23.04.2026
Charlotte Malterre-Barthes und die Hybris der Baukritik

Wenn alles Kulturerbe ist

Charlotte Malterre-Barthes will mit ihrem neuen Buch »A Moratorium on New Construction« der Architektur das Bauen austreiben. Mit überzogenen Forderungen nach postextraktiven Praktiken schadet sie der notwendigen Bauwende ebenso wie mit ihren antiisraelischen Positionen.

Der für Bau und Betrieb von Gebäuden zuständigen Wirtschaftssektor ist für rund 40 Prozent der weltweiten anthropogenen CO2-Emissionen verantwortlich. Seine Auswirkungen auf den Klimawandel werden seit Jahren intensiv untersucht, vor allem hinsichtlich der sogenannten grauen Energie, also jener Energie aus nicht erneuerbaren Quellen, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung anfällt.

In diesem Zusammenhang diskutieren Architekturinitiativen auch ein »Abrissmoratorium« und damit einen Paradigmenwechsel weg vom Neubau und hin zum Umbau. Bereits 2013 begann der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Fuhrhop sein Blog »Verbietet das Bauen!« – und veröffentlichte 2015 eine gleichnamige Streitschrift, in der er mit eindringlichen Slogans wie »Bauen ist kein Grundrecht« oder »Bauscham statt Bauland«, kommunalpolitischer Informiertheit sowie subtilem Humor Architekt:innen und Stadtplaner:in­nen ins Gewissen redete.

Beispielsweise empfahl Fuhrhop, beliebte und teure Stadtviertel wie Prenzlauer Berg durch »uncoole Musikfestivals« abzuwerten und dadurch das Leben dort bezahlbarer zu machen. Zugleich sollte der Baubestand in eher abgehängten Gegenden durch Umbenennungen attraktiver werden – Duisburg beispielsweise möge sich bitte künftig als »Düsseldorf-Nord« neu erfinden.

Mit einem entgrenzten Begriff von kulturellem Erbe einher geht eine Relativierung der Architekturgeschichte im Allgemeinen und des Denkmalschutzes im Besonderen.

In eine ähnliche, wenngleich im Ton durchweg todernste Richtung ging die 2020 von Alexander Stumm erhobene Forderung nach einem »Abrissmoratorium«, das aber den Akzent von der kommunalen auf die nationale Ebene verlagerte: Stumms offener Brief an die damalige deutsche Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD), den Verbände, Organisationen sowie 170 Einzelpersonen aus der Baubranche, der Wissenschaft und der Lehre mitunterzeichnet hatten, forderte unter anderem: »Jeder Abriss bedarf einer Genehmigung unter der Maßgabe des Gemeinwohls, also der Prüfung der sozialen und ökologischen Umweltwirkungen.«

Vor einigen Monaten ist nun das Buch »A Moratorium on New Con­struction« (Ein Moratorium für Neubauten*) der französischen Architekturaktivistin Charlotte Malterre-
Barthes erschienen, in dem sie im Unterschied zu Fuhrhop und Stumm eine dezidiert globale Perspektive einnimmt. Nicht frei von Hybris will die Autorin, die an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) unterrichtet, mit ihrem Forderungskatalog genau dort ansetzen, wo gegenwärtig der Großteil der Bautätigkeit stattfindet, also in China und Südafrika, der Mena-Region (»Mena« steht für »Middle East and North Africa«), den USA und Europa. Dort vor allem soll »der Neubau beendet werden«.

Aber wie? Malterre-Barthes verschwendet in ihrem Buch, das prominent in der von Markus Miessen und Nikolaus Hirsch herausgegebenen Reihe »Critical Spatial Practice« erscheint, keine Zeit damit, sich um Realpolitik, politische Anreizsysteme, demokratische Mehrheiten oder ähnlichen Reformismus zu kümmern. Sie verfolgt ein ebenso vages wie revolutionäres Programm, das nur den angestrebten Endzustand, nicht den Weg dorthin beschreibt. Jedenfalls solle ein für alle Mal Schluss gemacht werden mit »extraktivem und akkumulativem Wirtschaften«.

Umsturzlust und umfassender Konservatismus

Entsprechend geht die Autorin weit über das übliche Mantra »Reduzieren, Wiederverwenden, Recyclen« hinaus, wenn sie schreibt: »Der erforderliche radikale Wandel besteht darin, extraktive Wertesysteme als Leitkompass des Fortschritts vollständig zu verwerfen, anstatt sie lediglich auf eine ›ethische‹ Weise zu übertragen.« Ihre »postbauliche, postkapitalistische, postextraktive Vision gegen kumulative Baupraktiken« sieht in der Architektur der Zukunft nur noch einen »revolutionären Sektor«, in dem alle an einem radikalen Wandel mitwirken, um die Klimakatastrophe aufzuhalten.

