07.05.2026
Linda Martín Alcoff will den Begriff der Rasse bewahren

Die linke Wiederentdeckung der Rasse

Wie Linda Martín Alcoffs identitätspolitische Weltsicht nicht nur den Universalismus delegitimiert, sondern auch der extremen Rechten Argumente liefert – nur mit umgekehrten Wertungen.

Die US-amerikanische Philosophin Linda Martín Alcoff hielt 2022 die vom Frankfurter Institut für Sozialforschung in Kooperation mit dem Suhrkamp-Verlag organisierten »­Adorno-Vorlesungen«, die nun unter dem Titel »Kultureller Rassismus und die Krise der weißen Identität« auf Deutsch erschienen sind. Der Text liest sich wie ein ein Manifest der postkolonialen Theorie und des postmodernen Antirassismus.

Alcoff beginnt mit der These, dass die Kategorie der Rasse die soziale und ökonomische Form heutiger Gesellschaften fundamental präge. Um Ungleichheit verstehen zu können, müssten »Rassismus und Ko­lonialismus ins Zentrum« der Auseinandersetzung rücken.

Im ersten von drei Abschnitten diskutiert Alcoff den Begriff der Rasse. Ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von Rasse habe dazu geführt, dass diese Kategorie als »schändliche (…) Erfindung« begriffen werde. Die Kategorie der Rasse ermögliche aber »Selbstorganisation« sowie »Widerstandsgemeinschaften und kollektive Solidaritätsbande«. Es gehe bei aus der Rasse entstehenden Identitäten also um »Handlungsmacht«. Die Aufgabe der Critical Philosophy of Race sei es, Rasse »in den Bereich des Sagbaren zu überführen«.

Alcoffs Alternative zum Sozialkonstruktivismus besteht darin, Rasse als historische Formierung zu begreifen, die eine Identität liefert.

Die Übersetzerin merkt in einer Fußnote an, dass race etwas anderes als der deutsche Begriff »Rasse« bedeute, weshalb sie ihn in Anführungszeichen setzt oder einfach »Race« wie ein deutsches Hauptwort verwendet. Worin sich beide Begriffe unterscheiden, wird allerdings nicht hinreichend geklärt; das Buch diskutiert dann auch oftmals die Bedeutungen, mit denen der Begriff im Deutschen belegt ist.

Alcoffs Alternative zum Sozialkonstruktivismus besteht darin, Rasse als historische Formierung zu begreifen, die eine Identität liefert. Solche Identitäten seien ein Gemisch aus »physiologischen und historischen Faktoren« und würden sich in allen sozialen Beziehungen zeigen. Es sei nicht möglich, diese Identitäten als Individuum durch abweichendes Handeln oder Denken abzulegen, eine Selbstbeschreibung ohne sie sei nicht möglich. Wir erhielten sie »im Augenblick unserer Geburt«. Die Frage sei also nicht, ob es Identitäten gibt, sondern wie sich diese kollektiv ausgestalten lassen. Alcoff positioniert diese Identitäten gegen den Universalismus und die »westlichen Rationalitätskonzeptionen« – explizit auch gegen ihre linken Varianten. Es gehe darum, »auf der ontologischen Ebene« zu verstehen, wie Rasse auf uns wirke. Auch linke Weiße, die sich gegen Rassismus engagieren, seien durch die weiße Identität geprägt.

Der zweite Abschnitt zum »kulturellen Rassismus« vertritt die These, dass die bloße Vorstellung von Kul­turen dazu diene, die europäische Kultur als überlegen darzustellen, und deshalb rassistisch sei. Für Alcoff ist der Universalismus eine Machttechnik, er könne daher keinen legitimen Maßstab abgeben, um eine Kultur als einer anderen überlegen auszuweisen. Damit sei bereits die Kategorie Kultur »rassistisch«. Dieser letzte Argumentationsschritt wird jedoch nicht nachvollziehbar begründet. Im Widerspruch dazu steht auch ihre Definition von Kultur als »Sinnstiftungsprozess«, in dem gemeinsame historische Erfahrungen zur Schaffung eines »hermeneutischen Horizonts« führten.

