Das nukleare Dilemma der Ukraine
An den 1. Mai 1986 erinnere ich mich noch genau. Am Morgen übertrug das Fernsehen die Demonstrationen zum Maifeiertag aus Moskau und anderen Städten in Sowjetrepubliken, darunter auch aus Kiew. Es war ein wunderschöner, sonniger Tag. Meine Klassenkameraden und ich fuhren unbeschwert zum Picknick in den Wald. Wir waren erst 16 Jahre alt.
Gegen Abend, als wir auf dem Rückweg waren, zogen plötzlich Gewitterwolken auf und es begann zu hageln. Einem Aberglauben nach hört das Unwetter auf, wenn man auf ein Hagelkorn beißt. Also fingen wir den Hagel auf, warfen ihn uns in den Mund und scherzten darüber, wer den Sturm beenden würde. Wir wussten noch nicht, dass fünf Tage zuvor im Atomkraftwerk Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat ein Reaktor explodiert war und seitdem durch den Brand tonnenweise radioaktiver Staub in die Luft geraten war.
Die Katastrophe von Tschernobyl hatte in der Ukraine tiefergreifende politische und soziale Auswirkungen als in anderen Sowjetrepubliken. Die Atomenergie war in weiten Teilen der Bevölkerung diskreditiert, aber auch der sowjetische Staat.
Erst später begannen Leute im ganzen Land, Jod zu kaufen, wo immer sie es finden konnten, denn Gerüchte besagten, es könne die Schilddrüse vor Strahlung schützen. Kinder wurden in sicherere Gebiete evakuiert und die Menschen hatten Angst, im größten Fluss des Landes, dem Dnipro, zu schwimmen, da die reale Gefahr bestand, dass aus dem Fluss Pripjat in der Nähe von Tschernobyl radioaktives Material in ihn geflossen war. Im Sommer herrschte Panik vor dem Verzehr von Milch und Gemüse, im Herbst vor dem von Pilzen.
Nachdem die sowjetischen Behörden die Katastrophe zunächst vollkommen vor der Öffentlichkeit geheim gehalten und dann noch tagelang darüber gelogen hatten, wie ernst die Lage war, wusste niemand mit Sicherheit, ob ihren Angaben über die Ausbreitung der Strahlung während des Brands zu trauen waren. Und ich dachte immer wieder an die Hagelkörner, die wir gegessen hatten: Waren sie radioaktiv gewesen?
Die Katastrophe von Tschernobyl hatte in der Ukraine tiefergreifende politische und soziale Auswirkungen als in anderen Sowjetrepubliken. Die Atomenergie war in weiten Teilen der Bevölkerung diskreditiert, aber auch der sowjetische Staat. Nur zwei Monate zuvor, im Februar 1986, hatte Generalsekretär Michail Gorbatschow beim XXVII. Parteitag der Kommunistischen Partei seine »Perestroika« und die Notwendigkeit von Wirtschaftsreformen und größerer politischer Offenheit verkündet. Die anfängliche Vertuschung der Katastrophe durch die sowjetischen Herrscher untergrub jedoch sofort das Vertrauen vieler Ukrainer in die Aufrichtigkeit der Parteiführung.
In dieser Zeit des politischen Umbruchs veranlasste die Katastrophe viele, sich in Umweltbewegungen zu engagieren, und später, neue politische Parteien zu gründen. Bei den Wahlen zum Kongress der Volksdeputierten der UdSSR im Jahr 1989 und ein Jahr später zur Werchowna Rada der ukrainischen Sowjetrepublik wurden zahlreiche Umweltschützer und Bürgerrechtler gewählt, die später zur Unabhängigkeitserklärung des Landes und zu den Bemühungen um umfassende demokratische Reformen beitrugen.
Doch 40 Jahre nach dem Unglück hat sich die Einstellung in der Ukraine zur Atomenergie erneut grundlegend gewandelt. Der wohl wichtigste Grund dafür ist die jahrelange russische Zerstörungskampagne mit Drohnen und Raketen gegen das ukrainische Energiesystem, wegen derer Millionen Ukrainer in den zurückliegenden Wintern immer wieder ohne Heizung und Strom auskommen mussten.
Bereits 2014 hatte die Ukraine wegen der faktischen russischen Annexion von Luhansk und Donezk den Zugang zu ihren größten Kohlevorkommen im Donbass verloren, weitere Kohleminen befinden sich seit 2022 unter Besatzung oder in Gebieten, in denen gekämpft wird. Der Import von russischem Gas wurde 2022 eingestellt (auch wenn der Transit in die EU noch weiterging) und Europas größtes Atomkraftwerk bei Saporischschja ist von russischen Truppen besetzt.
Die verbliebenen Wärmekraftwerke, die Strom produzieren, aber auch Energie für Fernwärmesysteme für Wohnungen, werden systematisch bombardiert. Gerade im Winter, wenn die Leistungsfähigkeit von Solarzellen deutlich sinkt, ist die Nuklearenergie nahezu die einzige verbliebene relativ stabile Stromquelle, denn die russischen Luftangriffe richten sich nicht gegen Atomkraftwerke. Sie produzieren mittlerweile 70 Prozent der Energie des Landes.