Bei aller Umsturzlust ist das Buch zugleich von einem umfassenden Konservatismus im Wortsinne durchzogen. Denn alles soll konserviert werden, nicht nur der Gebäudebestand in seiner Gänze, sondern auch Böden, Bäume, Lebewesen: »Ein ›Gesamtwert‹ des Bestehenden – von Gebäuden bis zum Mutterboden – impliziert eine Neudefinition des Kulturerbes, die sich nicht nur auf zu schützende Artefakte bezieht, sondern auch auf Räume, die Leben ermöglichen, sich weiterentwickeln und an die Bedürfnisse der Gegenwart anpassen können.«

Mit diesem entgrenzten Begriff von kulturellem Erbe einher geht eine Relativierung der Architekturgeschichte im Allgemeinen und des Denkmalschutzes im Besonderen. Aus Malterre-Barthes’ Sicht ist es hoffnungslos passé, ausgewählten Bauwerken und Ensembles von künstlerischer und historischer Relevanz einen Sonderstatus zuzuerkennen. Denn mit traditioneller Denkmalpflege würde nur eine rückwärtsgewandte »rassische, kulturelle und soziale Hegemonie« über »das Erbe« aufrechterhalten. Da sich so gut wie jeder Altbau nicht nur in westlichen Hemisphären sexistischen und rassistischen Zeiten verdankt, soll es wohl künftig keinen Unterschied mehr geben zwischen Schützenswertem und nicht Schützenswertem. Besonders deutlich wird diese Auffassung in folgender Passage: »Die weltweite Empörung über den Brand des Dachs von Notre Dame war im Vergleich zur Vernichtung des gesamten städtischen Umfelds von Gaza und seiner Bevölkerung – Häuser, Schulen und Bibliotheken wurden dem Erdboden gleichgemacht – global und umfassend.«

Wenigstens das Existenzrecht Israels in Frage stellen

Die ineinander verhakten Widersprüche von »A Moratorium on New Construction«, wonach sich erstens alles verändern muss, zweitens sich nichts verändern darf und drittens nichts Historisches mehr etwas Besonderes sein soll, führen zu einer verfahrenen Situation: Vermeintliche Handlungsmacht kann nur noch durch eine Simulation von Selbstwirksamkeit halluziniert werden. Als Motto scheint für Malterre-Barthes zu gelten: Wenn es in Anbetracht der Klimakrise mit der dringenden Abschaffung von Kapitalismus und Patriarchat schon nicht so zügig klappt, dann lass uns wenigstens das Existenzrecht Israels in Frage stellen.

Das österreichische Nachrichtenportal »Mena Watch« zeigt Screen­shots ihrer Instagram-Aktivitäten. Die Plattform wirft Malterre-Barthes vor, in einem Ende Juni 2025 veröffentlichten Artikel »das Teilen von Pro-Hamas-Narrativen und die pauschale Verurteilung israelischer Politik« vor, »bei der nicht selten antisemitische Topoi mittransportiert wurden«. Demnach bezeichnete sie am 7. Oktober 2023 auf ihrem Instagram-Account das Massaker der Hamas als »greifbares Ereignis« der »Dekolonisierung«. Am 9. November 2024 machte sie sich dort die Relativierung der antisemitischen Hetzjagd auf israelische Fußballfans in Am­sterdam als pragmatische »Community-Verteidigung« zu eigen.

Es scheint so, dass Malterre-Barthes – und mit ihr lautstarke Teile der intersektionalen Internationalen – für alles Mögliche Sorge tragen möchten, nur nicht für jüdische und israelische Frauen, die Opfer eines Hamas-Feldzugs femizidaler antisemitischer Gewalt geworden sind.

Dann, am 8. Mai 2025, bedrängte sie ebenfalls auf Instagram die Kurator:innen des Deutschen Pavillons bei der Architekturbiennale in Venedig mit dem Aufruf »Yeah, free Palestine« – als wären deutsche Ausstellungsmacher:innen irgendwo auf der Welt Kompliz:innen des Staats Israel. Und kurz darauf, am 18. Mai 2025, solidarisierte sie sich mit den Protesten in Basel gegen die Teilnahme der israelischen Sängerin Yuval Raphael am European Song Contest – einer Überlebenden des 7. Oktober, die sich stundenlang unter Leichen liegend totstellen musste.

Derlei offenkundig diskriminierende und gewaltlegitimierende Aussagen stammen aus der Mitte der architektonischen Care-Debatte. Denn ganz allgemein wirft Malterre-Barthes der Architektenzunft vor, sie mache sich keine Gedanken über Instandhaltung, Reinigung und Pflege der Bauten und derjenigen, die diese leisteten. Dem solle mit einer Art neuem Berufsmotto ein Ende bereitet werden: »Take Care« heißt das Schlusskapitel des Buchs. Es scheint so, dass Malterre-Barthes – und mit ihr lautstarke Teile der intersektionalen Internationalen – für alles Mögliche Sorge tragen möchten, nur nicht für jüdische und israelische Frauen, die Opfer eines Hamas-Feldzugs femizidaler antisemitischer Gewalt geworden sind. Mit ihrer obsessiven Agitation gegen Israel hat sie dem Anliegen einer dringend notwendigen Bauwende leider keinen Dienst erwiesen.

* Alle Zitate von der Redaktion aus dem Englischen übersetzt

Charlotte Malterre-Barthes: A Moratorium on New Construction. Sternberg Press, London 2025, 80 Seiten