hat mit »Horses« 1975 einen absoluten Punk-Klassiker geschaffen und steht wie kaum jemand anderes für ein freies, unkonventionelles Leben, für Subversion und Underground. Andererseits hat Smith durchaus auch einen Charme, der zwischen verwirrter Schamanin und unangenehm freundlicher Reformhausverkäuferin changiert – inklusive schwerwiegender politischer Fehleinschätzungen.
Als die USA im vergangenen Jahr iranische Atomanlagen bombardierten – vielleicht die einzige richtige Entscheidung, die Präsident Donald Trump in seinem ganzen politischen Leben getroffen hat –, nannte Smith dies »unentschuldbar«, ganz so, als sei es nicht vernünftig, ein unberechenbares Regime daran zu hindern, die Welt und vor allem Israel mit Atomwaffen zu terrorisieren. Dass Smith ihren Emotionen gerne mal freien Lauf lässt – so auch bei der Literaturnobelpreisvergabe an Bob Dylan 2016, bei der sie einen Song von Dylan vortrug, sich versang und den Tränen nahe fortfuhr –, könnte man durchaus sympathisch finden – hätte man nicht den Eindruck, dass sie dabei gerne auch mal ein wenig zu stark von sich selbst gerührt ist.
Patti Smith versteht und präsentiert sich spätestens mit diesem Buch allein als Dichterin, die, so scheint es, zufällig auch hin und wieder als Musikerin tätig ist.
Eines muss man der 79jährigen aber uneingeschränkt lassen: Sie kann schreiben. Das hat sie schon des Öfteren nicht nur mit ihren Songtexten unter Beweis gestellt: 2010 veröffentlichte sie »Just Kids«, ihr Memoir über ihre Zeit mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe – eine faszinierende Reise ins New York City der siebziger Jahre. Ihr 2016 erschienenes Buch »M Train« ist eine lose Sammlung von »Erinnerungen«, die an sich nicht unbedingt beeindruckend wären, doch die Intensität, mit der Smith hier ganz kleine Dinge des Alltags schildert – eine Flugreise, das Füttern ihrer Katze, einen Spaziergang oder den morgendlichen Kaffee – ist so einnehmend, dass man es kaum aus der Hand legen mag.
Dass Smith für ihre Prosa aus ihrem eigenen Leben schöpfte, sich dabei aber auf eine bestimmte Zeit festlegte und fragmentarisch blieb, war der Grund für ihre Stärke. Ihr neues Buch aber ist anders: »Die Geschichte meines Lebens« lautet der Untertitel ihres jüngsten Buchs »Bread of Angels«, das viel klassischer als zuvor, nämlich chronologisch, ihr Leben darlegt. Es ist im engsten Sinne kein Memoir mehr, sondern eine Autobiographie.
Diese beginnt Mitte der vierziger Jahre in Chicago, wo Smith 1946 geboren wurde, und führt auf den ersten 100 von 300 Seiten den Lesern eine USA vor Augen, die »bald der modernen Zeit weichen sollte«, wie Smith schreibt. Als Punk Mitte der Siebziger richtig losging, waren die meisten Protagonistinnen und Protagonisten Anfang 20, während Smith bereits fast 30 Jahre alt war. Sie hatte noch eine andere Zeit erlebt, mit Kanonenofen, ohne Fernseher (der für Punk als geliebtes Hassobjekt unendlich wichtig werden sollte), dafür aber mit Ausgaben der Modezeitschrift Vogue, die einen »unauslöschlichen Eindruck« auf sie machten und ihr Interesse an Kunst und Stil weckten – für die Punks nach ihr dürfte das nicht gelten.