Nuklearenergie nahezu die einzige verbliebene relativ stabile Stromquelle
Schon Anfang 2023 unterzeichnete das ukrainische Staatsunternehmen Energoatom eine Vereinbarung mit dem US-Unternehmen Holtec International über den Bau von 20 Kleinen Modularen Reaktoren (small modular reactors, SMR). Die Inbetriebnahme des ersten solchen Reaktors war für 2029 geplant, doch bislang ist das Projekt nicht über lautstarke Ankündigungen hinausgekommen.
Im April gab Energieminister Denys Schmyhal bekannt, dass die Ukraine ihre Atomkraft-Kapazitäten bis 2050 mehr als verdreifachen wolle. Wie und wann die dafür nötigen zahlreichen neuen Reaktoren gebaut werden sollen, ließ er offen.
Bereits im vergangenen Jahr hatte die Regierung die Idee wieder aufgegriffen, zwei Reaktorblöcke im Atomkraftwerk Chmelnyzkyj fertigzustellen, deren Bau 1990 im Nachhall der Katastrophe von Tschernobyl abgebrochen worden war. Die Reaktoren dafür sollen aus Bulgarien gekauft werden, was im ukrainischen Parlament für hitzige Debatten sorgte, da es sich um Anlagen handelt, die von dem russischen Staatskonzern Atomstrojeksport, eine Tochter von Rosatom, hergestellt wurden, was eine Abhängigkeit von Russland schaffen könnte.
Unterdessen benötigt die Ukraine eine zuverlässige Stromversorgung, auch im Hinblick auf den industriellen Wiederaufbau nach dem Krieg. Was dabei jedoch bislang kaum öffentlich diskutiert wird, ist die Tatsache, dass die meisten ukrainischen Atomkraftwerke überaltert sind und viele von ihnen eigentlich in naher Zukunft stillgelegt werden müssten.
Seit Russland das Atomkraftwerk Saporischschja erobert hat, verfügt die Ukraine noch über neun aktive Reaktorblöcke, von denen sieben ihre geplante Lebensdauer überschritten haben.
Seit der Eroberung des Atomkraftwerks Saporischschja durch die russische Armee verfügt die Ukraine noch über neun in Betrieb befindliche Reaktorblöcke, von denen die meisten ihre geplante Lebensdauer bereits überschritten haben. Die Laufzeit der Blöcke 1, 2 und 3 des Atomkraftwerks Riwne wurden bereits zweimal, um insgesamt 20 Jahre, verlängert, was bedeutet, dass sie 2030/2031 beziehungsweise für Block 3 im Jahr 2037 endet. Dann müssten diese Reaktoren entweder stillgelegt oder die Laufzeit erneut verlängert werden. Eine ähnliche Situation besteht im Atomkraftwerk Südukraine, wo die Laufzeiten der Blöcke 1 und 2 ebenfalls zweimal verlängert wurden; Entscheidungen über diese Blöcke müssen 2033 und 2035 getroffen werden. Im Atomkraftwerk Chmelnyzkyj steht eine Entscheidung über Block 1 im Jahr 2032 an.
So könnte die Ukraine in den kommenden fünf bis zehn Jahren sechs ihrer neun verbliebenen Reaktoren einbüßen, während der Bau neuer Kraftwerke mehr als zehn Jahre dauern und Milliarden kosten würde. Alternativ könnte das Land das Risiko eingehen, den Reaktorbetrieb weit über die ursprünglichen Laufzeiten hinaus zu verlängern. Aber wie stark erhöht dies die Gefahr einer neuerlichen nuklearen Katastrophe in der Ukraine? Die Frage muss ernsthaft gestellt werden.
Hunderte dezentrale, kleinere Gaskraftwerke benötigt
Die Ukraine hat seit Kriegsbeginn ungefähr 80 Prozent ihrer Wärmekraftwerkskapazitäten verloren. Solarenergie kann das kaum ausgleichen: Zwar wurde sie in den vergangenen Jahrzehnten ausgebaut, doch muss sie um flexible Energieerzeugung ergänzt werden, um tägliche und saisonale Schwankungen auszugleichen. Traditionell haben Wasserkraftwerke diese Rolle übernommen, doch die sind teils schwer beschädigt. Das Wasserkraftwerk Kachowka wurde im Juni 2023 mitsamt dem dazugehörigen Staudamm vollständig gesprengt, mutmaßlich durch russische Truppen; bei den darauf folgenden Überschwemmungen starben über 50 Menschen.
Die Regierung versucht, die Krise zu lösen, indem sie dezentrale, kleinere Gaskraftwerke baut, die gegen Luftangriffe geschützt sind und gleichzeitig Strom und Heizungswärme generieren. Doch wären Hunderte solcher Anlagen notwendig, um die gesamte Kapazität der Atomkraftwerke auszugleichen. Die Ukraine verfügt schlichtweg nicht über die Ressourcen für eine derart groß angelegte Umgestaltung ihres Energiesektors mitten im Krieg, und internationale Geldgeber zögern zu investieren, solange die Drohnen und Raketen aus Russland fliegen.
Jeder Luftangriff auf Kraftwerke und Netzinfrastruktur kann unmittelbar zu umfangreichen Stromausfällen führen. Das steigert den politischen Druck auf die Behörden und könnte sie zu riskanten Entscheidungen im Energiesektor bewegen.