Auf und ab
Judith Malina passte in keine Schublade. Noch ihr Grabstein, zu finden im Städtchen Paramus im US-Bundesstaat New Jersey, zeugt davon: Der Inschrift zufolge war sie Schauspielerin, Regisseurin, Pazifistin, Anarchistin, Poetin, Muse und Tagebuchschreiberin. 1947 hat die 1926 in Kiel geborene Malina die Theatergruppe The Living Theatre gegründet. Dauernd gab es Ärger mit den Behörden wegen Brandschutzbestimmungen oder Probleme mit Mietschulden – was zu mehreren Umzügen und immer neuen Spielstätten innerhalb der Stadt führte. Bis heute hat die Truppe dennoch 64 Stücke gestemmt – Performances im öffentlichen Raum nicht mitgerechnet.
Es war ein Auf und Ab, Erfolg und Misserfolg wechselten sich ab, Geld floss nie. Unterwegs war Malina auch in Europa, Lateinamerika und in Vorderasien – doch immer mit ihrem Kollektiv im Schlepptau. Mehrfach wurde sie verhaftet, in zwölf verschiedenen Ländern. Trotzdem machte sie immer weiter, selbst im Gefängnis: Lektüre, Exzerpte, Stückkonzeption. Manchen galt das Living Theatre als ein Sammelbecken verkommener Hippies und Provokateure. Seine Auftritte, in denen die Mitglieder ihre Körper und Intimität ausstellten, wurden bestenfalls belächelt. Für Malina war das Living Theatre jedoch ihr Leben. Und es existiert bis heute.
Malina, ein rastloser Freigeist, verfasste manche ihrer Tagebucheinträge gar im Gehen auf den Straßen Manhattans. Seit ihrem 21. Lebensjahr notierte sie kontinuierlich, was ihr am wichtigsten war.
Wer aber war Judith Malina? Wie schreiben über jemanden, der ständig in Bewegung war, der permanent neue Kontakte knüpfte? Indem man dessen Energie aufnimmt, für die Recherche, fürs eigene Schreiben – dafür entschied sich die Übersetzerin, Journalistin und Dramaturgin Anna Opel für ihr Buch »Now! Judith Malina und das Living Theatre«. Dem Leben der 2015 Verstorbenen würde man anders schwerlich gerecht.
Schon zu Lebzeiten war sie kaum zu fassen. Malina, ein rastloser Freigeist, verfasste manche ihrer Tagebucheinträge gar im Gehen auf den Straßen Manhattans. Seit ihrem 21. Lebensjahr notierte sie kontinuierlich, was ihr am wichtigsten war (Theaterarbeit), was sie las (extrem viel!), nervte (Geldsorgen) und motivierte (Liebschaften), aber vor allem, was sie als Mensch und Künstlerin schmerzhaft beschäftigte (Weltlage).
Ein Stipendium brachte Anna Opel im Februar und März 2022 nach New York City. Dieser Aufenthalt läutet ihre Nachforschungen zu Judith Malina ein, über die erstaunlicherweise noch keine Biographie verfasst worden war. In den darauffolgenden Jahren sichtete Opel eine Vielzahl an Dokumenten, Fotos und Filmaufnahmen; traf sich mit ehemaligen Zeitgenoss:innen in Cafés, auf der Straße oder im Videochat, verbrachte Stunden in Bibliotheken und durchforstete Archive in den Vereinigten Staaten, Süditalien und Deutschland.
Opel integriert die politische Gegenwart in ihr Schreiben
Ihre Nacherzählung der Recherche liest sich stellenweise wie ein Arbeitstagebuch. Sobald es um die eigene Schreib- und Arbeitswirklichkeit geht, wird in die Ich-Form gewechselt, Opels Spurensuche folgt man somit aus nächster Nähe. Man fühlt sich hautnah mit dabei, wenn ihr in New York der fordernde Interviewpartner eine Meinung zu Malinas künstlerischem Vermächtnis abringt oder sie das Gebiet zwischen Spree und Tiergarten im Berlin der Gegenwart erkundet: Während der Proben zu Jean Genets »Die Zofen« am Forum-Theater am Kurfürstendamm wohnte die Theatertruppe Mitte der sechziger Jahre zeitweise im Studio der Akademie der Künste.
Opel integriert die politische Gegenwart in ihr Schreiben. Nicht auszuklammern sind der russische Angriffskrieg und die terroristischen Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober. Kamerateams schwirren umher vor dem ukrainischen Restaurant, das der Journalistin in New York City als Treffpunkt für Interviews dient. Ängste und Hoffnungslosigkeit schieben sich in die Arbeit und Opel vergleicht ihre Lebenswirklichkeit mit der von Malina, die bei der Lektüre ihrer Tagebücher sukzessive an Kontur gewinnt. Selbstkritisch hat sich die Theatermacherin, insbesondere während der Kriege in Korea und Vietnam, stets aufs Neue gefragt: Ist es legitim, Kunst zu machen angesichts unmenschlicher Verhältnisse? Malina bejahte, vorausgesetzt, es würden folgende drei Fragen beantwortet, wie sie 1987 in einem Interview erklärte: »Was bedeutet all das? Was will ich sagen und wie vermittle ich es am besten?«
Opel hat Unmengen an Tagebuchseiten studiert und zitiert häufig daraus, was ein Gewinn ist, denn Malina besaß literarisches Gespür. Dennoch plaudert das Buch nicht wohlfeil aus dem Nähkästchen. Man erfährt gerade so viel Privates, dass es eine Persönlichkeit greifbar macht, die sich bis zuletzt – noch im Altersheim – kompromisslos einer Vision verschrieb: der friedlichen, gewaltfreien Revolution mittels Kunst.