Peter Pan und Alice im Wunderland
Smith wuchs in einem kleinen Ort in New Jersey auf, unweit von Philadelphia – in großer Armut. Dort entwickelte das oft kranke und nicht besonders beliebte Mädchen seine schrullige Persönlichkeit: Ihr Vorbild, so erzählt sie, sei Lulu Moppet gewesen, die Hauptfigur des Comicstrips »Little Lulu«, den sie aus der Zeitung kannte. Lulu lebt ohne Erwachsene – dass Smith wie Peter Pan nie erwachsen werden wollte, versteht sich von selbst. Besonders angetan hatte es ihr aber »Alice im Wunderland«, mit der sie sich »voll und ganz identifizieren« konnte – das Buch »entsprach meinem Wunsch nach nicht linearen Abenteuern«.
Während in Lewis Carrolls Klassiker die Metaphysik gewissermaßen auf den Kopf gestellt wird, frönte die kleine Patti Smith allerdings noch ganz brav dem lieben Gott: Obwohl ihre Familie nicht religiös war, ging Smith, wie sie erzählt, in »frühes Bibelstudium«, sprach »kleine Gebete«, ging zur Bibelschule und fürchtete, »die Gunst Gottes zu verlieren«. Später schwört sie natürlich der organisierten Religion pflichtbewusst ab, als Kind aber wurde sie Zeugin Jehovas. Man könnte diese Passagen einfach überlesen, doch die Anspielungen und Verweise auf Engel und Götter, die Faszination für solch unterschiedliche Figuren wie Jeanne d’Arc und den Dalai Lama, die ständige Bekräftigung des eigenen Glaubens und einer herumspukenden »Heiligkeit« bilden den roten Faden des gesamten Buchs – und gehen einem beim Lesen zunehmend auf die Nerven. Es drängt sich förmlich auf, dass Patti Smith eine nette Version einer, wie die US-Amerikaner das nennen, religious nut ist, die auch vor naturreligiös angehauchtem Denken keinen Halt macht und über die »Sprache der Bäume«, Kräuterheilkunde, Talismane, Tarotkarten und den »Lehm der Erde« schwafelt.
Zum Glück gibt es aber noch die Ersatzreligion des Rock ’n’ Roll, und es ist uramerikanisch, dass sich am Ende dann doch kein zu großer Spalt auftut zwischen Smiths’ Spiritualität und ihrer Liebe zur Rockmusik. Doch zuerst war da vor allem die Liebe zur Lyrik, namentlich zu Arthur Rimbaud und Paul Verlaine, die die junge Frau zum Schreiben anregt. Ende der sechziger Jahre endlich in New York City angekommen, bringt der Dramatiker Sam Shepard sie auf die Idee, sich einen Gitarristen zu suchen, der sie bei Lesungen ihrer Gedichte musikalisch begleiten könnte – so kam Patti Smith schließlich zur Musik.
Kein Wort über den skandalösesten Song ihrer Karriere
Von diesem Punkt an hakt das Buch Kapitel für Kapitel jeweils ein frühes Album von Smith ab, von »Horses« (1975) über »Radio Ethiopia« (1976) bis zu »Easter« (1978). Über die Entstehung des Erstlings gibt sie noch einiges preis, doch detaillierte Reflexionen über das Musikerdasein lassen sich hier nicht finden, eher werden kursorisch Anekdoten erzählt. Überhaupt bekommt man bei der Lektüre den Eindruck, es hier nicht mit einer Musikerin zu tun zu haben: Zwar lässt Smith an einer Stelle wissen, dass sie ihre Gitarre liebte, da diese ihr eine starke Körperlichkeit verleihe, ansonsten aber geht es weder um Songwriting noch um das Komponieren. Patti Smith versteht und präsentiert sich spätestens mit diesem Buch allein als Dichterin, die, so scheint es, zufällig hin und wieder auch als Musikerin tätig ist. »Manchmal wünschte ich, Schreiben wäre meine einzige Berufung, doch irgendeine Kraft zog mich ständig anderswohin«, gesteht sie an einer Stelle.
