Der analoge Mann
Erst am vorigen Wochenende waren wir im Nordosten, in Eberswalde, schon brettern Julia und ich am Donnerstag wieder quer durch die Republik. Diesmal in den Süden bis an die Grenze zu Frankreich. Wieder haben Urban Sketcher eingeladen. Die Urban Sketchers Karlsruhe (USK) feiern ihr zehnjähriges Bestehen. Für Julia und mich sind diese Meetings eine gute Gelegenheit für kurze Städtetouren, um mal eine andere Region kennenzulernen. Praktischerweise gleich mit sozialer Anbindung vor Ort. Die Karlsruherin Nadine, die ich ein Jahr zuvor beim Nürnberger Sketch-Fest kennengelernt hatte, ist im Karlsruher Organisationsteam. Sie begrüßt uns freudig, als wir am späten Nachmittag zum ersten Sketch Point kommen.
Zwei Tage arbeiten wir uns zeichnend durch Karlsruhe, bis wir am Samstagnachmittag nach Durlach, einem Vorort von Karlsruhe, fahren. »Karlsruhe ist ein Vorort von Durlach!« behauptet Matthias empört. Er kommt aus Durlach.
Wohin wir auch kommen, immer fragt Julia: »Wollen wir hier hinziehen?«
Das beschauliche Karlsruhe wird an diesem sonnigen Vorsommertag jedenfalls locker vom noch beschaulicheren Durlach getoppt. Die Altstadt ist unheimlich schön. Eigentlich ist es ja überall schöner, aufgeräumter und besser organisiert als in Berlin, obwohl wir dauernd hören, wie toll doch Berlin sei. Aber eben nicht schöner. Wohin wir auch kommen, immer fragt Julia: »Wollen wir hier hinziehen?«
Am Rathausplatz setzen wir uns und beginnen zu zeichnen, während Familien und Paare Eis essend an uns vorbeiflanieren. Die meisten Zeichner wenden sich dem Rathaus und dem Brunnen zu, mein Interesse gilt der Rückseite des Platzes. »Sieht ja aus wie ein Bild aus einem Fünfziger-Jahre-Film«, sagt Julia. Sie hat recht. Es ist wohl eine nostalgische Regung, die mich an diese Ecke zieht. Ein vierstöckiges Jahrhundertwendehaus, an dessen Brandmauer ein kleineres, zweistöckiges Haus, vermutlich aus der Nachkriegszeit, klebt, wirkt irgendwie rührend. Außerdem wirft das größere schöne Schlagschatten auf das kleinere. Ich setze mich in einiger Entfernung auf die Mitte des Platzes.
Im Flow
Während ich loslege, kommt eine Zeichnerin zu mir, die sich die Beine vertritt. Das viele Sitzen macht steif. »Kannst du erkennen, was genau auf dem Schild von CAP steht?« frage ich sie. »CAP – Der freundliche Frischemarkt«, antwortet sie. »Kenne ich nicht.« »CAP haben wir in Düsseldorf auch«, klärt sie mich auf. »Das ist ein inklusiver Gemüsemarkt. Da arbeiten auch Menschen mit Behinderung.« »Lief wohl nicht so gut in Durlach, sonst wäre der Laden nicht aufgegeben worden.« »Woran siehst du das?« fragt sie. »Weil die Schaufenster mit Postern beklebt sind wie auf einer Litfaßsäule. Die Poster habe ich schon gezeichnet.«
Ich bin im Flow. Nachdem ich mit der Umrisszeichnung fertig bin, fange ich an zu kolorieren. Wieder guckt mir jemand über die Schulter. Diesmal ist es ein älterer Mann, jedenfalls älter als ich, mit Jeansjacke und langem weißen Haar. »Mich hat die Brandmauer interessiert«, erkläre ich ungefragt. Er guckt auf mein Bild und dann auf die Häuser. Dann hält er inne, so als würde er darüber nachdenken, ob er er überhaupt etwas zu mir sagen sollte. »Ja. Passt«, sagt er und geht.