Einer für alle
Ridley Scotts »Der Marsianer – Rettet Mark Watney« ist einer der Filme, die, gerät man beim linearen Umherschalten hinein, sich unmöglich abstellen lassen, der späten Stunde und allen Werbepausen zum Trotz. Er beginnt mit einer Marsexpedition, die in einem Sandsturm unterzugehen droht, und bei der Flucht bleibt ein Besatzungsmitglied (Matt Damon), für tot gehalten, zurück, als in Tat und Wahrheit einsamster Mensch des Universums.
Zäh und findig löst er, ein marsianischer MacGyver, die drängendsten Probleme und schafft es, die Nachricht nach Hause zu übermitteln, dass er lebt, und schon sind wir an dem Punkt, an dem Verfassungsgerichte auch schon waren: Darf man, geht es um Menschenleben, Rechnungen aufmachen? Soll man eine Crew gefährden und Riesensummen ausgeben für die vage Chance, ein einziges Individuum vom Mars zu retten?
Der Schluss liegt nahe, dass es bei der Aufregung um den Wal auch um Ablass geht.
Dass auf der Erde Millionen darben, hat Raumfahrt noch nie gestört, und also heißt es: Rettet Mark Watney, was immer es kostet, und die Welt hält die Daumen. Es ist nicht allein der Suggestivkraft des Kinos geschuldet, dass das einleuchtet; ein anderer, mutmaßlich weniger erfolgreicher Film wäre gewesen, Mark Watney dabei zuzusehen, wie er, aus Gründen der Verhältnismäßigkeit, einsam zugrunde geht. Und wer »Schindlers Liste« kennt, weiß, auch ohne jüdisch zu sein, dass einen Menschen zu retten bedeutet, die ganze Welt zu retten. Denn dieser Mensch, das ist man selbst.
Die jüngste Realvariante des Alle-für-einen ist das Theater um den vor der Ostseeinsel Poel gestrandeten Buckelwal, wobei wir zwar um den Mond (und perspektivisch zum Mars) fliegen, es aber anscheinend unmöglich ist, einen großen Meeressäuger aus tödlichem Flachwasser zu bugsieren.
»The Martian« ist natürlich auch der Triumph von Technologie über Verzicht, denn so gewissenhaft Watney mit seinen Ressourcen umgeht, so wenig kann das reichen, und er, das Opfer der Raumfahrt, ist bloß durch Raumfahrt zu retten. (Wieder zu Hause, sitzt er mit einem Coffee to go auf der Parkbank und wundert sich, aber nicht darüber, dass man mit ihm zwar die Welt gerettet hat, er sie aber mit dem Einwegbecher ruinieren hilft. Und wieder leuchtet das völlig ein.)
Technik, die an bloßer Natur scheitert
Dass Technik an bloßer Natur scheitert, ist das Letzte, was der moderne Mensch akzeptieren kann, und also rücken Unbeirrte, von Expertise Unbeirrbare dem Wal mit Luftkissenapparaturen zu Leibe, obwohl Fachleute das Tier, geschwächt und orientierungslos, für verloren halten und darum bitten, es in Frieden sterben zu lassen.
Denen werden dann, weil Aktivismus stets im Recht ist, Schläge versprochen, während ein Selbstvermarkter und Heldendarsteller namens Robert Marc Lehmann die Instanzen herausfordert und zur Medienfigur wird: ein Biologe und Youtuber, der nichts dagegen hat, von seinen Fans als »Walflüsterer« verehrt zu werden, und gerechterweise abreiste, als man ihm die Einsatzleitung bei der Walrettung verwehrte. Nun hat es für eine Youtube-Doku (»Die Wahrheit über den Wal Timmy«) und 1,8 Millionen Aufrufe in den ersten zwei Tagen gereicht.
Menschen, die unangenehme Wahrheiten für Lügen halten und Figuren nachlaufen, die dieses Bedürfnis ausnutzen: Man müsste sagen, da liege schon der Hund, an dessen Grab Trump, Weidel und Konsorten Wache halten, wenn es sich vor Poel nicht um einen Wal handeln würde, seit Melvilles »Moby-Dick« das Natursymbol schlechthin und dank Greenpeace Stellvertreter dessen, was der Mensch zur »Umwelt« degradiert hat.
Sie nennen ihn »Timmy«
Der Schluss lag nah, dass es hier auch um Ablass geht, um den Wal, der leben darf, gegen den Kaffeebecher, der so schön nach Pappe aussieht, aber in den Plastikmüll muss, von dem niemand im Ernst wissen will, was mit ihm geschieht; von den geplünderten Weltmeeren und den 200 Millionen Landtieren, die täglich (!) weltweit für den Verzehr geschlachtet werden, gar nicht zu reden.
Deren Tod verdankt sich freilich auch dem Bedürfnis nach Superiorität. Ohnmacht endet wochenends am Gasgrill, und jetzt: sind wir einmal machtlos, haben wir einmal keine Antwort, müssen wir zusehen, wie es zu Ende geht. Die Parallele zu dem, was uns, unsere Nächsten, die Demokratie, die Welt erwartet, ist offensichtlich, und der Wal am Strand, zum Leben zu schwach und zum Sterben zu stark, muss da einfach zum Sinnbild werden. Alle für einen, das heißt eben immer auch: einer für alle. Sie nennen ihn »Timmy«.
Ein privat organisierter Rettungsversuch sollte Anfang der Woche ohne Lehmann stattfinden, obwohl sogar Greenpeace dafür plädierte, den sterbenden Wal in Ruhe zu lassen.
Jenseits solch politischer Deutungen eignen sich, wie die FAZ zu Monatsbeginn von einer zum Mensch-Tier-Verhältnis forschenden Psychologin erfuhr, Wale als Projektionsfläche, weil sie »groß und selten« seien, Sehnsüchte nach »Reinheit, Stille oder Freiheit« bedienten und »relative Harmlosigkeit« verkörperten; dass, um das Bild unsrer Unschuld zu retten, sich selbst ermächtigende Wutbürger-Idiotie mit Steinen auf Helfer wirft, die sie für inkompetent hält, ist der FAZ, der alten Idealistin, ein Zeichen »für Diskussionskultur und Zustände im Land«, die aber nicht anders sein können, als es die Zustände erlauben.
Ein privat organisierter Rettungsversuch sollte Anfang der Woche ohne Lehmann stattfinden, obwohl sogar Greenpeace dafür plädierte, den sterbenden Wal in Ruhe zu lassen, und wie zur Antwort befreite sich das Tier selbst. »Gestrandeter Wal schwimmt wieder«, berichtete am Montag die »Tagesschau«;, »Wal-Fans jubeln«, jubelte Bild. Dann lief der Wal, dem »Irrsinn der Menschen« (Melville) zum Hohn, wieder auf.