»Krise der weißen Identität«

Der kulturelle Rassismus sei kein Randphänomen, sondern durchdringe alle Bereiche: »In Wahrheit sind die westlichen Diskurse auf jedem Gebiet – von Kunst über Philosophie bis Medizin – mit kulturellem Rassismus durchtränkt.« Dieser kulturelle Rassismus könne nicht durch die rechtliche Gleichheit aller Subjekte beseitigt werden. Ein Urteil nicht als Aus­druck der »eigenen ­spezifischen Lebensweise«, sondern als universell anzunehmen, sei »kultureller Rassismus«. Ihr Beispiel für solch eine rassistische, weil universelle Aussage ist: »Kinder sollten niemals geschlagen werden.«

Als Gegenkonzept stellt Alcoff die »Transkulturation« dar, den beständigen Prozess der Vermischung von Kulturen. Sie diskutiert nicht ausreichend, wie es zu dieser kommt und welche Elemente sich dabei durchsetzen beziehungsweise verlorengehen, ebenso wenig, inwieweit Herrschaft, Macht und Über- oder Unterlegenheit eine Rolle spielen. In ihrer Argumentation gegen kulturelle Überlegenheit entwirft Alcoff ein Bild von Indigenen, das an Rousseaus »edlen Wilden« erinnert. Sie behauptet sogar, dass die Entwicklung einer Schrift keinen kulturellen Fortschritt darstelle, sondern »münd­liche und bildliche Kommunikationsverfahren ganz einfach eine eigenständige Form von Literalität sind«.

Das dritte Kapitel behandelt die »Krise der weißen Identität«. Alcoff betont, dass diese Krise keine Erfindung der Rechten sei. Die »demographischen Verschiebungen« in den europäischen Staaten seien real und ebenso der Bedeutungsverlust der Weißen. Insbesondere die Situation der weißen Arbeiterklasse verschlechtere sich ständig, diese sei einer echten Bedrohung ausgesetzt. Alcoff betont, »dass die Identitätskrise der Weißen nicht hausgemacht, kein Produkt von Verschwörungstheorien weißer Nationalist:innen und auch keine pathologische Wahnvorstellung in Form dessen ist, was Hegel falsches Bewusstsein genannt hat, das entsteht, wenn man die eigene Si­tuation missversteht. Die Krise ist in einem Maße real, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher.« Es gebe eine legitimatorische und narrative Krise, welche die liberalen Demokratien nicht bewältigen könnten. Die Lösung bestehe in einer forcierten »Dekolonialisierung«.

Universalismus, Vernunft und »liberale Demokratie«

Alcoff reduziert die Ausbeutung und Kapitalakkumulation auf Kolonialismus und Sklaverei – die sogenannte ursprüngliche Akkumulation und die Ausbeutung der weißen ­Arbeiterklasse werden dabei nicht berücksichtigt. Sie warnt vor einem neuen Faschismus; die Krise der weißen Identität sieht sie als Hauptantrieb für rechtspopulistische und ­autoritäre Bewegungen. Es brauche daher eine kollektive Erfahrungs­veränderung. Alcoff konstruiert eine Dichotomie: Entweder werde die Dekolonialisierung vorangetrieben oder die westlichen Länder würden faschistisch.

Universalismus, Vernunft und »liberale Demokratie« sind für Alcoff offensichtlich nur Ausdruck »weißer Vorherrschaft«. Einen »farbenblinden« Antirassismus, der die die Kategorie der Rasse durch solche wie ­Individuum oder Klasse ersetzen möchte, lehnt sie explizit ab. Es sei für Weiße aufgrund begrenzter »­individueller Handlungsmacht« nicht möglich, sich von dieser Identität zu lösen. Dies zu versuchen, bedeute, die eigenen Privilegien zu verdecken, denn »Elemente unserer Subjektivität« gingen auf unsere Rasse zurück. Dass auch Weiße ausgebeutet und unterdrückt würden, habe seine Ursache in der »Aufspaltung der Weißen untereinander«. Die Spaltung innerhalb der Gesellschaft verlaufe jedoch nicht entlang von Klassen, sondern auf der Basis von Rasse.

Sie unterteilt das Weißsein »in ­einen empirischen, einen imaginären und einen subjektiven Teil«. Empi­risches Weißsein sei »ein messbarer Gegenstand«, weshalb auch die europäischen Staaten ihre statistische Praxis ändern und Rasse immer miterheben müssten. Das imaginierte Weißsein umfasse nicht nur explizierte »weiße Vorherrschaft«, sondern auch den Deutungsrahmen von »Empfindungen und Leben«. Aus der Kombination von empirischem und imaginiertem Weißsein entstehe dann die weiße Subjektivität. Alcoff schließt daraus: »Weißsein ist also real. (…) Es erlaubt Vorhersagen über Verhaltensweisen. Es ist nicht bloß eine falsche Vorstellung.«

Die Linke müsse »in der Lage sein, über ›Rasse‹ und Weißsein zu sprechen«.