Leider äußert sie sich – obwohl hier der richtige Ort gewesen wäre – mit keinem Wort über den wohl skandalösesten Song ihrer Karriere, »Rock n Roll Nigger«, der seit seinem Erscheinen auf »Easter« für seine Wortwahl kritisiert wird. Smith hat ihren Gebrauch des Worts »Nigger« mehrere Male damit gerechtfertigt, dass sie mit ihm Außenseiter bezeichne, der Begriff also von seiner rassistischen Implikation gelöst worden sei. Ob das stichhaltig ist, ist die eine Frage, die andere aber lautet, wieso der Song seit 2022 auf allen gängigen Streaming-Plattformen schlicht nicht mehr abgespielt werden kann – und wieso es dazu keine öffentliche Stellungnahme seiner Urheberin gibt.
»Bread of Angels« ist aber schlicht kein Buch über Musik, es ist vor allem ein Buch über Trauer. Im Zentrum steht dabei Smiths’ Mann, Fred »Sonic« Smith, der erst Gitarrist bei der wichtigen Protopunkband MC5 war und dann seine eigene Gruppe Sonic’s Rendezvous Band gründete. Das Paar lernte sich Mitte der Siebziger kennen, heiratete 1980 und zog nach Detroit, wo Smith sich von da an erst mal um die beiden Kinder Jackson und Jesse kümmerte. Fred starb überraschend am 4. November 1994 an Herzversagen – am Geburtstag von Robert Mapplethorpe, der 1989 gestorben war. »Geburt, Liebe und Tod – einander nie berührend und doch für immer verbunden«, schreibt Patti Smith. Auch ihr Bruder Todd, den sie innig liebte, verstarb 1994. Auf ihrem großartigen Album »Gone Again« von 1996, ihr erstes nach einer Pause von acht Jahren, verarbeitete sie diese Verluste – ihr Freund, der Beat-Dichter Allen Ginsberg, hatte ihr, wie Smith im Buch erzählt, dazu geraten, wieder auf die Bühne zurückzukehren.
Smiths’ unprätentiöser und dadurch so einnehmender Schreibstil, der ihre Bücher inklusive »Bread of Angels« auszeichnet, geht über in unangenehmem Pathos, Kitsch und einem Übermaß an Emotionalität.
Dass Todesfälle im nahen Umfeld einen sensibler machen können, liegt nahe. Smith, so muss man sagen, veranlassten sie allerdings auch dazu, sich selbst viel zu ernst zu nehmen: Das Ende des Buchs ist eine zusammenhangslose Litanei gegen den Irak-Krieg, das israelische Vorgehen im Gaza-Streifen (das sie quasi, wie sie erwähnt, in einer Vision vorhergesehen hat, als sie Jahre vorher einen »Albtraum« in Jerusalem hatte) und die chinesische Herrschaft in Tibet.
Vollends absurd wird es dann, wenn Smith erzählt, dass sie einen Gentest vornehmen ließ, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater ist – dieser müsse, so das Ergebnis des Tests, »hundert Prozent aschkenasischer Jude« gewesen sein. Smith kaut zwar im Buch alle möglichen Religionen durch, über das Judentum wusste sie aber bis fast zum Ende des Buchs nur zu berichten, dass sie »nicht sicher war, was das Kaddisch war«.
Jetzt also ein jüdischer Vorfahre, den sie prompt dafür benutzt, sich moralisch zu erheben und für alles und jeden – Tibeter, Syrer, Palästinenser – eine gleichsam natürliche Solidarität zu empfinden: »Vielleicht liegt der wahre Wert meines Ahnenbluts darin, Mitgefühl für die Verbannten zu empfinden.« Smiths’ unprätentiöser und dadurch so einnehmender Schreibstil, der ihre Bücher inklusive »Bread of Angels« auszeichnet, geht hier über in unangenehmem Pathos, Kitsch und einem Übermaß an Emotionalität – das wäre ihrer Lieblingsliteraturfigur Alice nie passiert.
Patti Smith: Bread of Angels. Die Geschichte meines Lebens. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2025, 320 Seiten, 26 Euro