Living Theatre und Tikkun Olam
Opel ergründet, woher Malina die stupende Kraft nahm, trotz aller Widrigkeiten über 60 Jahre lang mit ihrem Living Theatre weltweit zu wirken. Stark geprägt haben sie ihre Eltern. Mit dem Vater, einem Rabbiner, teilte sich die Malina eine Form produktiven Sendungsbewusstseins, auch sein politisches Engagement färbte auf sie ab. Max Malina bewahrte dank seiner Weitsicht die Familie vor der Auslöschung – bereits 1929 emigrierte sie angesichts des sich verstetigenden Antisemitismus in die USA. In Manhattan gründete er eine deutsch-jüdische Gemeinde, war Herausgeber des Jüdischen Zeitgeist und appellierte während des Nationalsozialismus früh an Kongressmitglieder, das Flüchtlingskontingent zu erhöhen sowie die Einreisebestimmungen für jüdische Menschen zu lockern.
Von ihrer kunstinteressierten Mutter Rosel Zamojre erhielt Malina Zuspruch, den Weg ans Theater einzuschlagen. Sie selbst wäre gerne Schauspielerin geworden, hatte diesen Wunsch aber zugunsten der Familie aufgegeben. Judith Malina verwirklichte also stellvertretend den verworfenen Traum ihrer Mutter.
Dem Holocaust ist Malina entkommen. Die Welt zu reparieren, wie es das jüdische Konzept Tikkun Olam vorgibt, betrachtete sie daher als lebenslangen Auftrag. Das Theater war ein Mittel, um ihn versuchsweise zu erfüllen. Das Rüstzeug hierfür besorgte ein Studium der Regie bei Erwin Piscator.
Opels Buch rekonstruiert die verschiedenen Phasen, die das Living Theatre durchlief. Vorlauf war nötig: Erst 1951, vier Jahre nach der Gründung, begann die eigentliche Produktionsgeschichte der Theatergruppe. Bis dahin widmeten sich Malina und Julian Beck, Mitgründer des Living Theatre und ab 1948 ihr Ehemann, ästhetischen und konzeptuellen Fragen: Wie sollte es sein, ihr Theater? Sie lasen und diskutierten ununterbrochen, hielten Ausschau nach Verbündeten und nach einer Spielstätte.
Offene Dramaturgie, Entpsychologisierung, Improvisation, Interaktion mit dem Publikum
Vor welcher Mammutaufgabe das Duo stand, zeichnet Opel eindrucksvoll nach. Anders als in Europa gab und gibt es in den USA kaum staatliche Förderung für solcherlei Unterfangen. Dass sie es dennoch geschafft haben, verdankt sich auch der Unterstützung anderer. Becks Eltern wären zu nennen, sie übernahmen häufig die Wohnungsmiete des Paars und hüteten später, als die Company im Ausland tourte, den Enkelsohn. Zeitgenossen wie John Cage und William Carlos Williams ermutigten Malina und Beck von Anfang an und verschafften dem noch jungen Theater Aufmerksamkeit.
Wertschätzend, aber nicht kritiklos verfolgt Opel die Entwicklungsstufen des Living Theatre. Wegweisend innerhalb dieses Prozesses sind die Produktionen »The Connection« (1959), »The Brig« (1963), »Mysteries and Smaller Pieces« (1964) und »Paradise Now« (1968). Mit dem klassischen Theater der Stückvorlage, Mimesis und der vierten Wand fremdelte man von Beginn an.
Bekannt wurde das Living Theatre schließlich für eine Praxis, die dadurch bestach, dass alle Beteiligten gemeinsam recherchierten und die Stücke entwickelten, für die offene Dramaturgie, Entpsychologisierung, Improvisation sowie Interaktion mit dem Publikum. Manchmal lief die Partizipation des Publikums auch aus dem Ruder: Dass Zuschauer:innen die Bühne nicht mehr verlassen wollten und den Rahmen der Performance sprengten, war noch das geringste Problem.
Wie Malina mit Rückschlägen umging, wie sie ihrer Idee von Theater, das sich irgendwann auf die Straße verlagerte, immer näher kam – all das legt Opel wunderbar dar. Sie hat ein lebendiges Buch geschaffen, das die Erinnerung an eine längst Verstorbene wachhält.
Anna Opel: Now! Judith Malina und das Living Theatre. Aviva-Verlag, Berlin 2026, 296 Seiten, 24 Euro