Alcoff versucht, gegen die Legitimität rechter Identitätspolitik zu argumentieren, hat dabei jedoch zwei grundlegende Probleme: Erstens argumentiert sie von der Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts aus, sie kritisiert klassischen Rassismus und Sklaverei, nicht aber die heutige weiße Identitätspolitik. Zweitens ist ihre Argumentation auf die USA zentriert und geht primär vom Paradigma des Siedlerkolonialismus aus. Selbst wenn man dieses ­akzeptiert, hat es wenig Relevanz für Europa.

»Den Aufstieg der extremen Rechten und nationalistischer Bewegungen bloßem Unwissen oder ­Rassismus zuzuschreiben«, meint Alcoff, »ist unplausibel: Diese Be­wegungen speisen sich aus der Angst vor einer Zukunft, in der Weiße keinen Platz mehr haben, kein Ansehen genießen und nicht mehr respektiert werden.« Dem könne sich die Linke nicht entgegenstellen, indem sie einende Faktoren wie die Klasse oder gemeinsame Kämpfe wie den Klimaschutz ins Zentrum stelle.

Vielmehr müsse die Linke selbst die Kategorie der Rasse verwenden. Die Linke müsse »in der Lage sein, über ›Rasse‹ und Weißsein zu sprechen«. Alcoff argumentiert mit Foucault, es müssten Populationen und die mit diesen verbundenen Machtstrukturen thematisiert werden. »Man kann sich unter der Population von Belang die gesamte weiße Rasse vorstellen.« Aufgrund der Verschlechterung ihrer Situation hätten die armen Weißen jedoch ein Interesse daran, dass Weißsein die relevante Kategorie bleibt. Alcoff möchte die Narrative der nichtweißen Bevölkerungsgruppen gegen das Narrativ der Weißen stärken. Sie behauptet mehrfach, empirische und historische Studien würden ihre Position stützen, aber die Belege dafür bleibt sie oft schuldig.

Simples Schema von Unterdrückern und Unterdrückten

Ihre Sicht auf die Welt ähnelt jener der radikalen Rechten. Positive und negative Bewertungen sind nur getauscht. Denn schließlich sei das Weißsein real und Individuen könnten ihm nicht entkommen oder auf andere Kämpfe ausweichen. Doch welchen wahren Kern haben ihre Ausführungen und wo liegen ihre Fehler? Aufgrund mangelnder Ökonomiekritik verklärt sie einerseits Phänomene des globalen Kapitalismus als Folgen von Rassismus und Kolonia­lismus und verfällt in ein simples Schema von Unterdrückern und Unterdrückten.

In Bezug auf »Krise der weißen Identität« stammen die Probleme aus Alcoffs philosophischen Prämissen: dem postmodernen Relativismus und Foucaults Machtverständnis. Die Welt sei von auf Identität basierenden Machtstrukturen geprägt, die sich dem einzelnen Individuum entziehen. Eine Annahme, die auch in der radikalen Linken in Deutschland weit verbreitet ist. 

Wer wie Alcoff argumentiert, dass auch »Weiß« solch eine Identität ist, und deren Krisenhaftigkeit konstatiert, hat Probleme zu erklären, warum Weiße als einzige Gruppe nicht für ihre Interessen eintreten sollten. Die einzige mögliche Begründung wäre ein moralisches Argument, das Alcoff aber nicht vorbringt und nach der postmodernen Absage an den Universalismus auch nicht mehr vorbringen kann. Ohne dieses ist es dann aber durchaus plausibel, wenn auch Weiße für ihre Identität kämpfen.

Die Übernahme von Alcoffs Weltsicht kann daher der Weg in die ­radikale Rechte sein. Die Wiederentdeckung der »Rasse« im linken ­Diskurs ist letztlich die Konsequenz postmoderner Theorie; das eine lässt sich daher heute nicht ohne das andere demontieren.


Buchcover

Linda Martín Alcoff: Kultureller Rassismus und die Krise der weißen Identität. Ein ­dekolonialer Weg. Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Pries. Suhrkamp, Berlin 2025, 32 Euro, 378 Seiten