30.04.2026
Mit schwarzem Humor schildert Tanja Šljivar in ihrem Roman »Nationaltheater« die Intrigen in einem Belgrader Theater

Kreaturen im System

Die Theatermacherin Tanja Šljivars legt mit »Nationaltheater« ihren Debütroman vor, der humvorvoll und unterhaltsam den Zustand des Theaters im postsozialistischen Serbien verhandelt.

Aufgewachsen inmitten des Zerfalls des jugoslawischen Staats bekommt die Dramaturgin Dina, die Protagonistin von Tanja Šljivars Roman »Nationaltheater«, im Alter von 30 Jahren eine begehrte Position im postsozialistischen Serbien: Sie wird Schauspieldirektorin des Nationaltheaters in Belgrad. Nicht alle sind damit einverstanden.

Der Sicherheitschef des Theaters will herausgefunden haben, dass die Neue eine Agentin der EU ist. Außerdem sei sie lesbisch – was zwar nicht stimmt, aber, wie Dina in Anbetracht ihrer frustrierenden On-off-Beziehung mit einem narzisstischen Musiker feststellt, »viel leichter und schöner« wäre.

Die Beschäftigten des konservativ-muffigen Theaters haben keine Namen, sondern nur Funktionen, wie der »Mitglied-der-Regierungspartei-Schauspieler«, die »Schauspielerin-der-Gehaltsklasse-2« oder die »kaffeekochende Sekretärin«. Die langjährige Intendantin tritt auf wie eine Monarchin. Von Lenins alter Forderung, dass jede Köchin den Staat und das Theater regieren könne, hält sie natürlich nichts. Dina hat es nicht leicht, ihren Platz in diesem System zu finden.

Die sozialistische Hoffnung auf eine »Revolution im Publikum«, auf eine Theaterkunst für die Ar­beiter:in­nen und von ihnen, hat sich zerschlagen.

Šljivar zeichnet die komischen, manchmal grotesken Figuren als emotional vernachlässigte, traumatisierte und manipulative Menschen, die mit diesen Eigenschaften im Nationaltheater genau richtig sind. Realität, Inszenierung, Traum gehen durcheinander.

In einer traumähnlichen Sequenz erklärt die Intendantin, der Zweck des Theaters sei die »kulturelle Legitimierung des Nationalstaates und seiner Nation«. Die sozialistische Hoffnung auf eine »Revolution im Publikum«, auf eine Theaterkunst für die Ar­beiter:in­nen und von ihnen, hat sich zerschlagen. Die altehrwürdige Kulturinstitution schafft sich ihre Subjekte, und so muss sich auch Dina bald als »Kreatur im System des Theaters« wiedererkennen, was tragisch, aber dank Šljivars humorvoller Prosa höchst unterhaltsam ist.


Buchcover

Tanja Šljivar: Nationaltheater. Aus dem ­Serbischen von Maša Dabić. Suhrkamp, ­Berlin 2026, 236 Seiten, 25 Euro